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Wurzelbehandlung
Wenn sich Zähne nicht betäuben lassen

Wurzelbehandlung: Zahn lässt sich nicht betäuben
Beim Hot Tooth verursacht der entzündete Zahnnerv extrem starke Schmerzen, die sich nicht betäuben lassen. FOTO: Shutterstock/Kzenon
Mönchengladbach. Wurzelbehandlungen zählen zu den gefürchtetsten Zahnarztbehandlungen. Nicht ohne Grund, denn sie können extrem schmerzhaft sein. In manchen Fällen sogar so sehr, dass auch eine Betäubung nicht hilft. "Hot Tooth" heißen die Zähne, die einfach nicht zu betäuben sind. Was Sie wissen müssen. Von Tanja Walter

Der Zahn wummert – besonders in Berührung mit warmen Speisen oder in der Nacht im Bett. Mit der Zeit führt kein Weg am Zahnarzt vorbei. Der stellt schnell fest: Wurzelentzündung. Viele wissen von den Horrorschmerzen zu berichten, mit denen diese Diagnose einhergehen kann. Meist folgt dann noch am selben Tag die Behandlung: die Wurzel muss abgetötet und entfernt werden. Nur so kann der Arzt den Dauerschmerz beseitigen.

Bevor es aber losgeht, soll eine Betäubungsspritze zunächst das Gefühl im Mund abschalten. Soll - doch in manchen Fällen gelingt das einfach nicht. Zwar wird nach kurzer Zeit die Lippe taub, der Zahn aber schmerzt weiter. "Hot Tooth" heißt das Phänomen, des nicht zu betäubenden Zahns.

Daran erkennen Sie, ob der Nerv noch zu retten ist

"Solche Zähne zeigen eine nicht therapierbare Entzündung des Zahnbettes", erklärt Karsten Troldner, Spezialist für Wurzelbehandlungen in der Praxis Zahnärzte MG in Mönchengladbach. Um die Schmerzen abzustellen und den Zahn zu retten, ist es nötig, den entzündeten Nerv zu entfernen. "Allerdings lassen sich Hot Teeth für diese Behandlung nicht ausreichend betäuben", sagt er. Das merken die Betroffenen meist schon zu Hause, wenn sie versuchen, den pochenden Schmerzen mit handelsüblichen Schmerzmitteln zu unterdrücken.

Woher die Zahnschmerzen kommen

Ausgelöst wird das schmerzende Problem durch Kariesbakterien, die den empfindlichen Zahnnerv angreifen. Er liegt im Innern der Zahnwurzel, gut behütet vor äußeren Einflüssen. Arbeiten sich die Erreger jedoch von oben durch die Zahnsubstanz oder dringen durch feinste Risse ins Innere vor, erreichen sie den innenliegenden Nerv. "Die Bakterien beginnen sowohl die Zahnsubstanz wie auch das Nervengewebe zu zersetzen. "Dabei bilden sich Toxine, die den Zahnschmerz verursachen", sagt Troldner. "Es entsteht eine Entzündung, die besonders stark durchblutet wird", so der Endodontologe.

Spritzt der Zahnarzt nun ein Betäubungsmittel, wird das durch den dort besonders aktiven Stoffwechsel schneller als üblich von der Stelle abtransportiert, an der es eigentlich wirken sollte. Der Effekt: "Die Lippe und auch die Zunge können vollkommen taub sein, der entzündete Nerv aber feuert immer noch Schmerzsignale", erklärt der Mönchengladbacher Arzt.

Selbst nach ausgeklügelten Verfahren, bei denen der komplette Unterkiefernerv vorübergehend lahm gelegt wird und der Arzt zusätzlich in den offenen Zahn spritzt, kommt das quälende Anästhesieversagen noch häufig vor. Besonders betäubungsresistent sind die Zähne des Unterkiefers und dort vor allem die Backenzähne. Studien zeigen, dass bei 47 bis zu 91 Prozent der Fälle mit einer unzureichenden Anästhesietiefe zu rechnen ist. An den Schneide- und Backenzähnen im Oberkiefer kommt es in zwölf Prozent der Fälle zu den unerwünschten Anästhesieausfällen.

Um den Betroffenen solche Horrortrips zu ersparen, forschen Wissenschaftler vor allem im amerikanischen Raum schon länger an den Möglichkeiten, selbst Hot Teeth erfolgreich in den Schlaf zu befördern. Hilfreich scheint dabei die Einnahme der Schmerzmittel Ibuprofen und Paracetalmol vor der zahnärztlichen Betäubung zu sein. In einer placebokontrollierten Studie brachte es den Geplagten Ruhe, wenn sie eine Stunde vor der Zahnarztspritze 200 Milligramm Ibuprofen oder alternativ 300 Milligramm Paracetamol in Kombination mit 20 Milligramm Codein einnahmen. Bei 76 Prozent der Patienten wirkte diese Mischung. 

Die häufigsten Fehler bei der Zahnhygiene FOTO: proDente e.V.

Frauen haben seltener einen Hot Tooth

"Grundsätzlich beobachten wir, dass Frauen weniger oft mit einem Hot Tooth in Behandlung kommen", sagt Karsten Troldner. Das wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass sie eine geringere Schmerztoleranz und eine niedrigere -schwelle haben. "Sie bemerken Schmerzen früher und gehen darum eher zum Arzt", sagt Troldner.

Das ist vorteilhaft, weil sich dann womöglich auch der Zahnnerv noch retten lässt und es erst gar nicht zum gefürchteten Hot Thooth kommt. Darum sollte man Anfangssymptome wie abendlich auftretende Schmerzempfindlichkeit auf der Couch oder im Bett ernst nehmen. Wer zudem beim Schlürfen eines heißen Getränks oder beim Kauen Schmerzen verspürt, sollte das gleich mit dem Zahnarzt besprechen. Dann nämlich ist die Nerventzündung noch umkehrbar. "Wird die Karies frühzeitig entfernt, hat man die Möglichkeit mit bioaktiven Präparaten das nervnahe Gewebe zu schützen und den Nerv zu retten", sagt der Endodontologe.

Nicht zuletzt deshalb raten die Zahnärzte dazu, halbjährlich, mindestens aber jährlich zur Kontrolluntersuchung zu gehen. Bei Menschen mit höherem Kariesrisiko kann es laut Troldner sinnvoll sein, im Abstand von zwei Jahren die Zahnzwischenräume röntgen zu lassen. Diese Vorsorgemaßnahme macht frühzeitig beginnende Karies sichtbar und wird sogar von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Wen die Röntgenbelastung schreckt, den beruhigt Troldner: "Moderne Röntgengeräte kommen mit einer sehr geringen Strahlendosis aus. Der Nutzen, den die zwei Zahnbilder hier bringen ist deutlich größer als das Risiko."

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