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Was eine Faszientherapie bewirken kann

Was eine Faszientherapie bewirken kann
FOTO: Shutterstock.com/ Nerthuz
Ulm . Der Körper ist durchzogen von Faszien. Durch Verletzungen oder Bewegungsmangel verdrehen oder verkleben die Fasern dieses Kollagenbindegewebes. Schmerzen oder Sensibilitätsstörungen sind die Folge. Eine spezielle Faszientherapie soll dagegen helfen.

Der Daumen geht tief hinein in die Haut, der Schmerz schwillt an - und löst sich. Dann arbeitet der Osteopath mit Zug und flächigen Bewegungen entlang der Bahn in Bein, Arm oder Rücken, auf der sich der Schmerz entlangzieht. Nein, hier wird kein Muskel, sondern eine Faszie behandelt.

"Unter Faszien versteht man alle kollagenen, faserigen Bindegewebe als Teil eines körperweiten Netzwerks", erklärt Robert Schleip. Der Diplom-Psychologe und Humanbiologe ist Direktor der Fascia Research Group, Division of Neurophysiology an der Universität Ulm. "Faszien umgeben jeden Muskel, jedes Organ und jede Bandstruktur und vernetzen so unseren ganzen Körper." Faszien umhüllen jedoch nicht nur die Muskeln, sondern auch die in ihnen enthaltenen Faserbündel und jede Muskelfaser. "Dies gibt allem in uns Form und Kontur und ermöglicht mühelos gleitende Bewegungen und Bewegungsfreiheit der Gelenke in vielerlei Richtungen und Winkel", erläutert Schleip.

In der faszialen Hülle ist eine Vielzahl von Dehnungsrezeptoren verbunden, was für die Wahrnehmung des eigenen Körpers wichtig ist. Diese Hülle ist überdies ein Kommunikationssystem: "Ein Teil der biochemischen Stoffe wird über das Fasziensystem weitergeleitet", erklärt Norbert Neumann vom Bundesverband Osteopathie in Weiden. "Ebenso enthalten Faszien Nervenendigungen, die Informationen vermitteln", ergänzt Christian Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. Sei ein Organ zum Beispiel geschwollen, gelte das auch für seine Faszie. Dann werde quasi ein SOS-Signal an das Hirn übermittelt.

Die kollagenen Fasern sind normalerweise parallel zueinander angeordnet. Durch Fehl- oder Überbelastung ebenso wie durch Bewegungsmangel können sie sich verdrehen, verkleben oder verfilzen.

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Die Folge können Gelenk- oder Rückenschmerzen, fehlendes Balancegefühl, Taubheitsgefühl oder Kribbeln sowie Bewegungseinschränkungen sein. Und bei ständigem Stress erhöht sich der fasziale Tonus, das Zusammenziehen der Faszien. Dies äußert sich durch Verspannungen oder Steifheit - und da die Faszien im ganzen Körper miteinander verbunden sind, verteilt sich die Spannung im ganzen Körper.

Dagegen helfen soll eine gezielte Faszientherapie. Patienten sollten darauf achten, dass der behandelnde Osteopath ein ausgebildeter Faszientherapeut ist. Klassisch kommt das eingangs beschriebene Fasziendistorsionsmodell (FDM) zum Einsatz, das der US-amerikanische Arzt und Osteopath Stephen Typaldos entwickelt hat: Durch die gezielten Griffe sollen sich die verdrehten oder verklebten Fasern lösen. Die Wirkung soll der Patient unmittelbar spüren, indem er weniger Schmerzen hat und beweglicher ist.

Die Behandlung ist geeignet für akute ebenso wie für chronische Beschwerden. Wer etwa ein chronisches Blasenleiden hat, bei dem kümmert sich der Therapeut um den Mundboden - für einen Osteopathen sind beide Körperbereiche durch die Faszien miteinander verbunden. Auch der Betroffene selbst kann eine Menge tun. Denn das Fasziennetz wird ständig auf- und abgebaut, und durch Bewegung wird dieser Auf- und Abbau aktiviert. Vorstellen kann man sich dies wie ein Spinnennetz, das nach einem Sturm an einigen Stellen gerissen ist. Die Spinne flitzt dorthin und repariert ihr Netz.

Im Körper sind Fibroblasten, körpereigene Bindegewebszellen, die Spinne. Sie legen Schleip zufolge nach einer mechanischen Stimulation mehr Kollagen an oder bauen bei Bewegungsmangel Kollagen ab. Wer sich zu mehr Bewegung und ausgewogener Ernährung aufrafft, könne innerhalb von sechs Monaten bis zwei Jahren ein ehemals sprödes Fasziennetzwerk in ein belastbares und flexibles Fasernetz um- und aufbauen. Der Wissenschaftler hat dafür ein Training mit dynamischen Dehnübungen entwickelt.

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Ein Beispiel: Ein gestrecktes Bein wird auf einem Stuhl abgelegt, das Knie des anderen Beins ist leicht gebeugt. Nun den Oberkörper mit schulterbreit und nach vorn gestreckten Armen in Richtung ausgestrecktes Bein ziehen, der Rücken ist gerade. Nach etwa einer Minute sehr langsam nachlassen, dabei mit kleinen Drehungen nachspüren, wo es im Bein zieht. Ein- bis zweimal Training in der Woche reicht aus und kann ergänzt werden durch barfuß Seilspringen, wobei man mit dem Vorderfuß möglichst vorsichtig aufkommen sollte.

Allerdings steht die Faszienforschung am Anfang, es gibt erst wenige Studien zur Wirksamkeit. "Derzeit basieren die Ergebnisse auf der Meinung mehrerer Experten", sagt Schneider. Evidenzbasierte, nachvollziehbare Studien liegen noch nicht vor - Spitzensportler wie die deutschen Fußballnationalspieler werden aber schon entsprechend behandelt. Bei einer akuten Erkrankung empfiehlt sich allerdings eine Therapie, die direkt bei der Ursache ansetzt.

(dpa)
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