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Zika-Virus
WHO könnte Gesundheitsnotstand ausrufen

Hintergrund: Diese Tropen-Krankheiten drohen Deutschland
Hintergrund: Diese Tropen-Krankheiten drohen Deutschland FOTO: Wikimedia Commons
Genf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will am Montag darüber entscheiden, ob wegen der Verbreitung des Zika-Virus in Lateinamerika ein weltweiter Gesundheitsnotfall ausgerufen werden muss.

Das teilte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Donnerstag in Genf mit. Dazu sei eine Dringlichkeitssitzung einberufen worden. Das Virus verbreite sich in einigen Gegenden beinahe explosionsartig, sagte sie bei einer Sitzung des WHO-Exekutivrates in Genf.

Nach WHO-Angaben gibt es in Brasilien möglicherweise 1,5 Millionen Zika-Fälle. Zugleich warnte die UN-Organisation vor Panik. "Das ist nicht Ebola", sagte der zuständige WHO-Direktor und Leiter der Abteilung für übertragbare Krankheiten, Marcos Espinal. Die Krankheit werde bekanntermaßen durch Mücken verbreitet. Der Kampf gegen die Überträger sei daher entscheidend, aber er sei auch mit üblichen Mitteln möglich. Brasilien habe dabei bereits gute Fortschritte gemacht.

Der Erreger, der derzeit vor allem in Brasilien grassiert und bereits in mehr als 20 Ländern registriert wurde, steht im Verdacht bei Schwangeren das ungeborene Kind teils schwer zu schädigen. Zugleich wies die WHO aber darauf hin, dass es "keinen Grund für Panik" gebe.

Das hilft bei Stichen FOTO: Shutterstock/Image Point Fr

Wie gefährlich ist das Zika-Virus wirklich?

Schwierig einzuschätzen ist die Lage für die Experten auch deshalb, weil es noch viele offene Fragen im Zusammenhang mit dem Virus gibt. Wissenschaftler wissen vor allem, dass sie zu wenig wissen über Zika. Das zeigt sich auch in dem besonders betroffenen Land Brasilien. 

Gesundheitsexperten prüfen dort 4180 Verdachtsfälle der sogenannten Mikrozephalie, einer Entwicklungsstörung bei Babys. Sie haben einen zu kleinen Kopf und ein zu kleines Gehirn und folglich oft geistige und körperliche Einschränkungen. Die Verdachtsfälle wurde alle seit Oktober registriert, als sich Zika in Brasilien ausbreitete.

Das Virus löst bei Erwachsenen normalerweise nur ein Fieber aus und galt zunächst als ziemlich harmlos. Aber wegen der großen Zahl von Mikrozephalie-Verdachtsfälle zeigten sich die Behörden alarmiert und vermuteten einen Zusammenhang. Diese Woche kündigten sie an, 220 000 Soldaten zum Kampf gegen der Überträger-Mücke Aedes aegypti einzusetzen.

Am Mittwoch relativierte das Gesundheitsministerium allerdings etwas: Nach intensiver Analyse von mehr als 700 der Verdachtsfälle bestätigten sie zunächst nur bei 270 Babys Mikrozephalie. In 462 weiteren der geprüften Fälle wird diese Diagnose ausgeschlossen.

Die wichtigsten Anworten zum Dengue-Fieber FOTO: AP

Was das genau bedeutet, ist auch für Wissenschaftler schwer zu deuten. Die brasilianischen Behörden verweisen darauf, dass es bei Mikrozephalie trotzdem einen starken Anstieg gebe, denn die Vergleichszahl für das ganze Jahr 2014 ist 150. Und sie gehen nach wie vor davon aus, dass es einen Zusammenhang mit Zika gibt. Und doch kann die Statistik nicht eindeutig beantworten, ob das Virus wirklich für die Entwicklungsstörung verantwortlich ist. Und sie zeigt auch nicht, wie groß das Problem wirklich ist.

Denn die 150 Fälle aus dem Jahr 2014 sind erstaunlich wenig für ein Land mit fast drei Millionen Geburten pro Jahr. Zum Vergleich: Für die USA mit rund vier Millionen Geburten gehen die dortigen Gesundheitsbehörden von 2500 Fällen von Mikrozephalie jährlich aus.

Die brasilianischen Behörden haben Ärzte erst nach den Auffälligkeiten im vergangenen Jahr erstmals gebeten, Verdachtsfälle systematisch zu erfassen. Und dabei wurde der Radius sehr weit gezogen - Lebendgeburten, Totgeburten, Fehlgeburten und Föten, bei denen per Ultraschall und anderen Methoden im Mutterleib ungewöhnlich kleine Köpfe diagnostiziert wurden.

Die Regierungsexperten erläuterten nicht, warum sie Mikrozephalie nun bei 462 überprüften Fällen ausschlossen. Doch eine Ministeriumssprecherin sagte, viele Babys seien wohl zu früh und deshalb mit zu kleinen Köpfen auf die Welt gekommen. Hinzu kommt: Der Geburtsfehler kann auch durch bekannte Faktoren zustande kommen, darunter genetische Defekte, Fehlernährung oder Drogen. Auch Infektionen wurden bereits als Ursache nachgewiesen - allerdings nie solche durch Zika-artige Viren.

Zusammenhang zwischen Zika und Entwicklungsstörungen ist nicht ausreichend geklärt

Die Weltgesundheitsorganisation verweist offiziell darauf, dass eine eindeutige Verbindung zwischen Zika und der Entwicklungsstörung noch nicht wissenschaftlich bestätigt ist. Die neuen Zahlen zeigen letztlich vor allem, dass zu wenig über die Zusammenhänge bekannt ist. Andererseits sehen Forscher aber auch keinen Anlass zur Entwarnung.

Kinderneurologe Ganeshwaran Mochida vom Kinderkrankenhaus in Boston, ein Spezialist für Mikrozephalie, betont, die 270 bestätigten Fälle seien "immer noch eine ziemlich substanzielle Zahl" in einem Land, das bisher viel kleiner Zahlen registriert hat. "Ich glaube nicht, dass wir die Alarmstufe wegen des Zika-Ausbruchs herunterschrauben sollten", sagt auch der Infektionsspezialist Paul Roepe von der US-Universität Georgetown.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC rät schwangeren Frauen jedenfalls offiziell, Reisen in Zika-Regionen zu überdenken. Und El Slavador, Kolumbien und Brasilien legt Frauen nahe, ihren Kinderwunsch bis nach Ende der Krise zu verschieben.

(dpa)
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