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Behandlungsmethode bei "überaktiver Blase"
Botox – das segensreiche Gift
Die wichtigsten Fakten über Botox
Die wichtigsten Fakten über Botox FOTO: RPO
Düsseldorf. Das Nervengift Botulinumtoxin wird seit Jahren von Ärzten verwendet, vor allem von Neurologen. Jetzt spritzen es auch die Urologen – zur Behandlung der "überaktiven Blase". Die Erfolge sind enorm. Von Wolfram Goertz

Sie hielt es nicht mehr aus. Dabei war Marga Nießen erst vor zehn Minuten auf der Toilette gewesen. Nun verspürte sie wieder diesen unerträglichen Funk aus der Harnblase, dieses Kommando: Geh auf die Toilette! Sofort! Manchmal reicht die Zeit nicht, diesem Befehl nachzukommen.

Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen, das nachts ins Bettchen machte. Nur passierte es ihr tagsüber, im Auto, im Kaufhaus, daheim. Stets achtete sie darauf, dass ein WC in der Nähe war. Dass sie kaum noch ausging, war ein weiteres Symptom dieser Leidensgeschichte.

Jetzt geht es Frau Nießen viel besser, denn sie geriet an Albert Kaufmann, den Chefarzt des Kontinenz- Zentrums im Mönchengladbacher Krankenhaus St. Franziskus. Als sie erfuhr, wie er sie behandeln wollte, erschrak sie. Er wollte ihr dieses berüchtigte Faltenmittel spritzen, Botulinumtoxin, das sich sonst nur gut betuchte Damen zur Glättung verabreichen lassen. Frau Nießen sollte es direkt in die Muskulatur der Harnblase injiziert bekommen. War das nicht gefährlich?

Kontraktion des Muskels wird schwächer

Botulinumtoxin, oft Botox genannt, ist in der Tat ein Nervengift, das bei unsachgemäßer Dosierung schwere Probleme bereiten kann. Die Wirkweise des Nervengifts ist einfach. Bei Botulinumtoxin handelt sich um Ausscheidungen des Bakteriums Clostridium botulinum. Diese sogenannten neurotoxischen Proteine sind nichts als Eiweißstoffe, die in die Signalwege von Nervenzellen eingreifen.

Genauer: Botulinumtoxin hemmt die Erregungsübertragung von den Nervenzellen zum Muskel, wodurch dessen Kontraktion je nach Dosierung des Gifts schwächer wird oder ganz ausfällt. Seit Anfang der 80er Jahre weiß man, dass sich medizinische Probleme aus dem Bereich der Bewegungsstörungen, die sich als Muskelkrämpfe äußern, durch eine Injektion von Botulinumtoxin lösen oder lindern lassen: der Lidkrampf, der Schiefhals, der Schreibkrampf, der Stimmbandkrampf (spasmodische Dystonie) oder Spastiken etwa nach einem Schlaganfall.

Man spritzt das heilende Gift in den Muskel oder unter die Haut, meist zuerst mit geringer Dosis, bis nach deren Steigerung die genaue Menge ermittelt ist, derer ein Patient bedarf. Traditionell sind es Neurologen, die mit Botulinumtoxin arbeiten. Wichtig ist, dass eine Ambulanz Erfahrung hat – wie die Neurologische Universitätsklinik Düsseldorf, deren Oberarzt Harald Hefter auch international als Spezialist der Botulinumtoxin- Behandlung gilt. Hans- Peter Hartung, Direktor der Klinik: "Unsere Ambulanz behandelt deutschlandweit gewiss die meisten Patienten."

Musiker oft Teil des Klientels

Oft ist die Klientel speziell, zum Teil besteht sie aus Musikern, die sich in eine Dystonie bisweilen hineingeübt haben. Auch im Rahmen der Interdisziplinären Ambulanz für Musikermedizin der Uniklinik Düsseldorf werden viele Musiker mit dystonen Mustern von Harald Hefter und seiner Kollegin Ulrike Kahlen behandelt.

Ein sehr berühmtes Beispiel für eine fokale Dystonie ist der USamerikanische Pianist Leon Fleisher, der an einer Überkrampfung des vierten rechten Fingers leidet, sobald er zu spielen beginnt, und über mehrere Jahrzehnte nur Werke für die linke Hand aufführen konnte. Seit es Botulinumtoxin gibt, ist Pianist Fleisher wieder beidhändig unterwegs. Drei bis vier Mal im Jahr bekommt er Spritzen in den Unterarm, danach funktioniert der Finger wieder. Am 15. November wird er mit dem Signum- Quartett in der Düsseldorfer Tonhalle unter anderem das Klavierquintett f-moll von Johannes Brahms aufführen.

Es vergeht kein Jahr, da nicht neue Anwendungsgebiete einer Botulinumtoxin- Therapie probiert werden: Schielen, Spannungskopfschmerzen, Migräne, übermäßiges Schwitzen, erhöhte Speichelproduktion, Engstellung der Speiseröhre (Achalasie). Nun also auch die überreizte Blase. Urologe Kaufmann berichtet, dass die Nebenwirkungen minimal seien. Selten passiere es, dass eine Patientin ein, zwei Wochen nach der (unter Narkose vorgenommenen) Injektion keinen Harndrang mehr spüre, weswegen sie sich vorübergehend katheterisieren müsse. "Aber das ist kein Vergleich zu den Beschwerden, welche die Drang-Inkontinenz verursacht", sagt der Arzt.

Auch Peter Albers, Chef der urologischen Uniklinik Düsseldorf, kennt die Erleichterung, die Botulinumtoxin spendet: "Die meisten Frauen nehmen es gern auf sich, dass sie nach einigen Monaten wieder zur Injektion kommen müssen." Man sieht aber: Botox heilt nicht vom Krampf, es hemmt nur seine Entstehung.

Der Fall Robert Schumann

Ein weiterer Fall einer fokalen Dystonie war der Komponist Robert Schumann, der das Klavierspiel aufgeben musste. Dabei hätte er von einem Zeitgenossen, dessen Gedichte er sogar vertont hat, die Ursache seiner Beschwerden erfahren können: Der schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner erkannte 1820 den Wirkungsmechanismus des Toxins als Hemmung der Nervenleitung und schlug 1822 das Gift in niedrigen Dosen als Arzneistoff für verschiedene nervöse Störungen vor.

Damals gab es aber noch keine Medizindatenbanken, in denen Schumann von Botulinumtoxin hätte erfahren können. Im Nachhinein ist es allerdings als Glücksfall anzusehen, dass er ein grandioser Komponist wurde, statt ein mäßiger Pianist zu bleiben.

Quelle: das
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