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Chef der Notaufnahme am EVK
"Vor kurzem war jemand wegen eines Mückenstichs hier"

Patienten kommen oft wegen Bagatellen in die Notaufnahme
FOTO: dpa, hoh jol tba jai
Düsseldorf. Immer mehr Patienten gehen in die Notaufnahme, obwohl es sich nicht um einen Notfall handelt. Ergebnis: Völlig überfüllte Wartezimmer und erschwerte Bedingungen für akut kranke Patienten. Mit welchen Bagatellen Patienten mitunter in die Notaufnahme kommen und warum sie das tun, erklärt Tim Flasbeck, Chef der Notfall-Ambulanz am EVK in Düsseldorf. Von Susanne Hamann

Herr Dr. Flasbeck, die Krankenkassen haben auf Basis einer neuen Studie gewarnt, dass die Behandlung von Patienten durch völlig verstopfte Notaufnahmen erschwert wird. Können Sie dieses Problem bestätigen?

Flasbeck: Ja, das ist ganz sicher so. Jedes Jahr kommen bundesweit drei bis fünf Prozent mehr Patienten in die Notaufnahmen. Das ist eine Entwicklung, die wir ganz deutlich zu spüren bekommen. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da haben wir dann einen Arzt in die Notaufnahme geschickt, wenn überhaupt mal ein Patient kam. Das ist heutzutage undenkbar. 

In Zahlen ausgedrückt, wie viele Patienten behandeln Sie in der Notaufnahme?

Flasbeck: Wir haben letztes Jahr rund 22.000 Patienten in unserer Notaufnahme behandelt und rechnen dieses Jahr mit 900 Patienten mehr. An Spitzentagen, wie Karneval zu Beispiel, sind das auch mal mehr als 100 Patienten innerhalb von 24 Stunden. 

Tim Flasbeck ist Internist und Nephrologe und leitet die Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf. FOTO: Robert Poorten

Und wie groß ist das Ärzteteam?

Flasbeck: Das kann man nicht genau beziffern, denn einige Ärzte haben neben der Notfallversorgung weitere Aufgaben im Haus und werden nur bei Bedarf angefunkt. Ärztlich geleitet wird die Notaufnahme von mir und einem Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie, außerdem gibt es eine Funktionsoberärztin. Darüber hinaus arbeiten innerhalb von 24 Stunden vier internistische und drei chirurgische  Assistenzärzte im Schichtdienst auf der Notaufnahme. Bei rund 100 Patienten an einem Tag hat das Team wirklich viel zu tun. Dabei ist ein großer Teil des Aufwands für den Patienten gar nicht sichtbar. Dinge wie die Vorbereitung der Räume vor und nach jedem Patienten und die Patientenakte müssen auch erledigt werden. 

Es heißt ja, die Großzahl der Patienten, die in die Notaufnahme geht, ist gar kein Notfall. Stimmt das?

Flasbeck: Es kommen tatsächlich viele Patienten wegen Bagatellen. Vor kurzem erst war jemand wegen eines einzelnen Mückenstichs hier. Seine Frau war der Meinung, das sähe seltsam aus und müsse kontrolliert werden. Einem anderen war unwohl, nachdem er Alkohol getrunken hatte. Die Leute kommen aber auch wegen unkomplizierten Harnwegsinfektionen, Grippesymptomen oder Oberbauchschmerzen, ohne vorher den Hausarzt zu konsultieren. Und es gibt inzwischen sehr viele, die kommen, weil sie etwas plagt, sie die Symptome im Internet nachsehen und sich selbst diagnostizieren. Dabei kommt fast immer das Schlimmste heraus - und meiner Erfahrung nach stimmt es nie. 

Woher kommt dieser Trend?

Flasbeck: Die niedergelassenen Ärzte sind oft stark überlastet. Daraus entstehen für die Patienten häufig lange Wartezeiten und dann gehen sie lieber in die Notaufnahmen. Die kassenärztliche Vereinigung hat einen Sicherstellungsauftrag. Das bedeutet, sie muss an 365 Tagen im Jahr dafür sorgen, dass es ambulante ärztliche Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten in sprechstundenfreien Zeiten gibt. Dem kommt sie aber nicht ausreichend nach. Abgesehen davon, dass viele Patienten gar nicht wissen, dass es Notfallpraxen gibt, werden diese auch immer weiter zusammengestrichen, so dass sich die Patienten wieder hilfesuchend an die Notaufnahmen wenden. So werden die Patienten von der Gesundheitspolitik geradezu dazu veranlasst, in die Ambulanz zu gehen. 

Obwohl sie es in vielen Fällen nicht müssten. 

Flasbeck: Das können die meisten Patienten eben häufig nicht einschätzen und das kann man ihnen auch nicht übel nehmen. Allerdings wird bei uns nach Dringlichkeit behandelt und nicht nach Reihenfolge. Für den Nicht-Notfallpatienten kann das dann auch mal eine mehrstündige Wartezeit bedeuten. Das führt allerdings leider oft zu Unzufriedenheit bis hin zu verbalen Aggressionen. 

Die Patienten werden aggressiv?

Flasbeck: Ungehaltene Patienten, Beschwerden bis hin zu massiven Beschimpfungen sehen wir immer häufiger. Sicher auch ein Barometer für die gesamte Situation in den Notaufnahmen. Ich habe auch schon erlebt, dass sich Patienten bei mir über die Unfreundlichkeit von Ärzten beschwert haben. Ich sage dann, dass es sein kann, dass es einem Arzt auch mal auf die Stimmung schlägt, wenn er beispielsweise ein Kind reanimieren musste, es aber trotz aller Bemühungen gestorben ist. Beim letzten Mal sagte der Patient, das wäre ein unprofessionelles Verhalten vom Arzt. 

Die Patienten haben also oft kein Verständnis für die spezielle Situation im Krankenhaus. Wie wird denn entschieden, wer länger warten muss und wer kürzer?

Flasbeck: Das funktioniert über das sogenannte Triage-System. Anhand eines Kurzfragebogens und der Vitalparameter Puls, Sauerstoff-Sättigung und Atemfrequenz können wir sehr genau einschätzen, wie beeinträchtigt der Patient wirklich ist, und können anhand der Ergebnisse dieser Ersteinschätzung einstufen, wie schnell er behandelt werden muss: innerhalb der nächsten zehn Minuten, innerhalb von 30 Minuten, von 90 oder ob er sogar 120 Minuten und mehr Zeit hat bis er zum Arzterstkontakt kommt, somit also kein dringender Fall ist. 

Und das funktioniert?

Flasbeck: Es ist ein sehr wirkungsvolles Instrument, mit dem wir sicher die wirklichen Notfälle identifizieren können. Sagen Sie einem Patienten allerdings, dass er mit 120 Minuten und mehr triagiert wurde, führt das oft zu Ärger, insbesondere, weil die Patienten sich subjektiv als wesentlich kränker empfinden und sich in der Folge von uns nicht ernst genommen fühlen. Ich denke aber, dass die Triage aktuell die einzige Möglichkeit ist, sich gegen den immer größer werdenden Ansturm zu wehren. Der Nicht-Notfallpatient kann so sicher erkannt werden, und wir werden diese Patienten zunehmend an die niedergelassenen Ärzte und Notfallpraxen verweisen müssen.  

Was würde die Gesamtsituation verbessern?

Flasbeck: Die Notfallpraxen müssten wieder besser ausgestattet werden, die Budgetierung der niedergelassenen Ärzte muss sich verbessern, die Patienten müssten mehr dafür sensibilisiert werden, welche Alternativen sie zum Krankenhaus haben, und die Notaufnahmen müssten vernünftig vergütet werden. Derzeit bekommen wir für jeden Patienten rund 40 Euro, haben aber einen tatsächlichen Kostenaufwand von 100 Euro oder auch mehr. Je nachdem wie viele Untersuchungen wie Röntgen, Labor oder EKG anfallen. Weiterhin müssen die Notaufnahmen zeitnah entwickelt werden. Ohne moderne Konzepte und Strukturen wird es schwer, mit dem wachsenden Strom der Patienten auf Dauer zurechtkommen.

(ham)
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