| 16.49 Uhr

Prävention: Die Zeit drängt
Den häufigsten Todesursachen vorbeugen

Prävention: Die Zeit drängt: Den häufigsten Todesursachen vorbeugen
FOTO: Alois Müller
Die Zahlen lassen aufhorchen: Fast die Hälfte aller Menschen, die in Deutschland eines natürlichen Todes sterben, werden Opfer einer Herz-Kreislauferkrankung. Dazu gehören vor allem der Herzinfarkt und der Schlaganfall – Nummer eins und Nummer drei auf der Liste der häufigsten Todesursachen.

Die Wahrscheinlichkeit ist also durchaus hoch, in Folge eines der beiden Ereignisse zu versterben. Auslöser von Infarkt und Schlaganfall sind Erkrankungen, die der Betroffene häufig über viele Jahre "aufgebaut" hat, etwa Gefäßverkalkungen (Arteriosklerose) oder auch Vorhofflimmern des Herzens. Doch die Risiken, die zu den lebensgefährlichen Ereignissen führen können, lassen sich rigoros reduzieren, so die einhellige Meinung der 25 nationalen und internationalen Präventionsspezialisten aus Medizin und Versicherungswirtschaft.

Es sei eine Frage des Lebensstils, wie hoch die individuellen Gefahren seien, betonte beispielsweise Professor Dr. Arnold von Eckardstein vom UniversitätsSpital Zürich. "Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit und einen Schlaganfall sind neben der familiären Erkrankungsgeschichte unter anderem Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und Übergewicht. Dem kann aber mit gesunder Ernährung, Bewegung und auch der Raucherentwöhnung entgegengewirkt werden."

Wichtig sei auch, die Cholesterinwerte zu senken, insbesondere das "böse" LDL-Cholesterin (Low Density Lipoprotein), und die Prävention des Diabetes zu fördern. "Wir haben aktuell in Deutschland rund sechs Millionen Diabetes- Patienten, und es werden jährlich mehrere Hunderttausend mehr", warnt Arnold von Eckardstein. Die Aufmerksamkeit für das LDL-Cholesterin rückt auch Professor Dr. Gerd Assmann von der Assmann-Stiftung für Prävention in den Vordergrund.

"Die Senkung der LDLCholesterinwerte muss ein zentrales präventivmedizinisches Ziel sein. Mit niedrigen LDL-Cholesterinwerten lassen sich die meisten Herzinfarkte vermeiden." Auf ähnliche Risikofaktoren weist auch Dr. Gerold Mönnig vom Universitätsklinikum Münster hin – wenn auch hinsichtlich des Vorhofflimmerns des Herzens. Das Vorhofflimmern ist eine Rhythmusstörung und laut dem Kardiologen eine der häufigsten Ursachen für den Schlaganfall, vor allem bei Älteren.

"Wir stellen besonders häufig bei den Patienten mit Schlaganfall ein Vorhofflimmern fest, bei denen keine primären Ursachen des Schlaganfalls vorliegen", sagt Gerold Mönnig. Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes: Das seien die Negativmerkmale, die ein Vorhofflimmern fördern könnten. Deshalb sei eine Lebensstilumstellung auch für die Schlaganfallprävention nötig. "Problematisch ist, dass viele Menschen ein Vorhofflimmern nicht bemerken." Die Diagnose sollte aber so früh wie möglich erfolgen, um langfristig vorbeugen zu können.

Dafür eigne sich auch eine blutverdünnende Therapie mit Medikamenten, sagt Dr. Gerold Mönnig. Peter Albiez (Pfizer Pharma) fügt hinzu, dass zur Schlaganfallbehandlung und -vorsorge alle therapeutischen Innovationen ergriffen werden sollten. Professor Dr. Dietrich Baumgart (Preventicum, Düsseldorf) verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Rolle der Psyche als Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen. "Bei vielen der Führungskräfte, die wir tagtäglich untersuchen, spielt das eine große Rolle." Professor Dr. Arnold von Eckardstein: "Die Depression ist durchaus mit solchen Erkrankungen assoziiert, aber die Bedeutung ist bisher unklar."

Auf jeden Fall, konstatiert der Zürcher Mediziner, wirke sich Stress – nicht nur bei Führungskräften – negativ aus, gerade auch in Folge von etwa Arbeitslosigkeit. Neben der Risikoreduzierung durch gute Ernährung etc. steht für Experten wie den Düsseldorfer Mediziner Professor Dr. Uwe Nixdorff (European Prevention Center) auch neue Medizintechnik im Vordergrund bei der Prävention. "Durch moderne Bildgebung kann die Diagnose präklinischer Atherosklerose erleichtert werden, also die Arterienverkalkung ohne Symptome.

Das führt zu einer besseren Möglichkeit der Risikovorhersage", führt Uwe Nixdorff aus. Seiner Ansicht nach beschränkt sich die Kardiologie zu sehr darauf, nur im akuten Fall zu intervenieren, etwa bei einem Herzinfarkt. Die Errungenschaften der modernen, interventionellen Kardiologie seien ohne Zweifel hervorragend (etwas sogenannte drugeluting stents, Gefäßstützen), aber in vielen Fällen sei diese Therapie nur palliativ und ohne nachweisbaren prognostischen Vorteil.

"Eine Herzkranzgefäßaufdehnung heilt nicht den Prozess der atherosklerotischen, koronaren Herzkrankheit", betont Nixdorff. Ohne sekundäre Prävention komme es häufig zu wiederkehrenden Ereignissen (Reinfarkte, erneute Interventions- oder Operationsbedürftigkeit, im Extremfall bis zur Herztransplantation). Dagegen wendet Professor Dr. Heiner Greten von der Asklepios Klinik St. Georg (Hamburg) ein, dass die kardiologischen Maßnahmen wie zum Beispiel die Implantation von sogenannten Stents in Herzkranzgefäße die Gefahren eines Herzinfarktes vermindern.

Langfristig sind Maßnahmen der sogenannten sekundären Prävention unverzichtbar, so Greten. Uwe Nixdorff plädiert dafür, über die übliche Therapie hinauszudenken und bereits den Befund der präklinischen Atherosklerose zum Anlass agressiverer Präventionsmaßnahmen zu nehmen.