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Studie zu Aufstiegschancen
Deutsche wollen lieber gesund als erfolgreich sein

Deutsche wollen laut Studie lieber gesund als erfolgreich sein
Gesundheit und Familie sind vielen Menschen wichtiger als Karriere und Einkommen – das ergab die KAS-Studie. FOTO: shutterstock/ hartphotography
Düsseldorf. In Deutschland sei der soziale Aufstieg fast unmöglich geworden, klagen Experten. Allerdings: Für viele Menschen ist das berufliche Fortkommen laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung gar nicht das Wichtigste. Demnach wollen sie lieber gesund als erfolgreich sein. Von Martin Kessler

Marcel Fratzscher, einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands, hat es beispielhaft auf den Punkt gebracht. In seiner fiktiven Geschichte der Kinder Lena und Paul, beide fünf Jahre alt, von ihrer genetischen Voraussetzung und ihren kognitiven Fähigkeiten her wie Zwillinge, wird Paul die klar besseren Zukunftschancen haben. Das liegt daran, dass Pauls Eltern beide einen Universitätsabschluss haben, ihr Kind früh fördern, ihm eine breite Ausbildung ermöglichen und auch noch etwas vererben.

Lena dagegen, Kind eines Schlossers und einer Verkäuferin, wird nicht wie Paul aufs Gymnasium gehen, wird kaum elterliche Unterstützung für ihre Bildung erhalten, weil die Eltern dazu gar nicht in der Lage sind. Sie wird die Realschule beenden und eine Lehre als Bürokauffrau beginnen, während Paul ein Hochschulstudium absolviert, eine Akademikerin heiratet und einen Karrierepfad beschreitet, der dem seiner Eltern sehr ähnlich ist.

Begrenzte Chancen auf sozialen Aufstieg

Die Geschichte, so Fratzscher, stehe für die mangelnden Aufstiegschancen in Deutschland, die der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in seinem Buch "Verteilungskampf" eindrucksvoll mit Zahlen unterlegt. Danach schicken in Deutschland Mütter mit Abitur ihre Kinder in mehr als 60 Prozent der Fälle aufs Gymnasium. Bei Müttern mit Hauptschulabschluss liegt diese Zahl nur bei zehn Prozent. In gleicher Weise können sich 75 Prozent der Söhne von reichen Vätern in der gleichen Einkommensgruppe halten. Und 74 Prozent der Söhne von ärmeren Eltern bleiben ebenfalls in der Verdienstgruppe ihrer Väter. Um zu verhindern, dass die Geschlechterungleichheit die Statistik verwässert, hat Fratzscher die Zahlen für Mütter und ihre Töchter und Väter und ihre Söhne als statistische Größen gesondert erhoben.

Wie Fratzscher haben viele Soziologen, Ökonomen und Bildungsforscher herausgefunden, dass die Chancen auf sozialen Aufstieg in Deutschland begrenzt sind. Die "klassenlose Gesellschaft", die gerade Besucher aus der angelsächsischen Welt Nachkriegsdeutschland bescheinigten, ist danach zumindest seit den 80er Jahren lediglich eine Schimäre. "Im internationalen Vergleich ist das Ausmaß an sozialer Mobilität, insbesondere zwischen Kinder- und Elterngeneration, in fast keinem Land so niedrig wie in Deutschland", schreibt die Verteilungsexpertin Dorothee Spannagel vom gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in ihrer Studie zur sozialen Mobilität.

Fünf Prozent sehen sich als Absteiger

Dieses Bild der sozialen Verfestigung hat die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) veranlasst, bei den Menschen selbst nachzufragen. Spielt Aufstieg wirklich in ihrem Leben die wichtigste Rolle? Wer sieht sich als Aufsteiger, und welche Eigenschaften sind wichtig für beruflichen Erfolg.

Die Sozialwissenschaftlerin Sabine Pokorny, die für die Studie verantwortlich ist, kommt zu einem überraschenden Befund. Lediglich fünf Prozent der 2122 repräsentativ Befragten bezeichnen sich demnach als Absteiger. 43 Prozent sehen sich gegenüber ihren Eltern als Aufsteiger, weitere 45 Prozent geben an, sie hätten den Status ihrer Eltern beibehalten. Und unabhängig davon, ob das deutsche System durchlässig ist oder nicht, geben fast 80 Prozent der Befragten an, sie seien mit ihrem Leben zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

"Wir wollten wissen, wie die Menschen selbst ihre Lage einschätzen. Denn darauf kommt es schließlich an", begründet Pokorny den Ansatz ihrer Arbeit. Und die Befragten vermittelten noch eine andere Erkenntnis: Die wichtigsten Aspekte in ihrem Leben sind weder die Arbeit noch das Einkommen, sondern Lebensbereiche wie Gesundheit, Familie, Partnerschaft, Bildung, Freunde oder finanzielle Sicherheit. Die Arbeit schaffte es mit 52 Prozent positiver Antworten nur auf Platz acht der Wertehierarchie der befragten Personen. Eine noch geringere Rolle spielte das Einkommen (39 Prozent).

Scheidung wird oft als Abstieg empfunden

Das bedeutet nicht, dass der Aufstieg im Leben der Menschen ausgedient hat. Denn für 70 Prozent der Aufsteiger und sogar 78 Prozent der wenigen Absteiger ist das berufliche Fortkommen wichtig oder sehr wichtig. Selbst diejenigen, die ihre Position halten, geben zu mehr als 60 Prozent an, dass der Aufstieg ein zentraler Punkt in ihrem Leben ist.

Zugleich ist das, was die Menschen für Aufstieg halten, sehr unterschiedlich. Die KAS-Forscherin Pokorny hat vier Aufstiegsmentalitäten entdeckt: Selbstverwirklichung, Karriere, Festigung des Umfelds und Nicht-Abstieg. Und viele, die intensiv befragt wurden, verstehen Aufstieg eher als Vollendung des eigenen Lebenswegs. Manche sehen darin auch die Chance, eine eigene Familie zu gründen, während Scheidungen oft mit Abstieg gleichgesetzt werden. "Die rein objektive Messung von Aufstieg mittels der beruflichen Position greift zu kurz", urteilt die Studienleiterin Pokorny.

Anders als bisherige Aufstiegsstudien nahelegen, nennt der Durchschnitt der Bevölkerung weniger die Unterstützung durch das Elternhaus als vielmehr eine gute Ausbildung für ausschlaggebend, wenn man Erfolg haben will. Als notwendige Eigenschaften nennen die Befragten Fleiß (für 45 Prozent sehr wichtig) und Selbstbewusstsein (42 Prozent). Dagegen werden Netzwerke (20 Prozent) oder die gute finanzielle Situation des Elternhauses (13 Prozent) für weniger maßgeblich gehalten.

Studie bleibt Antworten schuldig

Die KAS-Studie zeigt eine selbstzufriedene Republik. Um ungerechte Aufstiegsbedingungen machen sich viele keine allzu großen Gedanken. Selbst wenn sie schlechter ausgebildet sind, sehen sie sich nur selten als Verlierer. Unzufriedenheit mit den Verhältnissen wie in den USA scheint in Deutschland nicht zu herrschen. Darin mag sich auch die Tatsache ausdrücken, dass hierzulande die Generation zwischen 1945 und 1960 hervorragende Chancen auf eine bessere Position hatte. Denn wer ein Elternteil mit Hochschulstudium besitzt, kann nach dieser Definition nicht mehr aufsteigen.

Doch trotz der allgemeinen Zufriedenheit sind diejenigen, die in ihrer Klasse bleiben oder absteigen, gefährdet. Das gilt umso mehr, wenn diese Gruppe sich zurückgelassen fühlt. Hier bleibt die KAS-Studie Antworten schuldig. Die Mobilitätsstudie, in der objektive und subjektive Kriterien verbunden werden, ist noch nicht geschrieben.

Quelle: RP
 
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