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Wenn sich der Darm entzündet

Patienten, die an einer chronischen Darmentzündung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa leiden, brauchen individuelle Betreuung. Moderne Therapien sind effektiv. Von Wolfram Goertz

Am Anfang fühlte sich sein Bauch an, als habe er eine Überdosis Linsensuppe in sich hineingeschaufelt. Er hatte Bauchschmerzen, Blähungen, unerwünschte Winde entfuhren ihm, er fühlte sich unwohl, dann bekam er Übelkeit und Durchfälle. Er machte seine Essgewohnheiten für diese Symptome verantwortlich. Als nach einer Woche keine Besserung eintrat, ging er zu seinem Hausarzt. Der riet zu milden Speisen, Kümmeltee und zum Abwarten.

Es wurde nicht besser, sondern schlimmer. Es war das, was man bei dieser Krankheit einen Schub nennt. Erneut beim Hausarzt, schickte der ihn zu einem Gastroenterologen, damit eine Darmspiegelung gemacht würde. Sie brachte einen eindeutigen Befund: Es war Morbus Crohn, eine chronische entzündliche Darmerkrankung. Hinterher zeigte der Gastroenterologe seinem Patienten die Bilder. Sofort erkannte der Erkrankte das Problem: Teile seines Darm sahen seltsam verdickt aus, wie von Geschwüren vernarbt und von Pflastersteinen bedeckt, wodurch sich Engstellen bildeten; andere Abschnitte dagegen wirkten fast jungfräulich. Das war irritierend.

Ähnliche Bilder hatte schon der italienische Pathologe Giovanni Battist Morgagni 1761 bei Obduktionen gesehen: den segmentalen Befall des Dickdarms und des letzten Abschnitts des Dünndarm; ihn nennt man das terminale Ileum. 171 Jahre später sah sich der New Yorker Darmspezialist Burrill Bernard Crohn mit einigen Kollegen eine Reihe von Patienten an, die wegen ihrer Erkrankung bereits operiert werden mussten: Sie wiesen ähnliche Muster des Befalls auf. Nach Crohn wurde das Leiden benannt.

Gewiss kann man einen Morbus Crohn bei oberflächlicher Betrachtung und Diagnostik verwechseln: mit der akuten Blinddarmentzündung, wenn die Beschwerden vor allem im rechten Unterbauch zu spüren sind. Oder es können sich Divertikel, kleine Ausstülpungen im Darm, entzündet haben. Oder es kann eine ganz normale Magen-Darm-Entzündung sein, die mancher sich etwa durch verkeimtes Trinkwasser im Kanaren-Urlaub einfängt und die nach ein paar Tagen von selbst wieder abklingt.

Morbus Crohn ist dagegen eine chronische und derzeit auch nicht heilbare entzündliche Erkrankung. "Die Ursachen sind noch nicht restlos geklärt, aber eine genetische Komponente ist bekannt", sagt Johannes Grossmann; er ist Chefarzt am Bethesda-Krankenhaus in Mönchengladbach und Experte für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Manche Experten zählen Morbus Crohn ähnlich wie die artverwandte chronisch-entzündliche Darmerkrankung Colitis ulcerosa zum Formenkreis der Autoimmunerkrankungen, andere widersprechen. Einig sind sich alle Fachleute darin, dass eine "fehlgesteuerte Immunreaktion des Darms", so Grossmann, die Krankheit auslösen und unterhalten kann. Der wesentliche Unterschied liegt im Muster des Befalls: Ein Crohn kann im gesamten Verdauungstrakt auftreten ("von der Lippe bis zum After") , die Colitis ulcerosa stets nur im Dickdarm. "Da beim Morbus Crohn ja auch Teile des Dünndarms befallen sein können, muss bei der Diagnostik der Ausdehnung neben dem Ultraschall durch die Bauchdecke auch der lange Dünndarm betrachtet werden, etwa im MRT", so Grossmann.

Aufschlussreich ist auch eine "Kapselenteroskopie": Der Patient schluckt dann eine winzige Kamera, die auf der langen Fahrt durch den Dünndarm unzählige Bilder macht, die hinterher ausgewertet werden. Allerdings muss hierbei die Kostenübernahme durch die Krankenkasse geklärt werden. Natürlich sieht man auch im Blut und in einer Stuhlprobe Entzündungszeichen. Die Beurteilung der Gewebeproben durch den Pathologen gibt der Diagnose letzte Sicherheit.

Früher stellte eine Crohn-Diagnose die Patienten vor vielerlei Probleme. Heutzutage verfügt die moderne Medizin über viele Behandlungsmöglichkeiten. Das bei Entzündungen oft verwendete Cortison dient im akuten Schub nur der kurzfristigen Linderung und sollte keinesfalls dauerhaft eingesetzt werden, so Grossmann; es gibt aber eine Reihe moderner Medikamente, die bei den Patienten oftmals sehr gut anschlagen und die Entzündung im Darm langfristig zur Ruhe bringen.

"Wichtig ist vor allem, dass jeder Patient ganz individuell betrachtet werden muss, weil sich die Symptome und Verläufe oft sehr unterschiedlich entwickeln." Bei dem einen sehe der Darm aus, "als habe ein Bunsenbrenner in die Tiefe gefeuert und einen entzündeten Krater hinterlassen" (Grossmann). Bei dem nächsten Patienten sieht man einen nur milden Verlauf. Gefürchtet sind allerdings stets die sogenannten Schübe, bei denen das Krankheitsgeschehen dramatisch aufflammt und der Patient auch medikamentös sehr genau eingestellt werden muss.

Da bei Morbus Crohn auch weitere unangenehme und teilweise auch gefährliche Begleiterscheinungen wie ein Darmverschluss oder eine Analfistel eintreten können, ist die enge Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Chirurgen wichtig. Zuweilen kann es, etwa bei Fisteln, sinnvoll sein, dem Patienten über eine begrenzte Zeit einen künstlichen Darmausgang zu legen, damit sich der Darm erholen kann. "Aber unsere Devise ist, dass Morbus-Crohn-Patienten möglichst selten operiert werden."

Bei einigen wenigen Patienten, vor allem bei Colitis ulcerosa, erzielen herkömmliche Verfahren keine Beschwerdefreiheit. "Dann kann man eine Stuhltransplantation überlegen", empfiehlt Grossmann. Das klingt eklig, ist aber ein weises und geniales Verfahren: Hierbei wird mit einer Kapsel oder einer Sonde Stuhl eines gesunden Spenders in einen erkrankten Darm gebracht. "Die Erfolge dieser Therapie", so Grossmann, "sind sehr ermutigend."

Patienten mit chronischen Darmentzündungen fallen zuweilen in ein tiefes Loch, etwa wenn häufige Durchfälle soziale Kontakte erschweren. Dann ist es wichtig, dass sie emotional aufgefangen werden. "Und das gelingt bei Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa durch eine Selbsthilfegruppe, die DCCV, mit der auch wir Ärzte sehr eng zusammenarbeiten."

Quelle: RP
 
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