Wirkung und Nebenwirkung gegenübergestellt
Kortison – Wundermittel oder Teufelszeug?

Kortison: Sieben wichtige Regeln für die Therapie
Kortison: Sieben wichtige Regeln für die Therapie FOTO: abda
Düsseldorf. Für Allergiker kann Kortison lebensrettend sein, Rheuma-Patienten bringt es Schmerzfreiheit. Doch ist Kortison als Teufelszeug verschrien. Wie gefährlich ist es wirklich? Von Tanja Walter

Kortison ist ein Hormon, das der Körper selbst in der Nebennierenrinde bildet. Als es 1936 ersten Forscherteams gelang, diesen Stoff aus der Nebennierenrinde zu isolieren, konnte noch keiner den Siegeszug vorhersehen, den das lebenswichtige Hormon einmal in der Medizin antreten würde. Erst zehn Jahre später gelang es, diese Substanz chemisch herzustellen. Weitere zwei Jahre vergingen, bis man das Mittel in den USA bei der Behandlung einer schwer rheumakranken Patientin einsetzte. Sie litt durch ihre entzündeten Gelenke starke Schmerzen. Wenige Tage nach der Behandlung mit Kortison konnte sie schmerzfrei laufen. 1950 wurden die drei Biochemiker Kendall, Reichstein und Hench mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet, weil es ihm gelungen war, die Substanz chemisch herzustellen.

Hier hilft das Hormon Kortison

Kortison wurde fortan in großen Mengen produziert und vor allem in der Rheumatherapie eingesetzt. Heute hilft Kortison bei der Behandlung schwer entzündlicher Zustände. Es wird unter anderem bei Hauterkrankungen, Asthma oder Allergien, Morbus Crohn oder Rheuma in unterschiedlichen Darreichungsformen verordnet. In der Krebstherapie verhindert es die Bildung von Ödemen. Zum Einsatz kommt es in Nasenspray, Cremes, Salben, Infusionen oder Tabletten und wird von den Patienten, die es verschrieben bekommen, nicht immer dankbar angenommen. Sie haben Angst. Das stärkste entzündungshemmende Medikament geriet wegen seiner Nebenwirkungen in Verruf. Nach Aussagen von Ärzten und Fachverbänden können Medikamente, die Kortison enthalten zwar tatsächlich Nebenwirkungen verursachen, allerdings nur, wenn es über mehrere Wochen in hohen Dosen eingenommen oder angewendet werden muss.

Gefürchtete Nebenwirkungen

Bekannter als die heilende Wirkung des Wirkstoffs sind eher die schadhaften Wirkungen des Medikaments: Glukokortikoide können bei langer Behandlung zu Übergewicht, erhöhtem Blutdruck, Aufschwemmung der Patienten und Schäden an Leber und Nieren, Diabetes oder auch Osteoporose führen. Denn Kortison greift in viele Stoffwechselprozesse ein. Eiweiß und Fette bauen sich unter der Wirkung des Hormons verstärkt a, der Zucker- und Wasserhaushalt sind beeinträchtigt. So erklären sich die möglichen Nebenwirkungen. Menschen, die mit Kortison behandelt werden, sind oftmals infektanfälliger, denn das Kortison schwächt das Immunsystem. Nutzen möchte man das vor allem bei Allergikern. Deren Organismus reagiert mit allergischen Symptomen, weil ihr Immunsystem auf bestimmt Dinge übertrieben reagiert.

"Kortison reguliert den Kohlehydrat- und Fettstoffwechsel unseres Körpers. Wer dauerhaft Kortison nehmen muss, sollte deshalb möglichst wenig Zucker zu sich nehmen, da Kortison denBlutzuckerspiegel erhöht. Hohe Dosen von Kortison verringern darüber hinaus die Salzauscheidung des Körpers", erklärt Dr. Wolfgang Wesiack vom Berufsverband Deutscher Internisten. Patienten, die auf den Wirkstoff angewiesen sind, sollten darum auf eine salzarme Ernährung achten. Bei Anwendungen auf der Haut kann die Haut nach langer Behandlung dünner werden – ein ebenfalls eigentlich unerwünschter Effekt.

Wie begründet Angst vor Nebenwirkungen ist

"Die Vorbehalte beruhen auf Halbwissen und stammen aus den 70er Jahren, als Kortison negative Schlagzeilen machte", sagt Friedemann Schmidt, Vizepräsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Meist problemlos könne das synthetisch hergestellte Hormon heute lokal angewendet werden. Das zum Beispiel tun Patienten, die unter Polypenbildung in den Nasennebenhöhlen Beschwerden haben mit einem vom Hals-Nasen-Ohrenarzt verschriebenen Nasenspray. Ebenso tun das Neurodermitiker, die bei starken Entzündungsreaktionen der Haut vorübergehend eine kortisonhaltige Salbe auf die Haut auftragen oder Allergiker, die starke allergische Reaktionen an den Augen zeigen mit entsprechenden Augentropfen.

Bei solchen lokalen Anwendungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kortison in den Blutkreislauf gelangt äußerst gering. Die Substanz wirkt dort, wo sie aufgebracht wird. Nur ganz geringe Mengen gelangen, wenn überhaupt ins Blut. Versorgt ein Neurodermitiker über eine Woche hinweg seine Haut mit einer kortisonhaltigen Creme, muss er zunächst einmal nichts befürchten. Der Wirkstoff blockiert die Bildung proentzündlicher Stoffe und wirkt so einer überschießenden Immunabwehr des Körpers entgegen.

Richtige Anwendung ist das A und O

Kortison-haltige Arzneimittel sollten je nach Konzentration und Wirkstoff nicht länger als einige Wochen auf die Haut aufgetragen werden. Die ein- bis zweimalige Anwendung pro Tag reicht meist aus und verringert das Risiko für Nebenwirkungen. Eine häufigere Anwendung steigert das Risiko für Nebenwirkungen. Nach dem Auftragen sollte man sich die Hände waschen um zu verhindern, dass das Medikament in die Augen gelangt. In Hautfalten und im Gesicht sollten diese Medikamente grundsätzlich nur mit Vorsicht aufgetragen werden.

Kortisonhaltige Asthmasprays oder -pulver entfalten ihre volle Wirkung erst nach Tagen bis Wochen. Gegen akute Asthmaanfälle wirken sie nicht direkt. "Das sollten Patienten wissen, damit sie ein verordnetes Medikament nicht vorschnell als 'unwirksam' abschreiben", sagt Schmidt. Um das Risiko einer Pilzinfektion zu verringern, sollten diese Medikamente vor den Mahlzeiten angewendet werden. Alternativ empfehlen Apotheker, sich nach jeder Inhalation den Mund auszuspülen oder die Zähne zu putzen.

Der Körper produziert es selbst

Ist der Körper im Ruhezustand, bildet er selbst den Stoff Kortisol, auf dem Kortison basiert in einer Menge von 8 bis 25 Milligramm. Unter Stressbelastung oder im Schockzustand können es sogar 300 Milligramm sein, die der Körper ausschüttet. Das ist zum Beispiel nach Unfällen mitunter lebensrettend, denn das ausgeschüttete Kortison mobilisiert im Körper gespeicherte Energiereserven.

Bei gesunden Menschen ist die Balance zwischen Kortisonproduktion und –verbrauch gegeben. Dann ist die Kortisolproduktion in den frühen Morgenstunden zwischen 6 und 8 Uhr am höchsten und nimmt danach über den Tag ab, bis sie gegen Mitternacht ihr Minimum erreicht hat. Dieses Wissen ist für manche Therapie und die an Zeiten gebundene Einnahme eines synthetischen Kortisons wichtig. Meist empfiehlt der Arzt, Kortison-Präparate morgens anzuwenden.

"Um eine lang andauernde Kortison-Behandlung zu beenden, muss die Dosis langsam reduziert werden bis der Körper wieder genügend eigenes Kortison herstellt", erklärt Internist Dr. Wesiack. Sonst riskiert man eine Schockreaktion oder Kreislaufversagen. In geringen Dosen oder kurze Zeiträume angewandt, muss man die Nebenwirkungen, wegen denen Kortison in Verruf geriet, nicht fürchten.

(wat/anch/csi/wat)
 
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