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Tod nach Zahn-OP in Hamburg
Warum eine Vollnarkose beim Zahnarzt riskant ist

Warum eine Vollnarkose beim Zahnarzt riskant ist
Viele Menschen leiden unter extremer Angst vor Schmerzen bei der Zahnbehandlung. FOTO: Shutterstock.com/ Pop Paul-Catalin
Hamburg. Im Fall des 18-Jährigen, der in Hamburg während einer großen Zahn-OP starb, hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den Anästhesisten aufgenommen. Einige Fakten sind bereits bekannt. Von Wolfram Goertz

Bei dem zahnmedizinischen Eingriff unter Vollnarkose, den ein 18-jähriger Patient in einer Hamburger Praxis nicht überlebt hat, sind offenbar mehrere ungünstige Faktoren zusammengekommen. Die genaue Ursache ist jedoch bis heute unklar, weil nicht geklärt ist, was die Hamburger Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Eppendorf mit "Herzfehler" als Vorerkrankung des Patienten meinen.

Sicher ist, dass sich der junge Mann 24 Füllungen an einem Tag hatte machen lassen, weil er unter einer massiven Zahnarzt-Phobie litt; entsprechend schlecht war offenbar auch der Zustand seiner Zähne. Eine mehrstündige ambulante Operation mit Vollnarkose ist allerdings im zahnmedizinischen Alltag nicht vorgesehen. Markus Schmitz, Chef-Anästhesist am Helios-Klinikum in Duisburg, sagt: "Einen Eingriff von solchem Ausmaß finde ich aus ärztlicher Sicht fast leichtsinnig." Unklar ist, warum sich die zahnärztliche Praxis auf eine OP von solcher Dimension eingelassen hat. Sie hätte den Eingriff ablehnen und den Patienten an eine Zahnklinik mit entsprechender medizinischer Infrastruktur verweisen müssen. Schmitz: "Es ist ja nicht nur die Tatsache, dass in einer Praxis die Bedingungen eines Operationssaals meist nicht gegeben sind. Auch muss man einen Patienten nach einem so langen Eingriff mit Vollnarkose zwingend überwachen; dafür braucht man aber ein stationäres Bett und die komplette anästhesiologische Logistik. Hat es beides in Hamburg überhaupt gegeben?"

Die Art der Vollnarkose ist bislang unklar

Noch keine Sicherheit herrscht über die Art der sogenannten Vollnarkose. Handelte es sich um eine Allgemeinanästhesie oder um eine Schlafsedierung etwa mit den bekannten Medikamenten Propofol oder Dormicum? Die Hamburger Zahnärztin hatte zu dem Eingriff einen Anästhesisten hinzugezogen. Die Behandlung war morgens um 8.30 Uhr begonnen worden und zunächst ohne Probleme verlaufen, erst im Lauf des Nachmittags war der Patient kritisch geworden, so dass nach diversen Wiederbelebungsversuchen der Rettungsdienst gerufen wurde. Der habe bei dem jungen Mann bereits Zeichen der Leichenstarre festgestellt, hieß es; dies hat die Zahnärztin allerdings bestritten. In einer Klinik in Hamburg-Altona sei jedenfalls der Tod des 18-Jährigen festgestellt worden.

Die staatsanwaltlichen Ermittlungen richten sich jetzt vor allem gegen den Anästhesisten. Fest steht: "Der 18-Jährige litt an einer kardialen Vorerkrankung", präzisierte Carsten Rinio, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Verursacht wurde das Herzversagen während des Eingriffs wohl durch diese Vorerkrankung und die körperliche Belastung während der mehrstündigen Operation. Ein abschließendes Ergebnis steht aber noch aus, dafür müssten die Ergebnisse weiterer Untersuchungen abgewartet werden, so Rinio. In ersten Berichten hieß es, der Anästhesist habe nicht, wie bei solchen Eingriffen mit Vollnarkose zwingend vorgeschrieben, ein Elektrokardiogramm (EKG) zum sogenannten Monitoring der Herzfrequenz mitlaufen lassen; ob die Sauerstoffsättigung und der Blutdruck gemessen wurden, ist ebenfalls nicht bekannt.

Selbst wenn der Patient vor dem Eingriff ordnungsgemäß von dem Anästhesisten aufgeklärt wurde, kann es trotzdem passieren, dass eine zuvor auch dem Patienten unbekannte Herzerkrankung bei einer solchen Belastung symptomatisch wird. "Das wäre ein schicksalhaftes Zusammentreffen. Umso wichtiger ist es daher, dass Eingriffe dieser Größenordnung besser in einer Klinik vorgenommen werden", sagt Anästhesiologe Schmitz. "Wir operieren ja häufig auch alte Menschen mit Vorerkrankungen wie einer Aortenklappenstenose, einem Herzklappenfehler; sind aber die medizinischen Bedingungen professionell, dann verlaufen auch solche Eingriffe in der Regel komplikationslos."

Quelle: RP
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