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Nobelpreis für Medizin
Wie Autophagie Krebs, Alzheimer und Herzerkrankungen hemmt

Warum Medizin-Nobelpreis-Entdeckung Autophagie Krebs und Alzheimer hemmt
Querschnitt durch eine menschliche Zelle. FOTO: eranicle/ Shutterstock.com
Düsseldorf. Der Japaner Yoshinori Ohsumi hat für die Entdeckung der Gene, die zur Autophagie in den Zellen führen, den Nobelpreis bekommen. Warum die Müllabfuhr der Zellen einer der gesündesten Prozesse im Körper ist, und wie man ihn anregen kann, erklärt der Biophysiker Thomas Finkenstädt. Von Susanne Hamann

Herr Finkenstädt, gerade wurde für die Entdeckungen zum Thema Autophagie der Nobelpreis vergeben. Sie selbst haben viel zu dem Thema geforscht. Warum ist dieser Prozess so wichtig für den Menschen?

Finkenstädt Die Autophagie ist ein lebensnotwendiger Prozess, um Zellbestandteile zu entsorgen. Man könnte also sagen, es ist die Müllabfuhr der Zelle. 

Aber entsorgt der Körper seinen Müll nicht durch regelmäßige Zellerneuerung?

Finkenstädt Das stimmt, aber dieser Prozess dauert ungeheuer lange. Die Hautzellen des Menschen erneuern sich etwa alle sieben Jahre, die Blutzellen werden etwa alle 100 Tage vollständig ersetzt. Die Autophagie kann aber jeden Tag ablaufen und sorgt dafür, dass sich die Zelle von überflüssigen oder gar schädlichen Bestandteilen reinigt. 

Und wie funktioniert das?

Finkenstädt Damit die Zelle in Fastenzeiten Energie produzieren kann, nimmt sie alte oder defekte Bestandteile aus sich selbst und verbrennt sie. Das Resultat: Der Körper beginnt sich selbst zu reinigen und zwar rundum bis hin zu den Nervenzellen im Gehirn. Immer mehr Studien zeigen außerdem, dass Autophagie einer der Haupthemmprozesse von degenerativen Krankheiten wie Krebs, Alzheimer und Herz-Kreislauferkrankungen ist. Deswegen wird neben der Wirkung von Autophagie inzwischen immer mehr erforscht, wie man den Prozess künstlich einleiten kann. 

Thomas Finkenstädt ist Biophysiker und Geschäftsführer eine Internetfirma mit Sitz in Düsseldorf. FOTO: Picasa

Und gibt es dazu schon Erkenntnisse?

Finkenstädt Ja, sehr sichere sogar. Autophagie kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Ein Punkt ist etwa Kaffee - so lange er schwarz getrunken wird oder mit Pflanzenmilch. Tierisches Eiweiß wie Kuhmilch hemmt sie dagegen, weil es die Aminosäure Methionin enthält. Was mich zum zweiten Punkt bringt: Pflanzliches Protein vor allem in Soja und Weizen regt die Autophagie stark an. Das liegt daran, dass diese Lebensmittel sehr viel Spermidin enthalten. Ein Polyamin, dass die Autophagie stimuliert. 

Gibt es noch andere Lebensmittel, die Spermidin enthalten?

Finkenstädt Hohe Konzentrationen findet man außerdem in grünen Bohnen, Brokkoli, Pilzen, Mango, fermentiertem Käse wie etwa Cheddar und Weizenkleie. Davon sollte man also ruhig viel essen, egal ob gekocht oder roh. Außerdem sind Fastenstunden innerhalb des Tages hilfreich, man spricht hier vom sogenannten intermittierenden Fasten. Nach wie vielen Stunden genau die Autophagie anspringt ist nicht gesichert. Es sind vermutlich acht, zehn oder zwölf Stunden. Richtig ist aber, dass regelmäßige Fastenzeiten helfen. Weshalb übrigens auch Sport gut ist. Denn dabei werden die Zellen in einen Nährstoffmangel versetzt, also auch in eine Art Fastenzeit, was wiederum die Autophagie auslöst. Deshalb sollte man auch bis zu zwei Stunden nach dem Sport nichts essen. 

Das heißt, die Autophagie anzuregen macht auch schlank?

Finkenstädt Nicht unbedingt automatisch. Aber Studien an Mäusen haben gezeigt, dass Tiere, die bis zu zwölf Stunden am Tag fasten, eine Ernährung entsprechend der eines McDonalds-Menüs gesundheitlich und auf der Waage besser verkraften als die Vergleichsgruppe, die den ganzen Tag lang essen durfte. 

Gibt es eine Personengruppe, der Sie besonders empfehlen, Autophagie im Körper anzuregen?

Finkenstädt Im Alter nimmt die Konzentration von Spermidin im Körper ab, deswegen ist es für Senioren besonders wichtig, um etwa Prozesse wie Alzheimer zu verlangsamen. Derzeit gibt es mehrere Studien dazu, deren Ergebnisse in Kürze veröffentlicht werden. 

(ham)
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