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Arme verkaufen Nieren für wenige Hundert Euro
Organ-Mafia profitiert vom Elend

Was man zur Organspende wissen muss
Was man zur Organspende wissen muss FOTO: ddp
Peking. In den Armenvierteln von Asien und Südamerika kaufen Organhändler den Menschen ihre Nieren für wenige Hundert Euro ab. Viele sterben an den Folgen der Operation. Die entnommenen Organe werden dann für viel Geld an wohlhabende Patienten in westlichen Staaten verkauft. Von Christian Schwerdtfeger

Die 30 Zentimeter lange Narbe im Hüftbereich schmerzt immer noch. Die Wunde ist nicht richtig verheilt. Der 17 Jahre alte Chinese Xin Ju Jing aus einer Provinz bei Peking muss täglich starke Medikamente nehmen, damit er nicht an den Folgen der Operation stirbt. Im April hatten skrupellose Organhändler ihm eine Niere entnommen.

Der Teenager erhielt dafür einige Hundert Euro. Er wollte sich davon ein Handy und einen Computer kaufen. Doch nach der Transplantation hatte sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Auch ein halbes Jahr später können die Ärzte nicht mit Sicherheit sagen, ob er überleben wird.

Organe stammen von Häftlingen

Im bevölkerungsreichsten Land der Erde gibt es Tausende solcher Schicksale. Mehr als 1,5 Millionen Chinesen benötigen dort jedes Jahr eine lebensrettende Transplantation. Doch die Wahrscheinlichkeit, auf offiziellem Weg eine neue Niere, Leber oder Lunge zu bekommen, gleicht einem Lottospiel. Nur etwa 10.000 Transplantationen werden in China jährlich vorgenommen. Es mangelt an Spendern. Die meisten Organe für die wenigen Transplantationen stammen von hingerichteten Häftlingen.

Die hohe Nachfrage und die gleichzeitig verschwindend geringe Zahl an Spendern haben laut chinesischem Gesundheitsministerium in den vergangenen Jahren zu einem sprunghaften Anstieg des illegalen Organhandels geführt. Die Kriminellen gehen meist nach dem gleichen Prinzip vor: Sie suchen auf Organe angewiesene Patienten in Krankenhäusern oder im Internet und beschaffen dann passende gesunde Spender.

Dabei nutzen sie die Armut der Menschen aus. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhalten die Spender in der Regel nicht mehr als 500 Euro für die Entnahme einer Niere. Manchmal bekommen sie gar kein Geld. Viele sterben an den Folgen der Operationen. Zwar gehen die Behörden mit aller Macht gegen die Organ-Mafia vor. Doch nur selten gelingt der chinesischen Polizei so ein schwerer Schlag gegen das organisierte Verbrechen wie am vergangenen Wochenende, als bei landesweiten Razzien 137 Organhändler, darunter 18 Ärzte, festgenommen wurden. Dabei konnten auch 127 Menschen befreit werden, deren Organe illegal entnommen werden sollten. Die Festgenommenen hatten die "Spender" in abgeschotteten Lagerhallen eingesperrt.

Viele dieser Organe werden ins Ausland verkauft. Die WHO schätzt, dass weltweit jedes Jahr 10.000 Nieren illegal gehandelt werden. Die meisten dieser Organe stammen aus Asien und Südamerika, neben China vor allem aus Indien, von den Philippinen, aus Pakistan, den arabischen Staaten, Ost-Russland, Brasilien und Bolivien.

Laut Organ-Watch, einer Organisation, die gegen diese kriminellen Machenschaften kämpft, werden diese Organe meist wohlhabenden Empfängern in Nordamerika, Australien und Großbritannien angeboten und verkauft. Die Kriminellen treten meist übers Internet mit den Interessenten in Kontakt.

Organe für 180.000 Euro

Auf speziellen Plattformen bieten sie gegen Vorauszahlung Herzen, Nieren und Lebern für durchschnittlich 180 000 Euro an – Kosten für Flug, Operation und Krankenhausaufenthalt sind dabei meist im Preis inbegriffen. Kliniken, die illegale Transplantationen durchführen, gibt es auch in Europa. Der "Spiegel" berichtete kürzlich von einem Krankenhaus im Kosovo, in dem die Niere einer Russin für 82.000 Euro verpflanzt worden sei.

Wie einfach es der Organ-Mafia in manchen Ländern zuweilen gemacht wird, Transplantationen vorzunehmen, zeigt ein Fall aus der zentralindischen Stadt Hyderabad. Jahrelang führte dort ein Arzt in seiner Klinik unbehelligt von den Behörden illegale Nierentransplantationen durch. Preis pro Operation: 22.000 Euro. Das Geschäft war stadtbekannt.

Die frischen Organe erhielt er durch Drückerkolonnen, die in den Elendsvierteln unterwegs waren, um Menschen ihre Nieren abzukaufen. Doch erst durch die Anzeige eines 26-Jährigen, dem zuvor 7300 Euro für seine Niere geboten worden waren, flog der Organhandelsring auf. Gopal Kishan, der Arzt, der 1982 in Indien die erste Transplantation vornahm, sagt, dass die Behörden bewusst wegschauen, weil der hohe Bedarf an Spenderorganen nicht auf legalem Weg gedeckt werden könne. Ärzte, die illegal transplantieren, werden in Indien nur selten bestraft. Auch der angezeigte Arzt wurde wieder auf freien Fuß gesetzt.

(RP/anch/das)
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