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Meine Therapie ist vorüber - und was passiert jetzt?

Jenseits der Medizin: Die Krebsgesellschaft NRW kümmert sich um Patienten und ihre Angehörigen, berät sie psychologisch und hilft ihnen in sozialrechtlichen Fragen. Frauen nehmen die Angebote weitaus häufiger in Anspruch als Männer. Viele lassen sich von nahen Verwandten begleiten. Von Wolfram Goertz

Die Diagnose der Krankheit war bereits ein Hammer und die Therapie auch kein Zuckerschlecken. Doch jetzt türmen sich weitere Fragen für den Krebskranken: Was wird aus meiner Arbeitsstelle? Wie finde ich in meinen Beruf zurück? Was kann ich tun, dass meine Frau nicht genauso leidet wie ich? Kann ich früher in den Ruhestand gehen? Wie halte ich das überhaupt alles aus?

Für solche Fragen gibt es selbstverständlich Sozialdienste und Psychologen, aber bei Krebs befällt auch Routiniers nicht selten Ratlosigkeit. In solchen Lebenslagen von onkologischen Patienten leisten die Krebsgesellschaften eine wichtige Hilfe. Sie kümmern sich, wenn abseits der Therapie entscheidende Dinge zu klären sind. Der Onkologe Ullrich Graeven von den Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach ist amtierender Vorsitzender der Krebsgesellschaft NRW (deren Sitz in Düsseldorf ist), und er weiß, wie entscheidend solche Aspekte für Menschen mit einem Tumorleiden sind. Der Medizinprofessor erlebt es selbst täglich, dass Patienten in einer durchgetakteten Behandlungssituation froh sind, dass sie ihren Terminplan haben: "Aber die Zeit danach wird für sie plötzlich nicht minder wichtig. Sie müssen ja wissen, wie es mit ihrem Leben weitergeht, nicht nur mit ihrer Krankheit." Eine der Kardinalfragen lautet: Unter der Therapie ist der Krebs verschwunden, aber was passiert jetzt, da nicht mehr alle Antennen auf die Behandlungszyklen ausgerichtet sind?

Die Krebsgesellschaft NRW feiert in diesem Jahr Geburtstag: Sie wird 65 Jahre alt. Anfangs war sie ein Zirkel medizinischer Honoratioren, die in den Anfangsgründen der Onkologie Fachsymposien organisierten. Die waren wichtig, um eine wissenschaftliche Basis für die Behandlung von Krebsleiden gerade auch in NRW zu generieren. Dass sich die ärztliche Kompetenz an Rhein und Ruhr jetzt auf einem hohen Niveau befindet, hängt mit jenen Anfangsjahren zusammen. Indes ist die Krebsgesellschaft mittlerweile kein Fachzirkel der Heilkundigen mehr. Graeven: "Wir beraten die Patienten nicht in einer speziellen Behandlungssituation, wir sind nicht der Krebsinformationsdienst in Heidelberg, der zu spezifischen Tumorfragen genaue Antwort geben kann."

Die Schwerpunkte der Krebsgesellschaft liegen "in der Psychoonkologie und in der psychosozialen Beratung", sagt Graeven. Da gebe es "ein großes Defizit in der Verzahnung zwischen Klinik, Praxis und dem Umfeld des Patienten". Hier will man in Zukunft vehementer werben, damit die Beratungsstellen ihre Lotsenfunktion noch vielfältiger ausüben können. Immerhin gibt es derzeit 500.000 Menschen in NRW, die an Krebs leiden oder eine Therapie hinter sich haben. Graeven: "Wir erleben immer wieder Fälle alleinstehender Tumorpatienten, die hilflos sind, wenn sie in eine solche Situation geraten. Ihnen stehen wir bei. Aber sie müssen auch wissen, dass es uns gibt." Das ist umso wichtiger, als Ärzte diese Hilfe oft nicht geben können.

Wichtig ist der Gesellschaft die Vorbeugung. "Ich bin selbst zur Krebsgesellschaft gekommen, als Mönchengladbach als erste Stadt in Deutschland die Aktion der 1000 mutigen Männer für die Darmspiegelung durchgeführt hat", erzählt Graeven. Diese Aktion war Vorreiterin für viele andere Kommunen. Solche präventiven Angebote, in denen schon nach Vorstufen für Krebs gesucht wird, sind relevant. Trotzdem gibt es immer noch zu viele Vorsorgemuffel, die meinen, eine Krankheit könne sie verschonen.

Das Angebot der Beratungsstellen ist - übers Land verteilt - sehr unterschiedlich. Düsseldorf und Mönchengladbach und das Ruhrgebiet sind gut versorgt, in einigen Bereichen sieht es schwächer aus. Interessant sind die statistischen Zahlen aus den Beratungsstellen. Die in Düsseldorf teilt uns ganz klar mit, dass Männer nicht nur Vorsorge-, sondern auch Beratungsmuffel sind. Frauen sind da pragmatischer, sie können Hilfe präziser anfordern. Oft reicht ihnen ein Treffen, die meisten bringen einen Partner oder ein Kind mit.

Keiner fällt also ins Bodenlose. Er muss nur einen Termin ausmachen.

Quelle: RP
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