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Mehr Komplikationen und Nebenwirkungen
Frauen sind anders krank

2011: Das sind die wichtigsten Fakten des Gesundheitsreports
2011: Das sind die wichtigsten Fakten des Gesundheitsreports FOTO: AP
Düüseldorf (RP). Bei vielen Krankheiten reagieren Frauen anders als Männer, das gilt auch für die Wirkung von Medikamenten. Medizin und Forschung müssten die biologischen Unterschiede der Geschlechter stärker berücksichtigen, fordern Experten. Von Margit Mertens

Frauen und Männer sind nicht gleich krank, selbst wenn sie an der gleichen Krankheit leiden. Zu diesem Schluss kommt Petra Kolip, Professorin der Universität Bielefeld, in ihrem geschlechtervergleichenden Gesundheitsbericht für das Robert-Koch-Institut (RKI). "Gesundheitszustand und -verhalten werden entscheidend von geschlechtsspezifischen Arbeits- und Lebensbedingungen beeinflusst", betont Kolip.

Viele Männer sterben früher als Frauen

So erklärt sich die statistisch niedrigere Lebenserwartung von Männern aus der Tatsache, dass im Alter zwischen 30 und 65 Jahren doppelt so viele Männer sterben wie Frauen. Sie sterben vor allem durch Unfälle, Selbstmorde, Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems und der Verdauungsorgane. "Hierin spiegeln sich die höhere Risikobereitschaft von Männern im Umgang mit ihrer Gesundheit und die riskanteren Arbeitsbedingungen wieder", erklärt die Psychologin.

Geschlechter sind verschieden. So gibt es nicht nur bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie zum Beispiel beim Herzinfarkt, sondern auch bei rheumatischen Erkrankungen oder Diabetes und vielen anderen Krankheiten deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern. "Die Medizin braucht eine spezifische Betrachtungsweise der biologischen Unterschiede der Geschlechter", sagt Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des gegründeten Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Berliner Charité. "Bisher betrachtet sie den Menschen als Neutrum, das eher dem Mann nahe steht."

So würden Labortests meist an jungen männlichen Mäusen durchgeführt und Medikamente an jungen Männern getestet, Frauen stellten nur rund zehn bis 30 Prozent der Studienteilnehmer. "Die Medizin hat lange vernachlässigt, dass zelluläre, physiologische, immunologische Prozesse oder rheumatische und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen anders ablaufen." Der Gedanke komme in der Medizinerausbildung bisher kaum vor.

Frauen reagieren anders auf Medikamente

Dass Frauen anders krank sind als Männer und beispielsweise auf Medikamente anders reagieren, muss sowohl bei Diagnose und Therapie als auch bei der Entwicklung von Medikamenten berücksichtigt werden. Zum Beispiel wirken sich die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu denen auch der Schlaganfall zählt, wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht anders aus. Frauen galten davor lange als geschützt, weil sie im Schnitt zehn bis 15 Jahre später erkranken. Tatsächlich sterben aber fast 58 Prozent der Frauen an Herzerkrankungen, das sind 16 Prozent mehr als Männer.

"Erschwerend kommt hinzu, dass koronare Erkrankungen bei Frauen leicht übersehen werden, weil sie oft diffuse Symptome zeigen, wie Übelkeit und Erbrechen oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern, statt der klassischen Anzeichen Schmerzen in der Brust und im linken Arm", erklärt Regitz-Zagrosek. Daher empfiehlt das Institut für Frauengesundheit der Universität Tübingen (IFG) die NAN-Regel zu beachten: Alle plötzlich auftretenden Beschwerden zwischen Nase und Nabel einschließlich der Arme, die nicht innerhalb von 15 Minuten wieder von selbst verschwinden, können auf einen drohenden Infarkt hindeuten. Weitere Beschwerden können Atemnot, ein unbestimmtes Schwächegefühl, Schlafstörungen oder Schwindel sein – Symptome, die von Patientinnen wie Ärzten oft falsch gedeutet werden.

Frauen würden ihre Symptome generell nicht so ernst nehmen und oft von den Ärzten nicht so ernst genommen, sagt Barbara Ehret vom Internationalen Zentrum für Frauengesundheit in Bad Salzuflen. "Wenn bei einem Mann hohe Blutdruckwerte gemessen werden, wird selbstverständlich ein Tagesprofil erstellt. Bei Frauen wird das aber leicht als sogenannte Weißkittel-Hypertonie abgetan."

Oft wird überdosiert

Außerdem treten bei bestimmten Medikamenten "viel mehr Komplikationen und Nebenwirkungen bei Frauen auf, einfach, weil häufig überdosiert wird", erklärt Regitz-Zagrosek.. Die geschlechtsunspezifische Dosierung von Medikamenten spielt bei vielen Krankheiten eine entscheidende Rolle. Bekannt ist, dass Frauen zum Beispiel bei bestimmten Mitteln früher aus der Narkose aufwachen als Männer. "Auch gibt es inzwischen Studien, die zeigen, dass Digitalis, Betablocker und Herz-Kreislaufmittel anders wirken", erklärt die Kardiologin. Forschungen legten nahe, dass der Effekt von Blutgerinnungsmitteln durch Sexualhormone beeinflusst werde – das sei natürlich sehr wichtig für die Chirurgie.

Einer der Schwerpunkte von GiM und IFG ist die Erforschung der unterschiedlichen Effekte der Geschlechtshormone auf Zellen, Knochen, Organe oder Gehirn. "So lösen Östrogene eine Vielzahl von Mechanismen aus, sie beeinflussen den Fettstoffwechsel, das Immunsystem oder die Blutgerinnung", sagt Regitz-Zagrosek. Letzteres könnte der Grund dafür sein, dass nach Bypass-Operationen an Patienten unter 55 Jahren zweieinhalb Mal so viele Frauen sterben als Männer. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Arteriosklerose sind bei Frauen vor der Menopause wesentlich seltener als bei Männern dieser Altersgruppe, Multiple Sklerose, Rheuma oder Lungenhochdruck hingegen viel häufiger. "Der Einfluss männlicher Sexualhormone auf die Gesundheit ist noch weniger erforscht."

Geschlechts- und Altersunterschiede zeigen sich in der Knochendichte, in der Gefäßdicke und dem Stoffwechsel. Darüber hinaus gibt es Unterschiede in der Größe der inneren Organe, der Herztätigkeit und dem Verhältnis von Körperwasser zu -fett. Beispielsweise sind Frauen in der Regel nicht nur kleiner und leichter, sie haben auch eine schlechtere Nieren- und Leberfunktion als Männer und bauen Medikamente langsamer ab. Das führt bei gleicher Medikamentengabe zu einer relativen Überdosierung und stärkeren, anderthalb Mal häufigeren Nebenwirkungen.

Auch ist der Knochenbau geschlechtsspezifisch. So ist die weibliche Kniescheibe nicht nur kleiner, sie lagert auch in einem anderen Winkel im Gleitlager: mit sieben Grad im Gegensatz zu vier bis fünf Grad beim Mann. Bis vor kurzem mussten Frauen mit Normprothesen daher viel mehr Schmerzen ertragen als Männer, erst seit 2007 sind spezielle Prothesen für Frauen auf dem Markt.

 
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