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Gesundheit
Experten sollen Hirntod besser prüfen

Das sind die wichtigsten Fakten
Das sind die wichtigsten Fakten
Bremen. Experten bemängeln die fehlende Ausbildung der Ärzte. Fehldiagnose soll kein Einzelfall sein. Von Jörg Zittlau

Wie jetzt bekannt wurde, ist jüngst in einer Klinik im Raum Bremen die Operation einer Organspende abgebrochen worden, weil plötzlich klar wurde, dass der Patient nicht nach den geltenden Richtlinien für hirntot erklärt worden war. Der im Dezember 2014 geschehene Fall sorgt derzeit nicht nur für erhebliche Aufregung unter den Beteiligten. Er bringt auch erneut das gesamte Organspende-Prozedere in negative Schlagezeilen.

Der Patient hatte bereits eine geöffnete Bauchdecke, als plötzlich Bedenken an seinem Hirntod aufkamen. Und solange diese nicht einwandfrei ausgeräumt wären, so die beteiligten Chirurgen, könne man nicht weiter operieren. Weil es beispielsweise möglich wäre, dass der Patient noch die Schmerzen der Operation spüre. Also wurde er kurzerhand wieder zugenäht.

Eine Überwachungskommission beschäftigt sich jetzt mit diesem Vorfall, der offenbar kein Einzelfall ist. Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Februar vergangenen Jahres von acht ähnlichen Fällen eines OP-Abbruchs - sogar von einem Kleinkind, dem man ohne klare Hirntoddiagnose einfach die Organe entnommen hatte. Als die Zeitung die verantwortlichen Ärzte zur Diagnose befragte, sollen die Journalisten überwiegend Ausreden zu hören bekommen haben.

Kritiker bemängeln schon länger die in Deutschland übliche Hirntoddiagnostik. Die Ärzte, so der Vorwurf, seien nicht dafür ausgebildet. Oft würden sie einen unwiderruflichen Hirntod feststellen, obwohl durchaus noch Chancen auf Erholung bestünden. So hat Hirnforscher Niels Birbaumer von der Universität Tübingen in dieser Hinsicht schon erstaunliche Fälle erlebt. "Es kommt immer wieder vor", so der Neurobiologe, "dass Patienten sogar nach jahrelangem Koma wieder aufwachen." Doch diese Chance bekämen sie natürlich nicht, wenn man sie voreilig für hirntot erklärt.

Birbaumer betont, dass ein Hirntod erst dann zweifelsfrei diagnostiziert ist, wenn sich in vier bis acht Wochen EEG keinerlei Schwingungen und niederfrequente Spannungsverschiebungen mehr zeigen würden. Schon für die Diagnose eines Komas, so der Neurobiologe weiter, müsste man eigentlich ein mehrwöchiges EEG erheben, "doch das macht fast niemand". Es sei daher fraglich, ob dies in der norddeutschen Klinik geschehen sei.

Vielmehr erwarten die Richtlinien nur, dass die bestellten Ärzte "eine mehrjährige Erfahrung in der Intensivbehandlung von Patienten mit schweren Hirnschädigungen" hätten. Einen Hirntoten müssen die Mediziner jedoch vorher noch nie gesehen haben - sie brauchen noch nicht einmal bei einer solchen Diagnose dabei gewesen sein.

Quelle: RP
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