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TK-Innovationsreport 2015
Ärzte verordnen zu oft Medikamente ohne verbesserten Nutzen

Medizin: Medikamente, die gefährliche Nebenwirkungen haben
Medizin: Medikamente, die gefährliche Nebenwirkungen haben FOTO: dpa, Kai Remmers
Düsseldorf . Jedes Jahr kommen neue Medikamente auf den Markt. Die Hoffnung ist, dass durch sie die medizinische Behandlung verbessert wird. Der Innovationsreport der Techniker Kasse zeigt jedoch: Von 20 neuen Präparaten wies nur eines einen zusätzlichen Nutzen auf. Von Ärzten wurden sie allesamt dennoch häufig verordnet. Über die Hälfte wurde aus Renditegründen hergestellt.  Von Susanne Hamann

Die Medizin ist eine jener Wissenschaften mit dem größten Fortschritt. Fast täglich werden neue Verfahren und Technologien entwickelt. Ständig tüfteln Wissenschaftler und Pharmaunternehmen außerdem an der Weiterentwicklung von Medikamenten, so könnten bestehende Therapien verbessert, Nebenwirkungen und optimalerweise auch Preise reduziert werden. Die Realität allerdings sieht anders aus, das zeigt der Arzneimittelinnovationsreport 2015 der Techniker Krankenkasse. 

Darin wurden die 20 Medikamente, die 2012 eine Marktzulassung erhalten haben, auf ihren verbesserten Nutzen geprüft. Das Ergebnis ist erschütternd: Im Ampelsystem erhielt nur ein einziges Präparat grünes Licht. Für sieben Medikamente zeigte die Ampel "gelb", für zwölf sogar "rotes Licht" in der Gesamtbewertung. Der zweite Jahrgang neuer Medikamente seit der Einführung des Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts (AMNOG) "brachte damit kaum echte therapeutischen Innovationen hervor", heißt es in dem Report. Im Vorjahresreport wurde zumindestens drei Medikamenten ein verbesserter Nutzen zugeschrieben. 

Das passierte nach der Markteinführung

Obwohl die Bewertung der neuen Wirkstoffe des Jahres 2012 im Vergleich zum vorherigen Jahrgang deutlich schlechter ausfiel, wurden die Präparate nach Markteinführung von Ärzten beinahe genauso häufig verordnet wie die neuen Präparate im Vorjahr. Am häufigsten wurden die Medikamente in Sachsen und Sachsen-Anhalt verordnet. Am seltensten in Bremen und Niedersachsen. Nordrhein-Westfalen liegt im unteren Mittelfeld. Wie schon im Vorjahr vermuten Experten, dass die häufige Verordnung der neuen Medikamente - ohne zusätzlichen Nutzen - oftmals am Informationsmangel unter Medizinern liegt. 

Wesentlich bestimmt wird die Verschreibung außerdem durch die sogenannten medizinischen Leitlinien. "Erstaunlich ist, dass mehr als die Hälfte der neuen Präparate, nämlich zwölf von 20, innerhalb von zwei bis drei Jahren nach Marktzulassung Eingang in Leitlinien medizinischer Fachgesellschaften findet – und dies trotz des geringen therapeutischen Fortschritts und der negativen Bewertungen", heißt es in dem Innovationsreport weiter.

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Eben auf diesen Leitlinien basieren nach einer aktuellen DocCheck-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasseallerdings 30 Prozent der befragten Ärzte ihre Entscheidung zur Verordnung neuer Arzneimittel. Gerade mal die Hälfte, also 15 Prozent, der Befragten gaben das Ergebnis der frühen Nutzenbewertung durch das AMNOG als häufigste Informationsquelle an.

Rendite vor medizinischer Notwendigkeit

Eine weitere Auffälligkeit in dem Report: "Forschung findet erkennbar nicht dort statt, wo sie benötigt wird", so Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse. "Statt neuer Antibiotika stehen hauptsächlich Indikationsgebiete im Fokus, bei denen die Pharmaindustrie die größte Rendite erwartet." Von den 20 neuen Präparaten sind fünf zur Heilung seltener Erkrankungen zugelassen und neun - also fast die Hälfte - gegen Krebs. Was sich zunächst wie ein positiver Trend im Kampf gegen sehr gefährliche Krankheiten anhört, ist bei näherer Betrachtung vor allem ein Versuch die Absätze zu steigern. Medikamente gegen Krebs gehören insgesamt zu den teuersten Therapien auf dem medizinischen Markt. Haben die neuen Medikamente kaum einen Zusatznutzen im Vergleich zu bereits bestehenden Medikamenten, werden durch sie vor allem die Absatzmöglichkeiten der Pharmaunternehmen erhöht. 

Wie sich die Problematik konkret äußert, beschreibt die TK am Beispiel von Vemurafenib. Dem Mittel wurde ursprünglich ein beträchtlicher Zusatznutzen zugesprochen. Verordnet wird es Patienten, die schwarzen Hautkrebs im Endstadium haben. Durch das Vemurafenib, leben sie rund vier Monate länger als mit dem zuvor verfügbaren Vergleichsmedikament Dacarbazin. Das bedeutet eine durchschnittliche Lebensverlängerung von   9,6 Monaten auf 13,2.

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"Eine Heilung ist aber auch mit diesem Mittel nicht erreichbar", heißt es in dem Bericht. Hinzu kommt: Die Lebensqualität der Krebskranken wird ebenfalls nicht verbessert, im Gegenteil. Häufige Nebenwirkungen sind etwa die Lähmungen von Gesichtsnerven wodurch die Fähigkeit zu Sprechen und zu Essen deutlich eingeschränkt oder gar verhindert werden kann. Die Jahrestherapiekosten für das alte Medikament Dacarbazin liegen laut TK bei rund 4000 Euro. Die Kosten für das neue Mittel Vemurafenib liegen dagegen bei rund 100.000 Euro.

Dramatisch ist diese Entwicklung insbesondere angesichts der dringenden Notwendigkeit der Forschung im Bereich der Antibiotika. Weil sich in der Bevölkerung immer mehr Resistenzen gegen die medizinische Wunderwaffe ausbilden, könnten viele der Medikamente schon bald nicht mehr wirksam sein. Lukrativ ist die Forschung auf diesem Gebiet für die Unternehmen jedoch nicht. Der Report spricht in diesem Zusammenhang von einer "Innovationskrise in der pharmazeutischen Industrie". 

Nur ein Antibiotikum schaffte es unter die neuen Mittel von 2012: Ceftarolinfosamil. Es wird bei Infektionen mit multiresistenten Staphylokokken (MRSA) eingesetzt und nur im Krankenhaus verwendet. Eine gute Bewertung hat es allerdings nicht erhalten. Laut dem Verfasser des Berichts Gerd Glaeske handle sich dabei um ein Cephalosporin aus einer bekannten Familie. Man habe es also nicht mit einem dringend notwendigen Antibiotikum einer neuen Klasse zu tun, sondern mit einer Variation bekannter Substanzen.

Auch die hohe Zahl an Medikamenten gegen seltene Krankheiten zeigt nicht, dass es nun mehr Menschen mit eben solchen Diagnosen gibt, die nun bessere Heilungschancen haben. "Es liegt vielmehr im Interesse der Industrie, große Volkskrankheiten so umzudefinieren, dass Patientengruppen auf das Maß von seltenen Erkrankungen verkleinert werden", ist ebenda zu lesen. "Dies sichert ihnen einen relativ raschen Durchlauf durch das AMNOG-Verfahren und per Gesetz einen Zusatznutzen."

Darum geht es beim AMNOG

Seit 2011 werden Arzneien direkt nach ihrer Marktzulassung vom Gemeinsamen Bundesausschuss von Kassen, Ärzten und Kliniken auf ihren Mehrwert überprüft. Der Hersteller muss dazu ein Dossier vorlegen, der Ausschuss wiederum kann dafür wissenschaftliche Expertise in Anspruch nehmen. Wird ein Zusatznutzen im Vergleich zu einer herkömmlichen Therapie nicht nachgewiesen, wird ein Festpreis festgelegt. Ist ein Mehrwert erwiesen, handeln Kassen und Hersteller einen Preis aus.

Unnötige Hormontherapien für Frauen in den Wechseljahren

Ob Hormontherapien sinnvoll sind oder nicht wird unter Medizinern immer wieder diskutiert. Weil Hormone stark in alle Stoffwechselprozesse und die Psyche eingreifen, raten viele Ärzte von der Einnahme ab. Zudem bringen sie gravierende Nebenwirkungen wie ein erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko sowie ein Anstieg der Brustkrebsraten mit sich.

Trotzdem hat in dem Zeitraum von 2011 bis 2013 jährlich jede achte weibliche TK-Versicherte über 40 Jahre mindestens eine Verordnung eines Hormonpräparates zur Behandlung von Wechseljahrbeschwerden bekommen.

"Es ist vor allem die Aufgabe der gynäkologischen Fachgesellschaften, einer möglicherweise wieder aufkeimenden breiten und unkritischen Dauerverordnung solcher Hormontherapien in den Wechseljahren vorzubeugen", warnt der Report. "Die bekannten Risiken sind auch mit neuen Arzneimitteln nicht zu umgehen." Aus diesem Grund sollten solche Mittel auch weiterhin nur bei starken Beschwerden über möglichst kurze Zeit in niedriger Dosierung gegeben werden. 

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