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Golfen
Was Sie über das gesundheitliche Handicap wissen müssen

Golfen: Probleme in Armen und Knien vermeiden
Doppelter Feinschliff für Andrea Berres auf dem Golfplatz Hummelbachaue: Golf-Profi Richard Willis (r.) kontrolliert ihre Schlägerhaltung, und Physiotherapeut Dieter Welsink kümmert sich um den richtigen Winkel und die optimale Lockerheit in ihren Kniegelenken. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf . Golfen ist gesundheitlich nicht ohne Risiko. Auf der Neusser Hummelbachaue betreuen Golf-Profis, Ärzte und Physiotherapeuten die Spieler gemeinsam. Das zahlt sich aus. Von Wolfram Goertz

John Steed, Geheimagent Ihrer Majestät, würde die These unbedingt unterschreiben, dass Golf ein gefährlicher Sport ist. In Staffel vier, Folge acht der beliebten TV-Serie "Mit Schirm, Charme und Melone" kann Steed bei Loch 13 des Craigleigh Golf Club nur mit Mühe einem Ball ausweichen, der mit einer Panzerfaust auf ihn abgefeuert wurde. Und Mrs. Peel findet unter diesem ominösen Loch 13 das Kontrollpult zur Steuerung eines bösen Spionage-Satelliten. Doch besitzen Peel und Steed im Umgang mit finsteren Mächten ein famoses Handicap, weswegen sie den Kampf in der vorletzten Sendeminute für sich entscheiden.

Das war vor genau 50 Jahren. In genau drei Monaten kann die Welt erstmals bei Olympischen Sommerspielen zuschauen, wie Bälle abermals in Rekordgeschwindigkeit durch die Luft fliegen, nachdem ein Spieler sie mit maximalem Schwung aus zwei Fäusten und einem trainierten Body abgefeuert hat. Golf gilt von jeher als gesunder Sport; derzeit hat er großen Zulauf. Die Spieler gehen enorme Strecken in einer Natur, die künstlich begrünten Mondlandschaften ähnelt, und dann und wann schlagen sie ebenso gesund mit einem Schläger nach einem Ball. So der Volksglaube.

In Wirklichkeit ist Golf zwingend ein Fall für die medizinische Abteilung. Anders als beim Minigolf, (dessen sportliche Dimension niemand unterschätzen sollte) führt der Körper auf dem Rasen Bewegungen aus, die ihn - weil stets einseitig - derb belasten. Der Golferellenbogen hat bereits Eingang in die Fachsprache gefunden; von der identischen Epicondylitis humeri ulnaris liest man nur in Arztbriefen.

In Neuss hat man den Bedarf professionell erkannt und gebahnt. Dort, auf dem malerisch gelegenen Golfplatz Hummelbachaue im Stadtteil Norf, arbeiten Ärzte, Physiotherapeuten und Golftrainer eng zusammen, damit sich keiner beim Golfen ein medizinisches Handicap zuzieht - oder sie sorgen dafür, dass er ein anderes Handicap wieder verliert. Der Physiotherapeut, Sportlehrer und frühere Kanu-Weltmeister Dieter Welsink hat dort das "MedGolf Institut" gegründet, das Sportmedizin und Golfkunst eng verzahnt. Man kann auch sagen: Sie haben eine intelligente Idee vorbildlich eingelocht.

Natürlich kann man einfach hingehen und geruhsam seine Runden ziehen. "Aber Golfer sind ein ehrgeiziges Völkchen, jeder möchte gerne gut und vielleicht noch besser werden", verrät Welsink. Nur die wenigsten auf dem Platz, also auf der Driving Range, den Chip- und Putting-Grüns, wissen aber, was ihr Körper leistet - und dass, nur zum Beispiel, der Schwung beim Abschlag stärker aus der (beweglichen) Brust- als aus der (nicht so beweglichen) Lendenwirbelsäule kommt. Im Übergangsbereich "kommt es durch die extremen Bewegungen beim Golfen leicht zu Zerrungen", weiß der Orthopäde Wolfgang Lemken, ärztlicher Leiter von Welsinks Firma "medicoreha", einem breit aufgestellten regionalen Anbieter von Physiotherapie, der Krankenhäuser und Profisportler (etwa von Borussia Mönchengladbach) gleichermaßen betreut und mit dem Olympiastützpunkt Rheinland zusammenarbeitet.

Kann das denn wirklich sein? Zerrungen in der Wirbelsäule ausgerechnet beim Golfen? Wer das bezweifelt, kennt die Frequenz ambitionierter Spieler nicht: "Die schaffen beim Abschlag schon mal 200 Bälle in einer Stunde", berichtet Richard Willis, ein Profi-Golfer, der in Neuss Golfer coacht und dem "MedGolf"-Team angehört. 200 Bälle in der Stunde, das sind etwa drei Schläge pro Minute: sehr viel! Wer sich hier unmerklich eine Fehlhaltung antrainiert, findet erstens nur mit Mühe wieder heraus und ist zweitens ein sicherer Kandidat für Überlastungssyndrome. Die sieht man in der Sportmedizin ebenso häufig wie in der Musikermedizin; Golfschläger und Geige sind Geräte, bei denen einseitige Bewegungsabläufe fast unumgänglich sind. Mancher, der nicht gut trainiert ist, wird bald vielleicht doch Minigolf spielen müssen.

"MedGolf" ist nicht einfach nur vorverlagerte Krankengymnastik, sondern eine Philosophie mit ganzheitlichem Ansatz, der gerade in der Medizin früh ansetzt. "Wir arbeiten eng mit Kardiologen und Orthopäden zusammen, die bei uns auf der Hummelbachaue einen eigenen Untersuchungsraum zur Verfügung haben. "Hier können sie zum Beispiel einen Ultraschall des Herzens und eine Doppler-Sonografie der hirnversorgenden Gefäße machen - also eine Art medizinischen Check-up, wie ihn sogar Berufssportler nicht immer gründlich genug bekommen", sagt Welsink. Vorbeugung ist für ihn eine Art Bekenntnis, eine unentbehrliche Voraussetzung - denn er hat die Fälle ja selbst erlebt, dass mancher beim Sport aus heiterem Himmel einen Schlaganfall erlitt, weil sich Plaques, also Gefäßablagerungen, durch eine heftige Bewegung lösten und ins Gehirn ausgeschwemmt wurden.

Andere Golfer - und das ist eine weitere Säule bei "MedGolf" - haben eine Erkrankung wie beispielsweise einen Schlaganfall erlitten und möchten nun wieder nicht nur gemächlich putten, sondern auch einen ordentlichen Abschlag hinbekommen. "Da ist es wichtig, dass wir diesen Menschen physiotherapeutisch gut aufstellen, denn manche Bewegung eines guten Golfers schafft er vorerst noch nicht", erklärt Welsink. "Und dann sag ich seinem Trainer Richard: Pass auf, er ist in den Armen noch nicht so beweglich, deshalb muss er die Kraft stärker aus dem Körper holen."

Oder die ältere Golferin mit der Osteoporose: Für sie ist es wichtig, dass der Physiotherapeut ihre Rückenmuskulatur stärkt und damit die Wirbelsäule entlastet. Oder der Golfer mit der künstlichen Hüfte: Was er mit ihr noch nicht kann, muss er einstweilen mit der Wirbelsäule ausgleichen. Und dann gehen sie aus einem der Physioräume auf der Hummelbachaue ein paar Meter ins Freie, und der Physiotherapeut schaut sich an, was sein Patient nun unter heiterem Himmel mit Körper, Schläger und Ball anstellt. Entweder nickt er zufrieden, oder er weiß, wo er beim nächsten Mal noch ansetzen muss.

Und immer wieder die Botschaft: Nie ohne Aufwärmprogramm auf die Anlage, denn kalte Muskeln und Sehnen neigen dazu, Zipperlein auszulösen, die sich dann nur schwer wieder verabschieden. Die physiotherapeutische Einzelsitzung kostet auf der Aue übrigens 89 Euro für eine Stunde; die golfenden Patienten müssen sie selbst bezahlen. Die enge Zusammenarbeit von Profis und Heilkundigen treibt Früchte. Die Damen vom Golfclub Hummelbachaue sind soeben in die Damenbundesliga aufgestiegen.

Golfer-Star Martin Kaymer kommt auch gern zum Trainieren nach Neuss. Leute seiner Liga haben natürlich ihren eigenen Physiotherapeuten. Ohne geht es also nicht.

Quelle: RP
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