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Leiter der HIV-Forschung in Essen
"Ein HIV-Impfstoff ist möglich"

Fünf Fragen zu HIV/AIDS
Fünf Fragen zu HIV/AIDS FOTO: AP
Düsseldorf . An der Uniklinik Duisburg-Essen hat das erste deutsche Forschungszentrum für HIV eröffnet. Leiter Hendrik Streeck will dort schaffen, was weltweit bislang nur viermal zuvor ausprobiert wurde: In Studien mit Menschen einen Impfstoff gegen HIV entwickeln. Wir haben mit ihm gesprochen.   Von Susanne Hamann

Herr Streeck, Sie leiten das Institut für HIV-Forschung an der Uniklinik Essen-Duisburg. Was ist so besonders daran?

Streeck: Das Besondere ist, dass wir uns ganz der Erforschung des HI-Virus verschreiben. Bei uns steht also eine einzige Erkrankung im Mittelpunkt, an die wir uns von mehreren Seiten annähern. Es gibt einige gute HIV-Forscher in Deutschland, die sich aber meist mit Teilaspekten der Erkrankung beschäftigen oder häufig noch weitere Erkrankungen oder Viren erforschen. Außerdem wird in Deutschland fast keine Forschung mehr zu HIV-Impfstoffen gemacht. Das ist aber eines unserer wichtigsten Ziele.

Warum wird in Deutschland nicht an HIV-Impfstoffen geforscht?

Streeck: Weil es zum einen eine sehr komplizierte als auch sehr teure Forschung ist. Man muss sich klar machen, dass die USA mehr Geld zur Erforschung von HIV in die Hand nehmen, als alle europäischen Länder zusammen. Weltweit gab es deshalb erst vier große Effektivitätsstudien zu HIV-Impfstoffen, die übrigens alle durch die USA finanziert wurden.

Professor Hendrik Streeck leitet das Institut für HIV-Forschung an der Uniklinik Duisburg-Essen. FOTO: Hendrik Streeck

Mit Menschen?

Streeck: Ja, solche Studien müssen mit sehr vielen Studienteilnehmern durchgeführt werden. 

Wurden dabei Erfolge verzeichnet?

Streeck: In 2009 zeigte der sogenannte "Thai trial" eine 30-prozentige Effektivität. Also einer von drei Teilnehmern war vor HIV geschützt. Insgesamt haben 16.000 Studienteilnehmer an dieser Studie über drei Jahre teilgenommen. Die Studie wurde von meinem alten Arbeitgeber, dem US Military HIV Research Programm, in Kooperation mit der Thai Regierung durchgeführt. Ich hatte die Gelegenheit in der Analyse mitzuwirken und auch die Folgestudien mitzuplanen. Hierauf möchte ich mit meinem Institut aufbauen. Bei genaueren Untersuchungen stellten wir nämlich fest, dass in den ersten sechs Monaten der Impfschutz bei 60 Prozent lag, aber sowohl der Schutz als auch die Immunantworten schnell verloren gingen. Es geht jetzt also darum den Impfschutz zu verlängern. Der Versuch hat aber auch noch etwas anderes gezeigt: ein HIV-Impfstoff ist möglich. Hätte der 60-prozentige Schutz drei Jahre gehalten, wäre der Impfstoff bestimmt lizensiert worden.

Sie sagen, Sie möchten an diese Erkenntnisse anknüpfen. Was planen Sie?

Streeck: Ich möchte in Studien herausfinden, ob es möglich ist, die Immunreaktion zu verlängern und auch neue Impfstoffkomponenten testen. 

Glauben Sie denn, dass eine Heilung von HIV möglich ist?

Streeck: Viele deutsche Forscher beschäftigen sich derzeit mit dem Thema Heilung von HIV. Eine komplette Beseitigung aus allen Zellen im Körper wird schwierig sein, ein näherliegendes Ziel, ist eine Remission zu erreichen. Die Krankheit ist dann zwar noch im Körper, lässt sich aber in Schach halten. Dazu gibt es erste gute Studien in Affen aus den USA. Auch ein HIV Impfstoff ist ein machbares Ziel.

Und Sie planen entsprechende Studien selbst durchzuführen?

Streeck: Wir haben drei große Schwerpunkte im Institut. Der wichtigste ist wie gesagt die Entwicklung eines Impfstoffes in Kooperation mit amerikanischen aber auch afrikanischen und asiatischen Forschergruppen. Wir wollen aber auch die deutschen Forscher in diesem Bereich vernetzen. Der zweite Schwerpunkt liegt darin Therapieversuche durchzuführen, um eine Remission der HIV Infektion zu erreichen. Dafür haben wir ein Projekt mit einer Berliner Praxis begonnen, die häufig Patienten identifiziert, die sich gerade infiziert haben. In diesen Patienten würden wir gerne einen sogenannten therapeutischen Impfstoff testen, der dafür sorgt, dass ihr Immunsystem so gestärkt wird, dass der Körper in der Lage ist die Krankheit eigenständig zu kontrollieren. Bislang ist das beim Menschen nicht erreicht worden.

Und das dritte Projekt?

Streeck: Über 30 Prozent der HIV-Kranken in westlichen Regionen sind bereits über 50. Und wir wissen, dass sie trotz optimaler HIV-Therapie überdurchschnittlich häufig an Herzinfarkten, Tumoren oder Stoffwechselveränderungen erkranken, selbst wenn die Krankheit Aids nicht ausbricht. Wir haben zum Beispiel bereits herausgefunden, dass diese HIV-Patienten bestimmte Marker im Blut haben, die HIV-negative Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, nicht haben. Wir erforschen derzeit die Ursache, aber man könnte diesen Marker auch zur präventiven Diagnostik einsetzen. Dieser Bereich ist mir wichtig, da man sehr schnell dazu beitragen kann, dass sich die Lebensqualität von Betroffenen stark verbessert. 

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