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Jede vierte Klinik betroffen
Bis zu 30.000 Tote durch fehlende Hygiene in Krankenhäusern

So gefährlich sind Klinikkeime
So gefährlich sind Klinikkeime FOTO: dapd
Köln. In deutschen Krankenhäusern werden in vielen Fällen die Hygienevorschriften nicht ausreichend beachtet. An den Folgen sterben jährlich bis zu 30.000 Menschen, Hunderttausende infizieren sich mit Keimen.

Mehr als jedes vierte Krankenhaus in Deutschland erfüllt die Hygienevorschriften des Robert-Koch-Instituts nicht und beschäftigt zu wenig Hygienepersonal. Das ergaben gemeinsame Recherchen des ARD-Magazins Plusminus und des Recherchezentrums CORRECTIV.org, die am Mittwoch in Köln veröffentlicht wurden.
Schätzungen gehen von einer halben bis zu einer Million Infektionen im Jahr aus - mit 15.000 bis 30.000 Toten; davon wären ein Drittel bis zur Hälfte mit den heutigen Mitteln der Medizin vermeidbar.

Schlusslicht ist demnach Bremen, wo 43 Prozent aller Kliniken die Vorgaben nicht erfüllen. Am besten schneidet Hamburg ab, wo zehn Prozent die Hygienevorgaben verfehlen. Basis der Auswertung sind die jährlichen Krankenhausqualitätsberichte und Daten des BKK Landesverbands Nordwest. Dirk Janssen, Vizechef des BKK-Landesverbands Nordwest, hält die Ergebnisse für alarmierend.
Wenn sich nichts ändere, "kostet das jedes Jahr tausenden Patienten das Leben".

Nach den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2009 muss jede Klinik mit mehr als 400 Betten jeweils mindestens einen Krankenhaushygieniker, eine Hygienefachkraft, einen hygienebeauftragten Arzt und eine hygienebeauftragte Pflegekraft beschäftigen. Bei Kliniken mit weniger als 400 Betten ist kein Krankenhaushygieniker vorgeschrieben.

Förderprogramm wird nicht umgesetzt

Anfang 2015 stellte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einen Zehn-Punkte-Plan zur Bekämpfung von Krankenhausinfektionen und resistenten Erregern vor. Darin enthalten war ein Förderprogramm, mit dem bis Ende 2016 zusätzliches Hygienepersonal eingestellt werden sollte. Laut Bericht kommt das Aufstocken des Personals aber nur schleppend voran. Die Frist wurde bis Ende 2019 verlängert.

"Die Krankenhäuser haben die Initiative ausgesessen", kritisiert dem Bericht zufolge Walter Popp, Vizepräsident der deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Wenn keine Sanktionen drohten, änderten die Kliniken nichts. Außerdem seien die Häuser nicht bereit, angemessene Gehälter für Krankenhaushygieniker zu zahlen. Zudem gebe es zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten. Nur an einzelnen großen Krankenhäusern könne man die Facharztausbildung zum Krankenhaushygieniker machen.

Nach Schätzungen gibt es in Deutschland insgesamt höchstens 300 Hygiene-Ärzte - allerdings schon mehr als 350 Krankenhäuser, die mindestens einen Hygieniker haben müssten.

(felt/KNA)
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