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Mutation
Aggressiver Polio-Erreger ist immun gegen Impfschutz

Was ist Kinderlähmung?
Was ist Kinderlähmung? FOTO: Mary F. Calvert, USA, Zuma Press
Bonn. Im Jahr 2002 hat die Weltgesundheitsorganisation ganz Europa für poliofrei erklärt. Jetzt aber haben Wissenschaftler einen mutierten Erreger gefunden, der die Kinderlähmung trotz einer vorherigen Schutzimpfung auslösen kann. Das könnte auch Deutschland vor Probleme stellen. Von Tanja Walter

Eine Impfung gegen Kinderlähmung schützt Kinder schon ab dem dritten Lebensmonat vor der schlimmen Viruserkrankung. Eine Schutzmaßnahme, die sie vor bleibenden Lähmungen in Armen und Beinen schützt und auch vor dem Tod durch eine gelähmte Atemmuskulatur. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Eltern hierzulande im Rahmen einer Mehrfachimpfung eine Immunisierung gegen den Polio-Erreger.

Dabei ist der Name "Kinderlähmung" irreführend, denn auch Erwachsene können sich mit dem Virus per Tröpfchen- oder Schmierinfektion anstecken, wenn sie nicht dagegen geimpft sind. Bis zur Einführung dieser Schutzmaßnahme erkrankten mehrere tausend Menschen jährlich daran, mehrere Hundert starben. Dank der Impfprogramme wurde die Poliomyelitis weltweit so weit zurückgedrängt, dass es weltweit jährlich nur noch wenige hundert Erkrankte gibt.

Eine alarmierende Entdeckung aber machten nun jedoch Forscher der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit Kollegen aus dem zentralafrikanischen Staat Gabun. Sie konnten Polio-Viren isolieren, die offensichtlich mutiert sind und offensichtlich den Impfschutz unterlaufen. "Wir haben Polio-Viren aus Verstorbenen isoliert und genauer untersucht", erklärt Dr. Jan Felix Drexler, der heute in den Niederlanden arbeitet, die Studie jedoch während seiner Tätigkeit am Institut für Virologie der Universität Bonn durchführte.

Hohe Sterberate trotz Impfschutz

Im Jahr 2010 hatten Polio-Erreger im Kongo zu einer regelrechten Kinderlähmungs-Epidemie geführt. 445 Menschen infizierten sich damals mit diesem Virus. 209 von ihnen starben. Diese hohe Sterberate verblüffte die Wissenschaftler, denn in einer Befragung hatten rund die Hälfte der Erkrankten angegeben die zur Immunisierung nötigen drei Impfdosen erhalten zu haben.

Die Isolierung des Polio-Erregers zeigte nun, dass die im Blut geimpfter Versuchspersonen vorhandenen Antikörper zwar problemlos mit normalen Kinderlähmungs-Viren klar kamen, nicht aber mit dem mutierten Virus. Hier war die Immunantwort deutlich schwächer. "Wir schätzen, dass jeder Fünfte unser Bonner Testpersonen von dem neuen Polio-Virus hätte infiziert werden können, vielleicht sogar jeder Dritte", so Drexler.

Der Erreger tragen eine Mutation, die seine Gestalt an entscheidender Stelle verändere. So sei es den durch die Impfung induzierten Antikörpern kaum noch möglich, das mutierte Virus zu erkennen und außer Gefecht zu setzen. Das stellt nun in Frage, ob die bestehende Impfung auf Dauer die Ausrottung der mitunter tödlich verlaufenden Krankheit sicherstellen kann. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verfolgt als erklärtes Ziel, das Virus in den nächsten Jahren auszurotten. Vorbild dafür sind die Pocken. Dank einer konsequenten Impfstrategie gilt die Erde seit 1980 als pockenfrei.

Kinderlähmung verbreitet sich anders als Ebola

Grundsätzlich schätzen die Wissenschaftler die Chancen als gut ein, auch die Ausrottung der Kinderlähmung zu erreichen, denn das Virus, das zur Erkrankung führt kann nur direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. Es ist also ausgeschlossen, dass sich beispielsweise vom Tier als Erreger-Reservoir die Krankheit immer wieder ausbreitet, wie es beim Ebola-Virus der Fall ist. Dabei gelten unter anderem Flughunde als Träger der tödlichen Erreger. Sie werden von der afrikanischen Bevölkerung gefangen und verspeist und können auf diese Weise auf den Menschen überspringen.

Polio-Viren hingegen übertragen sich nach Informationen des Robert-Koch-Instituts vermehrt unter schlechten hygienischen Bedingungen und durch mit Fäkalien verschmutztes Wasser. In den letzten drei Jahren gab es Erkrankungsfälle in Indien, China und Syrien, verschiedenen afrikanischen Ländern. Gehäuft tritt die Krankheit in Nigeria, Pakistan und Afghanistan auf und könnte von dort aus eingeschleppt werden. Der letzte Polio-Fall hierzulande ist aus dem Jahr 1990 bekannt. Ein eingeschleppter Wildtyp-Virus hatte in diesem Fall zur Erkrankung geführt.

Seit 1998 keine Schluckimpfung mehr. Impfstoff damals basierte auf abgeschwächten Lebendviren, die von den Geimpften über mehrere Wochen ausgeschieden wurden und so vor allem für Immungeschwächte Menschen eine Gefahr bedeuteten, denn sie konnten sich auf diesem Wege mit der Krankheit infizieren. Heute wird die Immunisierung darum mit einem Totimpfstoff durchgeführt, bei dem dieses Risiko nicht besteht.

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