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Rückenschmerzen und Schwindel
Wenn die Zähne krank machen

Hintergrund: Ursache Zähne: Die zehn häufigsten Beschwerden
Hintergrund: Ursache Zähne: Die zehn häufigsten Beschwerden FOTO: gms
Düsseldorf. Auch wenn der Bizeps schwächelt – mit den Zähnen sind wir immer stark. Beim Kauen üben wir eine Gewichtskraft von 40 bis 50 Kilogramm aus. Bei vielen Menschen läuft im Mund allerdings was schief. Von Tanja Walter

Ein Patient, dessen chronische Rückenschmerzen von keinem Orthopäden kuriert werden können, deckt nach jahrelanger Ärzteodyssee auf, dass er nicht - wie zunächst angenommen - an einem Bandscheibenvorfall leidet. Hinter seinen Beschwerden steckt auch keine Erkrankungen des Rückgrats, sondern an einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD), also einer Fehlstellung und Fehlfunktion der Kiefergelenke.

Gestört ist das Miteinander der Kaumuskulatur, des Kiefergelenks und der Zähne. Rund sieben Millionen Menschen in Deutschland leiden darunter, sagt der CMD-Dachverband e.V., in dem sich Physiotherapeuten, Zahnärzte, Osteopathen und Manualtherapeuten zusammengeschlossen haben, um Aufklärungsarbeit zu betreiben. Denn oft geht der Diagnose CMD eine lange und kostspielige Ärzteodyssee voraus. Sie ahnen nicht, dass hinter ihren Rückenschmerzen eigentlich die Zähne, genauer gesagt ihre Kiefermuskulatur steckt. Auch Tinnitus, eine Hörminderung, Kopfschmerzen, Schmerzen im Bereich der Ohren sowie im Gesicht oder Schwindel können auf diesen Auslöser zurückgehen.

Das verursacht die Schmerzen

Es sind fünf Muskelpaare sowie das linke und rechte Kiefergelenk, die als Teil eines komplexen Band- und Gelenkkapselapparts dafür sorgen, dass wir den Mund öffnen und den Unterkiefer seitwärts und nach vorn bewegen können. "Bei Störungen von außen gerät dieses System aus dem Gleichgewicht und es kommt zu Schmerzen in der Kaumuskulatur oder in den Kiefergelenken", erklärt die Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFDT). Bei Überlastungen der Kiefergelenke erzeugen die Gelenkköpfchen im Kiefer häufig Druck nach hinten. Das kleine Polster aus Blutgefäßen und Nerven, das sich dort befindet, kann dadurch sehr schmerzhaft reagieren.

Hinter den meisten Symptomen steckt eine Fehlfunktion der Kaumuskulatur, erklärt Dr. M. Oliver Ahlers, Zahnärztlicher Leiter des CMD-Zentrums in Hamburg-Eppendorf. "Die Kaumuskeln sind dann zu stark aktiv, der Patient beißt sich regelrecht durch und diese aktiven Kaumuskeln geraten dann in eine Art Muskelkater", sagt der Zahnarzt. Folge dessen sind Schmerzen, die nicht zwangsläufig in der betroffenen Zone der Kaumuskulatur auftreten müssen. Hinzu kommen können Bewegungseinschränkungen des Kiefers.

Was hat Stress damit zu tun?

Eine der Ursachen ist Stress. Jeder steckt Stress anders weg. Bei manchen schnellt der Blutdruck in die Höhe, andere laufen Gefahr, ein Magengeschwür zu entwickeln und wieder andere knirschen mit den Zähnen. Zähneknirschen, auch Bruxismus genannt, kann ebenso wie Zahnfehlstellungen dazu führen, dass es zu Funktionsstörungen des Kiefers kommt. Die Zähne greifen nicht mehr so aufeinander, wie sie das eigentlich tun sollten. Manchmal sind es fehlende Zähne, die einen Fehlbiss verursachen und die Kaumuskulatur überlasten.

Die Zähne sind im Schnitt täglich zwischen 15 und 30 Minuten mit dem Kauen beschäftigt. Dazwischen können sie sich entspannen. Theoretisch zumindest, denn nicht der Fall ist das, wenn man Nägel kaut, ständig ein Kaugummi im Mund hat oder an allem knabbert, das einem in die Finger fällt. Dann sind die Zähne im Dauereinsatz, der ihnen nicht gut tut. Die Muskulatur wird überbelastet. Auch durch die Fehlhaltung des Kopfes, Schlafen auf dem Bauch oder eine schlechte Sitzhaltung kann diese Muskulatur beeinträchtigt sein, informiert die Initiative Pro Dente e.V.

Wenn das Kiefergelenk knackt, wird diese Überbelastung spätestens akustisch wahrnehmbar. Offensichtlich werden kann das Problem auch dadurch, dass sich der Mund nicht mehr weit öffnen oder richtig schließen lässt, ohne Schmerzen zu verspüren. Die Mundöffnung kann blockiert sein. Das Gelenkköpfchen ist dann der Knorpelscheibe gerutscht, die die Bewegungen des Kiefers normalerweise abfedert.

Der Zahnarzt kann durch verschiedene Analyseverfahren dem Schmerz auf die Schliche kommen. Er wird Die Kaumuskulatur untersuchen, das Öffnen und Schließen des Kiefers beobachten, schauen, ob eine Zahnfehlstellung vorliegt. Zur Hilfe kann der Arzt spezielle technische Geräte nehmen, die den Bissbogen feststellen und den Biss simulieren können oder die Kiefergelenksstellung vermessen. Bevor Sie jedoch in Untersuchungen einwilligen, informieren Sie sich in jedem Fall bei Ihrer Krankenkasse, denn die Kassen übernehmen meist solch spezifische Analysen nicht.

Was kann der Zahnarzt tun?

Um Schmerzen und Verspannungen hinter sich zu lassen, sind Aufbisschienen ein probates Mittel, dem Patienten zu helfen. Die Fachleute der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik raten zu adjustierbaren Aufbissschienen statt zu nicht adjustierten. Zweitere werden vor allem für Menschen gefertigt, die nächtlich mit den Zähnen knirschen. Durch die einfachen Schienen wird das Abnutzen der Zähen durch das ständige Aufeinanderreiben verhindert.

Adjustierte Aufbissschienen sind hingegen aufwendiger in der Fertigung und Anpassung. Sie können falsche Bisslagen ausgleichen und wirken Verspannungen der Kaumuskulatur gezielt entgegen.

Wegen der Zähne zum Pysiotherapeuten?

Auch Pysiotherapeuten können ergänzend bei Problemen mit der Kaumuskulatur und den Kiefergelenken helfen. Denn auch mit dem Mund lässt sich vortrefflich "turnen". Die Bewegungsfachleute trainieren mit den Betroffenen zum Beispiel eine richtige Koordination der Mundöffnungsbewegung. Hier allerdings ist es hilfreich, den Zahnarzt nach spezialisierten Therapeuten zu fragen.

(wat/anch/csi)
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