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Gesundheit
So teuer kommt uns Zucker wirklich

Gesundheit: So teuer kommt uns Zucker wirklich
210 Euro gibt jeder Deutsche wegen Karies und anderer Zahnkrankheiten beim Zahnarzt aus. (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/Kyrylo Glivin
Düsseldorf. Limonade, Ketchup und Eis - die Deutschen essen gerne Zucker. Schmerzlich bemerkbar macht sich das in der Zahnarztbehandlung - und deren Kosten. Kaum ein Volk gibt so viel pro Kopf und Jahr für den Zahnarzt aus. Doch wie viel Zucker ist zu viel? Von Tanja Walter

Weltweit essen die Menschen deutlich zu viel Zucker. Das hat negative Folgen für Zähne und Gesundheitskosten: Allein in Deutschland kosten die Zahnbehandlungen pro Jahr und Kopf 210 Euro, so das Ergebnis einer Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU). Damit zählt Deutschland im internationalen Vergleich zu der Gruppe der Länder mit den höchsten Zahnbehandlungskosten pro Kopf und Jahr. Die Schweiz (300 Euro), Dänemark (178 Euro) und die USA (138 Euro bzw. 185 US-Dollar) gehören ebenfalls dazu.

Statt 50 Gramm essen wir im Schnitt 100 Gramm

Dabei gibt es klare Empfehlungen für den Zuckerkonsum: "Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, dass nicht mehr als zehn Prozent der Tagesenergie aus Zucker kommen sollte", sagt die Berliner Oecotrophologin Manuela Marin. Die Weltgesundheitsorganisation limitiert in ihren Richtlinien die Tagesenergie aus Zucker sogar auf fünf Prozent. Umgerechnet sollten es im Durchschnitt also nicht mehr als 50 Gramm Zucker sein. 

Allein ein Glas herkömmliche Limonade enthält jedoch rund acht Zuckerwürfel. Das entspricht laut Studienautoren aus Halle-Wittenberg etwa 25 Gramm Zucker. Gibt es noch mehr Zucker, steigen ihrer Erkenntnis nach die Zahnbehandlungskosten in Ländern mit hohem Einkommen im Durchschnitt um 75 Euro.

Leicht passiert es, dass man diese Grenze schon beim Frühstück überschreitet: "Schmiert man sich ein Brot mit 43 Gramm Schokocreme, dann ist man schon bei 25 Gramm Zucker", sagt Marin. Mit dem Zucker im Kaffee oder einem weiteren Marmeladenbrot hat man die Tagesration bereits erreicht. Dabei ist vollkommen unerheblich, ob man Nahrungsmittel konsumiert, die mit normalem Haushaltszucker (Saccharose) versüßt sind, oder andere Zuckerarten enthalten sind wie Honig, Fruchtzucker (Fructose), Maltose (sie entsteht beim Bierbrauen) oder Lactose (Milchzucker). Auch hinter Begriffen wie Gerstenmalzextrakt, Glucosesirup oder Maltodextrin verbergen sich süßende und damit zahnschädliche Inhaltsstoffe. Laut Studie nehmen die Deutschen pro Kopf folglich zwischen 90 und 110 Gramm Zucker jeden Tag zu sich - doppelt so viel wie die empfohlene Menge. Die Folgen zeigen sich dann in Karies, kariesbedingten Zahnnerventzündungen, am Ende vielleicht sogar mit eitrigen Knochenentzündungen und Zysten.

Warum Zucker die Zähne zerstört

Wie aber schafft es Zucker überhaupt, die Zähne zu zerstören? "Nicht die Zucker zerstören die Zähne, sondern die säurehaltigen Stoffwechselprodukte in den klebrigen Zahnbelägen", sagt Jürgen Zitzen, niedergelassener Zahnarzt in Mönchengladbach. In der Plaque auf den Zähnen siedeln sich also Bakterien an, die die Fähigkeit haben, Zucker in Säuren umzuwandeln. Schon zehn Minuten nach dem süßen Eis beginnt dieser Prozess. Je schlechter die Mundhygiene, desto größer ist ihre Angriffsfläche und desto stabiler der kariesfreundliche Lebensraum. Nach einer Stunde fällt der Säurewert dann unter die kritische Marke von pH5. Danach erholt sich der Säurewert wieder und die Zähne remineralisieren sich, sagt der Zahnexperte. Vorausgesetzt allerdings, es kommt nicht die nächste Ladung Zucker nach. Hier lesen Sie, wie viel Zucker in welchen Lebensmitteln steckt.

Darum rät der Zahnarzt: Reduzieren Sie nicht nur die Zuckerkonzentration pro Mahlzeit, sondern auch die Zahl der Zuckerimpulse. So kann zum Beispiel eine am Abend über mehrere Stunden verzehrte Tüte Chips ebenso das Kariesrisiko erhöhen. Denn sie enthält jede Menge Kohlenhydrate, die der Körper pausenlos in Glukose umwandelt. Es bleibt also keine Remineralisierungszeit für die Zähne. Hier lesen Sie, was die häufigsten Fehler beim Zähneputzen sind.

Zucker kann darüber hinaus in Lebensmitteln stecken, von denen man es gar nicht glaubt. Denn trotz der Angaben in Nährwerttabellen, die auf Fertigprodukten Pflicht sind, schätzen Verbraucher Zuckergehalte falsch ein. Wie falsch, zeigte sich bei einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Zusammenarbeit mit der Universität Mannheim. Dabei ließ man 305 Eltern eine Einschätzung für den Zuckergehalt eines handelsüblichen 250-Gramm-Joghurt abgeben. Durchschnittlich schätzen die Befragten die enthaltene Zuckermenge auf vier Zuckerwürfel. Tatsächlich waren es elf. 

Alte Nährwerttabellen weisen meist nur Kohlenhydrate aus

Verbraucher können sich seit Dezember 2016 an den auf Produkten abgedruckten Nähwerttabellen orientieren, die genau ausweisen, wie hoch der Anteil der Kohlenhydrate ist und wie viel davon aus Zucker stammt. Bei Produkten hingegen, die bereits vor diesem Datum gekauft wurden, sind solche Angaben noch nicht zu finden. Bei ihnen kann man laut Manuela Marin nicht unterscheiden, welche Kohlenhydrate Zucker und welche Stärke seien. Auch komplexe Kohlenhydrate wie Stärke werden vom Körper in Zucker umgewandelt. Doch sind sie ein Muss für den Körper. Zucker sei das hingegen nicht.

Kaum jemand mache sich Gedanken darüber, dass auch in sauren Gurken oder in einer Fertig-Pizza Zucker steckt. Zudem rät die Ernährungsexpertin dazu, bei sogenannten Kinderprodukten genau hinzuschauen. "Sie enthalten oft eine extra Portion Zucker", sagt Marin. Auch Cornflakes, knuspriges Müsli oder Fertigmilchreis, die in der Werbung oftmals als zweites Frühstück empfohlen werden, sind meist sehr zuckerhaltig.

Klebrige Zuckerstoffe sind das größte Problem

Tückisch kann auch die Art des Zuckers werden: Wenn sie ernährungsphysiologisch keinen Unterschied macht, ist sie für die Zähne besonders gefährlich: Klebrige Zucker wie Honig oder die Süße in fein pürierten Smoothies, können für die Zähne besonders gefährlich werden, sagt Zitzen. Denn sie haften noch besser im Plaque. Wer die Wahl hat zwischen einem Smoothie und einem Stück Obst, dem rät der Zahnarzt klar zum Obst. "In einen Apfel zu beißen und ihn zu kauen, regt den Speichelfluss an. Das aktiviert die Selbstreinigung im Mund." Das Stück Obst ist auch Obstsäften gegenüber klar im Vorteil. Presst man beispielsweise Äpfel, steigt laut Zitzen der Zuckergehalt im Getränk auf einen ähnlichen Wert wie der in Limonade oder Cola. "Auch, wenn uns die Aufschrift "ohne Zuckerzusatz" etwas anderes annehmen lässt", sagt er.

Neben einer Zuckerreduktion lässt sich auch durch eine gute Zahnpflege, die gründlich den Plaques zu Leibe rückt, das Kariesrisiko und damit die Ausgaben beim Zahnarzt senken. Unterstützen kann daneben laut Zitzen der Verzehr von Milchprodukten wie Naturjoghurt oder Käse. Sie beinhalten Caseine, die karieshemmend sind.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Nährwerttabellen würden Kohlenhydrate und Zucker nicht unterscheiden. Tatsächlich ist das nur bei Produkten der Fall, die vor Dezember 2016 produziert wurden. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

 
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