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Transsexualität in NRW
Mann, Frau oder doch etwas von beidem?

Das bieten die Beratungsstellen für Transsexualität in NRW
Transsexuelle haben das Gefühl im falschen Körper zu stecken. Sie wünschen sich, gegengeschlechtlich Leben zu können. FOTO: Shutterstock.com/ Lukatme
Peter oder Petra? Allein in Düsseldorf leben rund 2000 Menschen, die sich als transgender empfinden: Sie wünschen sich ein Leben im Körper des anderen Geschlechts. In NRW gibt es mehrere Beratungsstellen, die Betroffenen Hilfe bieten – auch, wenn die Hilfesuchenden erst vier Jahre alt sind.  Von Susanne Hamann, Dortmund

Mandy Walczak muss regelmäßig die Polizei rufen. Dieses Mal ist es ein Samstagabend in der Dortmunder Innenstadt. "Scheiß schwule Transvestiten", hat ein Fahrer beim Einparken aus dem Fenster geschrien. Walczak hört so etwas nicht zum ersten Mal. Denn Walczak fällt auf. Sie ist 1,90 Meter groß, hat breite Schultern, kräftige Beine und trägt gerne kurze Kleider. Auch Freunde und Arbeitskollegen haben sie deshalb schon beschimpft – nur gewöhnen wird sie sich nie daran. Und sie will es auch nicht.

Mandy Walczak gehört zu den rund 100.000 Menschen in Deutschland, die sich als transsexuell oder transgender bezeichnen. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Erfasst wird nur, wer auch zum Arzt geht, und das sind laut Schätzungen die wenigsten. Transsexualität hat nichts mit Transvestiten zu tun, nichts mit schwulen Männern, die gerne Frauenkleider tragen. "Trans"- Menschen wollen einen anderen Körper, weil sie das Gefühl haben, im Falschen geboren worden zu sein. Viele nennen sich deshalb auch transident, denn für sie ist es eine Frage der richtigen Identität und keine der sexuellen Orientierung.

Mandy Walczak (rotes Kleid) ist eine Transfrau, also ein Mann, der sich zur Frau gewandelt hat. Sie leitet die Beratungsstelle TransBekannt in Dortmund. Hier ist Walczak auf dem CSD in Dortmund zu sehen. FOTO: Mandy Walczak

Diese Beratungsstellen gibt es in NRW

Mann oder Frau? Was andere leicht beantworten können, fällt Trans-Menschen schwer – vor allem dann, wenn sie noch im Kinder- oder Jugendalter stecken. Hilfe und Ratschläge gibt es in der Phase der Selbstfindung in verschiedenen Beratungsstellen in NRW. Trans-NRW ist die älteste, mit Sitz in Köln. Erst im Juli eröffnete in Düsseldorf die Stelle "Trans*Beratung". Den Verein "TransBekannt" in Dortmund gibt es dagegen schon seit zehn Jahren. Er wird von der 65-jährigen Mandy Walczak geleitet, die selbst seit neun Jahren als Frau lebt.

Der jüngste Betroffene, den Walczak je beraten hat, war vier Jahre alt. "Der Junge wollte lieber mit den Mädchen spielen und Kleider anziehen, irgendwann ist seine Mutter dann aufmerksam geworden und kam mit ihm zur Beratungsstelle." Ein seltener Fall, denn meistens seien die Eltern nicht feinfühlig genug, um zu merken, dass ihr Kind aus anderen Gründen die Kleider wechselt, als reine Verkleidungslust. Wichtig waren die Gespräche in diesem Fall allerdings nicht unbedingt für das Kind, sondern für die Mutter. 

Lena Klatte leitet die Trans*Beratung in Düsseldorf. FOTO: Oliver Erdmann

Die hatte an einem Morgen ihren Jungen angezogen, noch etwas aus dem Keller holen und ihn dann zur Kita bringen wollen. Zurück aus dem Keller stand der Sohnemann jedoch in ihren Kleidern da. Knapp in der Zeit und unter beruflichem Druck, brachte sie das Kind in den Frauenkleidern zur Kita. "Aber die Betreuerinnen sind vollkommen ausgerastet und haben die Mutter beschimpft, sie würde ihr Kind vernachlässigen und haben ihr gedroht, das Jugendamt zu verständigen", sagt Walczak.

"Mami, wann fällt mir der Penis ab?"

Die Konsequenz aus dem Eklat: Walczak half der Mutter, eine neue Kita für den Jungen zu finden. "Die Gesellschaft ist nicht tolerant gegenüber allem was anders ist, nicht mal, wenn es Kinder sind", sagt die Transgender-Beraterin.

Räumt aber auch ein: "Nicht jeder Junge, der Mädchenkleider tragen will, ist transgender, aber umgedreht ist es auch nicht ungewöhnlich, dass Kinder unter zehn Jahren schon merken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt." Viel unternehmen, können Eltern dann aber nicht. "Wenn die Kinder so jung sind, dann ist ja noch gar nicht klar, wie sich das weiter entwickelt. Man muss abwarten, bis sie ungefähr zehn oder zwölf Jahre alt sind", sagt Walczak. Ist das Unwohlsein im eigenen Körper dann immer noch vorhanden, können und sollten erste Maßnahmen ergriffen werden. "Umso älter jemand ist, wenn er diesen Weg antritt, umso schwieriger ist es, den Körper zu modellieren. Körpergröße, Statur und vor allem die männliche Stimme lässt sich nach dem Stimmbruch nur schwer verändern", sagt Lena Klatte. Die 46-jährige Transfrau leitet seit Juli die erste Transgender-Beratungsstelle in Düsseldorf.

Deswegen raten Walczak und Klatte Jugendlichen, die sich mit ihrem Geschlecht unsicher sind, die Pubertät mit Medikamenten so lange hormonell zu unterdrücken, bis sie sich für ein Geschlecht entschieden haben. Fällt die Entscheidung für das Gegengeschlecht aus, folgt sofort die entsprechende hormonelle Therapie – und möglicherweise irgendwann auch die körperliche Umwandlung. "Das Problem ist, dass in unserer Gesellschaft meistens jene Beispiele auffallen, bei denen die Umwandlung nicht so gut funktioniert hat. Es gibt aber auch echte Erfolge wie zum Beispiel das Trans-Model Benjamin Melzer."

Melzer hieß früher Yvonne und hatte seinen Durchbruch, als er im April 2016 das Cover der "Men`s Health" zierte. Seitdem gilt er als Deutschlands erfolgreichstes Trans-Model, das offen mit seiner Geschichte umgeht.

Den meisten Trans-Menschen ergeht es jedoch nicht so wie Melzer, schon alleine, weil sie meist erst im Erwachsenenalter erkennen, dass sie trans sind. "Die meisten, die in die Beratungsstelle kommen sind zwischen 20 und 50 Jahre alt", sagt Klatte, "viele von ihnen haben erst spät von Begriffen wie transgender oder transsexuelle erfahren, und erkennen deswegen erst nach Jahren, was mit ihnen los ist", sagt Walczak. Auch ihr wurde erst klar, warum sie sich ein Leben lang im Männerkörper seltsam fühlte, als sie eine Transfrau im Fernsehen im Fernsehen sah. Damals war Walczak 19 und Homosexualität stand noch unter Strafe. "Da ging bei mir buchstäblich ein Licht auf, aber ohne diesen Aha-Moment ist es schwierig, sich über sich selbst klar zu werden."

Rund 300 Transsexuelle lassen sich jedes Jahr umoperieren

Erwachsenen helfen Walczak und Klatte vor allem, indem sie ihnen am eigenen Beispiel zeigen, wie ein Leben als Trans machbar ist. "Wenn Erwachsene zu mir kommen, geht es hauptsächlich um zwei Fragen", sagt Klatte, "soll ich mich wirklich outen, also offen eingestehen, dass ich trans bin – und wie sehr trans bin ich eigentlich?" Denn auch, wenn sich in Deutschland rund 300 Transsexuelle im Jahr umoperieren lassen, nicht jeder Betroffene hat wirklich das Bedürfnis, den ganzen Weg zu gehen.

"Ich sage immer, wenn man sich auf diesen Weg macht, muss man dem Kopf Zeit geben, um nachzukommen", sagt Walczak. "Wer jahrelang im falschen Körper gelebt hat, muss erst Stück für Stück herausfinden, was es bedeutet, nach dem Comeing-out beispielsweise plötzlich als Frau zu leben, wenn man sich vorher jahrelang als Mann gegeben hat." Das beginnt bei der Mimik und Gestik, geht über die Frage, auf welcher Toilette man nun richtig ist und erstreckt sich bis zu beruflichen und familiären Differenzen. "Viele Obdachlose in Deutschland sind auf der Straße gelandet, weil ihre Familien mit ihrer sexuellen Orientierung nicht zurechtkommen", sagt Klatte. Erst vor kurzem musste sie einem Jugendlichen aus diesem Grund innerhalb eines Tages eine vorrübergehende Bleibe organisieren – seine Eltern, hatten ihn nach dem Coming-out aus dem Haus geworfen.

"Nachdem sie das Geschlecht gewechselt haben, fühlen sich die meisten zwar mit sich selbst stimmig, aber für die Außenwelt wird das 'Trans' nun plötzlich sichtbar, und damit sind sie für die Außenwelt nicht mehr stimmig", sagt Klatte. In der Folge sind Mobbing und verbale oder sogar körperliche Übergriffe das Hauptproblem von Transsexuellen. Trotzdem bedeutet das Outing, aber vor allem die operative Geschlechtsangleichung, für viele eine Erlösung. "Studien zeigen, dass nur etwa zwei Prozent die Operation wieder rückgängig machen wollen", sagt Klatte.

70 Prozent der erwachsenen Transsexuellen leiden unter Depressionen

Denn nur sie gibt ihnen die Möglichkeit, aus einem jahrelangen Versteckspiel zu entfliehen: Hosen tragen, sich eine Freundin zulegen, eine Ehe eingehen, ein Kind in die Welt setzen. Was sich für andere wie ein glückliches Leben anhört, empfinden Transmenschen als militärisches Pflichtprogramm.  Über 70 Prozent derer, die sich noch nicht geoutet haben, erleben deshalb regelmäßig depressive Phasen.

In Deutschland werden die Kosten für eine Geschlechtsangleichung inzwischen sogar von der Kasse übernommen. Für eine amtliche Änderung ist der Eingriff aber nicht mehr nötig. Wer von Peter zu Petra oder von Claudia zu Klaus werden will, kann das seit 2011, indem er eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt. Dazu gehören Therapiestunden, ein einjähriger Alltagstest im anderen Geschlecht und zwei psychologische Gutachten.

"Solche Details zu vermitteln, ist der bürokratische und organisatorische Teil unserer Arbeit," sagt Klatte, "er ist aber genauso wichtig, wie der psychische Aspekt, denn nur so klappt es auch im Alltag."

(ham)
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