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Gericht erlaubt Anbau zur Eigentherapie
Cannabis als Medizin für viele zu teuer

Cannabis als Medizin für viele zu teuer
Lars Scheimann (44) bekommt mit Cannabis seine Ticks in den Griff. FOTO: Christoph Reichwein
Köln. Die monatlichen Ausgaben für medizinisches Cannabis können je nach verordneter Dosis in die tausende Euro gehen. Finanziell günstiger ist der Eigenanbau. Doch der Weg dahin ist für Patienten langwierig. Von Jessica Kuschnik und Verena Patel

Lars Scheimann (44) raucht 20 Joints am Tag – das hat ihm sein Arzt verordnet. Nur so bringt er seine Ticks unter Kontrolle, kann er seinen Alltag meistern. Seit er sieben Jahre alt ist, leidet der Duisburger am Tourette-Syndrom. "Seit 2009 darf ich medizinisches Cannabis konsumieren. Ohne wäre es für mich nicht möglich, zu arbeiten und meinen Betrieb zu führen."

Das Urteil des Verwaltungsgerichts Köln, das das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verpflichtet, in drei Fällen den Cannabis-Anbau zu erlauben, ist für Scheimann ein Lichtblick. Auch er hat im Januar beantragt, die Pflanze anbauen zu dürfen. Dass nun massenhaft Patienten das Recht zugesprochen bekommen, das Kraut anzupflanzen, glaubt er nicht. "Schon bis zum legalen Konsum ist der Weg mühselig", sagt der 44-Jährige. Für den legalen Anbau sind die Auflagen noch strenger. In zwei Fällen hat das Gericht daher gestern die Klage abgewiesen.

Separater Raum ist notwendig

Patienten müssen sicherstellen, dass das selbst angebaute Cannabis für Dritte nicht zugänglich ist. "Es muss in einem separaten Raum angepflanzt werden und nicht etwa im Schlafzimmer", sagt Gerichtssprecherin Stefanie Seifert. Ob Fenster und Türen abgeschlossen sein müssen, dazu hat sich das Gericht nicht geäußert. Die Patienten müssen auch nachweisen, dass sie alle Behandlungsalternativen ausgeschöpft haben. "Der Antragsteller muss durch einen Arzt bestätigen lassen, dass der Konsum von medizinischem Cannabis die letzte Therapiemöglichkeit ist", so Seifert.

Dass der Weg bis zur Erlaubnis lang sein kann, zeigen die Zahlen: Allein der Konsum der Droge und der Kauf in der Apotheke ist bundesweit nur rund 270 Menschen gestattet. 85 dieser Personen betreut Franjo Grotenhermen in seiner Praxis in Rüthen. Der 57-Jährige ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin und leidet selbst unter einer chronischen Krankheit.

Dennoch eröffnete er 2012 eine Praxis. Sich selbst behandelt der Arzt nicht mit Cannabis, unterstützt aber Patienten, die auf eine Medikation mit dem Mittel angewiesen sind. "Was zurzeit passiert, ist eigentlich ein Skandal", sagt Grotenhermen. "Da werden Schmerzpatienten gequält, mit dem Argument, dass Jugendliche anfällig werden könnten." Ein Missbrauch sei auch bei anderen Medikamenten möglich.

Wer medizinisches Cannabis anbauen möchte, muss auch nachweisen, dass er sich das Mittel in der Apotheke nicht leisten kann. Patient Scheimann kostet das Cannabis 75 Euro am Tag – 2300 Euro im Monat. Viele Schwerstkranke seien wegen ihrer Erkrankung gar nicht in der Lage zu arbeiten. "Und selbst wenn man es sich leisten kann", sagt Scheimann, "dann ist die Versorgung sehr schlecht. Manchmal ist das Medikament aus. Und wenn dann ein Schwerkranker über Wochen seine Medizin nicht bekommt, ist das für denjenigen sehr schlimm."

In den Niederlanden übernehmen Kassen Kosten zum Teil

Der Eigenanbau der Droge kostet weniger als Cannabis aus der Apotheke, denn vom Gewinn wollten viele etwas abhaben, sagt der Experte Grotenhermen: "Das medizinische Cannabis aus den Niederlanden hat eine bessere Qualität als herkömmliches. Daran wollen alle verdienen, die Hersteller, Exporteure und die Apotheker", erklärt er. In den Niederlanden verschreiben Ärzte regelmäßig medizinisches Cannabis, so Grotenhermen. Es sei dort preiswerter, und die Krankenkassen übernähmen die Kosten zum Teil. In Deutschland bleiben die Patienten meist auf den Kosten sitzen.

Auch der Schmerzpatient Thomas Keilwerth aus Heidelberg kann sich das Apotheken-Cannabis nicht leisten und baute es daher illegal selbst an. Seit 2013 hat der 44-Jährige eine Ausnahmegenehmigung zum Erwerb von Cannabis. 1300 Euro pro Monat gab er unter ALG II-Bezug dafür aus. Seit 2003 kann er nicht mehr als Altenpfleger arbeiten.

Er erlitt sieben Bandscheibenvorfälle und eine Gelenkarthrose in der Schulter. "Ich habe zwölf Operationen in fünf Jahren hinter mich gebracht", sagt er. "Viele Medikamente haben nicht gewirkt." Im Herbst stellte er einen Antrag auf Eigenanbau – und versuchte sich bereits zu Hause im Anbau der Pflanzen. Nach einer Hausdurchsuchung läuft gegen ihn nun ein Strafverfahren. In einem ähnlichen Fall ging der Angeklagte straffrei aus.

Quelle: RP
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