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Nach Fund des VRE-Keims in Kaiserswerth
So werden harmlose Keime gefährlich

VRE-Keim: So werden harmlose Keime gefährlich
Das Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf-Kaiserswerth. FOTO: dpa, fg htf
Düsseldorf. Im Florence-Nightingale-Krankenhaus in Kaiserswerth ist der gefährliche VRE-Keim auf der Frühchen-Station festgestellt worden. Nicht selten bringen Patienten die angeblichen "Krankenhaus-Keime" mit in die Klinik und sind irritiert, wenn sie dort bei ihnen gefunden werden. Viele Antibiotika sind als Waffe stumpf geworden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema. Von Wolfram Goertz

Auf der Kinderintensivstation des Florence-Nightingale-Krankenhauses in Kaiserswerth wurde an 13 Säuglingen der Keim VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken) festgestellt. Dieser Keim kann kranken oder immungeschwächten Patienten gefährlich werden. Alle Kinder wurden isoliert. Lebensgefahr bestand laut Klinik in keinem Moment.

Was sind Enterokokken?

Das sind friedliche Keime, die im Darm von Tieren und Menschen vorkommen und dort lebensnotwendige Tätigkeiten verrichten. Sie sind also von Natur aus keine Killer, wie mancherorts zu lesen ist, sondern eher Lebensspender. In anderen Umgebungen als dem Darm können sie jedoch Krankheiten auslösen, und zwar dann, wenn diese Menschen geschwächt sind. Das trifft auch auf Neugeborene zu.

So gefährlich sind Klinikkeime FOTO: dapd

Was bedeutet VRE?

Es bedeutet "Vancomycin-resistente Enterokokken". Diese Keime sind unempfindlich gegen spezielle Antibiotika geworden, vor allem gegen Vancomycin, das früher zu den hochpotenten Reserve-Antibiotika zählte. Leider hat die absurd hohe Antibiotika-Gabe in der Landwirtschaft und auch in der Humanmedizin dafür gesorgt, dass sich der ansonsten gut zu knackende Enterococcus-Keim durch eigenes Abwehrverhalten und den erhöhten Selektionsdruck in seiner Struktur verändert hat – und zwar per genetischer Mutation. Ein VRE-Keim existiert wie unter einer Tarnkappe weiter und wird von Antibiotika schlechter identifiziert – sie schießen an ihm vorbei.

Ist der Keim sehr gefährlich?

Diese Reservemedikamente liegen in den Panzerschränken der Ärzte

Es gibt deutlich gefährlichere, etwa die aus Asien kommenden Keime mit dem NDM-1-Resistenz-Gen. NDM-1 steht für Neu-Delhi-Metallo-Beta-Lactamase, also Bakterien, die nach einer Mutation ihre Resistenz gegen mehrere Antibiotika stark erhöht haben. Als sehr gefährlich stufen Fachleute auch den Keim Clostridium difficile ein, der auf Desinfektion kontraproduktiv reagiert, weil er dann Sporen bildet. Da sollte man viel besser gründlich mit Seife reinigen und erst danach desinfizieren. Dagegen ist VRE ein netter Nachbar.

Warum gilt er als Krankenhauskeim?

Weil er fast immer zuerst im Krankenhaus gefunden wird, nie im normalen Alltag. Dort kommt ja auch niemand auf die Idee, die Besiedelung seiner Haut einmal mikrobiologisch untersuchen zu lassen. Das machen erst die Kliniken im Rahmen eines routinemäßigen Screenings, also bei einem Abstrich ihres Patienten, und dabei fallen die Keime natürlich auf. Und selbstverständlich sucht man heutzutage nach Keimen, da alle Welt auf sogenannte "Krankenhaus-Keime" hochgradig sensibilisiert ist, auch gründlicher als früher. Und wo mehr gesucht wird, da findet man auch mehr.

Kapuzinerkresse, Propolis, Thymian: Die besten Antibiotika aus der Natur FOTO: Shutterstock/oksix

Wie viele Patienten, die in ein Krankenhaus kommen, tragen einen multiresistenten Erreger in sich?

Prof. Klaus Pfeffer vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene der Uniklinik Düsseldorf formuliert das so: "Wir wissen, dass jeder siebte bis achte Patient, den wir in der Uniklinik aufnehmen, einen multiresistenten Erreger mitbringt; er trägt ihn bereits am Tag seiner Aufnahme in sich und hat ihn nicht bei uns eingefangen. Deshalb ist das Wort 'Krankenhauskeim' auch falsch. Viele Menschen leben mit diesen resistenten Bakterien schon lange – und das nicht schlecht."

Sind uns etwa die Niederländer mit ihrem einleitenden Krankenhaus-Screening auf den MRSA-Keim (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) überlegen?

Diese Überlegenheit schwindet, weil Deutschland in diesem Punkt von den Holländern gelernt hat.

Welche Bedeutung hat die Qualität der Hygiene in den Krankenhäusern?

Die hygienischen Standards in vielen Kliniken sind sehr hoch, doch menschliches Versagen oder Unaufmerksamkeit ereignet sich immer wieder. Den Keim kann auch ein Angehöriger in die Klinik mitgebracht haben. In Kaiserswerth muss die Index-Person (diejenige, die den Keim entweder importiert hat oder von der aus er übertragen wurde) noch identifiziert werden. Jetzt folgt eine Typisierung der Keime, wodurch Abhängigkeitsverhältnisse und Übertragungslinien aufgedeckt werden können.

Hilft es eigentlich, wenn sich das Pflegepersonal konsequent steril macht?

Hypothetisch schon, aber dieser Anspruch ist unrealistisch. Die Zahl der Mitarbeiter in der Pflege wird in jeder deutschen Klinik drastisch heruntergefahren, zugleich steigt der Anteil der isolierten Patienten. Das Personal auf Intensivstationen verbringt mehr Zeit mit dem stets wiederholten Umkleiden von Raum zu Raum als mit den eigentlichen pflegerischen Tätigkeiten.

Fehlt es an neuen potenten Antibiotika?

Leider ja. Viele antibiotische Waffen sind stumpf geworden oder werden es bald sein, wenn sie weiter ungehindert verwendet werden. Das ist auch der Grund, warum die Pharmaindustrie nicht sonderlich daran interessiert ist, neue Antibiotika zu entwickeln: Deren Wirkungsdauer könnte ebenfalls sehr kurz sein, und dann hätte sich die Investition kaum gelohnt.

Sollte man die Antibiotika-Vergabe drakonisch sanktionieren?

Es gibt Experten, die genau das fordern: Antibiotika so restriktiv zu behandeln wie Medikamente, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Die Ärzteschaft würde sich dagegen aber wehren, weil sie eine solche Regelung als Beschneidung der therapeutischen Autonomie sähe. Tatsächlich hülfe eine Restriktion aber genau im Fall jener vielen Patienten, die von einem Arzt bei einem grippalen Infekt ein (stets nutzloses) Antibiotikum verlangen. Der Arzt könnte dann einfach sagen: "Das darf ich nicht verschreiben, weil es nicht hilft." Das wäre ein Fortschritt.

Quelle: RP
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