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Foren, Facebook, Twitter
Hilft der Austausch im Internet wirklich gegen Depression?

Depression: Hilft der Austausch in Foren und auf Twitter wirklich?
FOTO: Shutterstock.com/ Martin Novak
Düsseldorf. Trauer, Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit - immer mehr Menschen erkennen an sich Symptome einer Depression. Web-Foren, Facebook und auch Twitter gehören dann zu den wichtigsten Möglichkeiten, um anonym Informationen zu finden und sich auszutauschen. Aber hilft die Kommunikation im Netz wirklich? Und kann sie vielleicht sogar eine Therapie ersetzen?  Von Susanne Hamann

Ob physische oder psychische Probleme - das Internet ist für viele der erste Anlaufpunkt, um Fragen zu klären. Auf welche Krankheit lassen meine Symptome schließen? Welche Therapien gibt es? Und wie leben eigentlich andere, die das gleiche Problem haben?

Vor allem für Patienten mit psychischen Erkrankungen ist die letzte Frage wesentlich. Wer unter Depressionen leidet, der kann sich im Internet anonym in Foren und in den sozialen Medien umsehen und austauschen. Unter dem Hashtag #notjustsad beispielsweise ist auf Twitter eine sehr erfolgreiche Dauerkommunikation entstanden, in der sich Betroffene über ihre Gefühle und Erlebnisse mit der Krankheit austauschen.

Doch das Internet birgt auch Gefahren: die Fehleinschätzung der eigenen Situation ist eine davon. Der Austausch echter Kontakte durch virtuelle ist ein anderer, der gerade bei rückzugsorientierten Depressiven ein Problem darstellen kann. 

Betroffene merken, dass sie nicht allein sind

Wie hilfreich ist der Austausch im Netz also wirklich? "Der wichtigste Aspekt am Austausch im Internet ist, dass die Betroffenen lernen, dass sie nicht alleine sind", erklärt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe in Leipzig. Der Arzt kennt die Dynamiken in Foren gut.

Die Stiftung bietet selbst ein großes Diskussionsforum zum Thema an. Jeden Tag gehen dort über 300 Postings ein. "Insbesondere Menschen mit Depressionen ziehen sich oftmals in die Isolation zurück und werden gleichzeitig von dem Gefühl geplagt, dass es keinen Ausweg aus ihrer Situation gibt." Der Blick ins Internet hilft dann, ohne das Haus verlassen zu müssen oder das direkte Gespräch mit jemandem zu suchen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. "Der Austausch zwischen den Teilnehmern wird sehr schnell sehr persönlich und sie geben sich viele Tipps", erklärt Hegerl. "Im echten Leben bräuchte man Monate, um solche Gespräche zu führen, vor allem als Betroffener einer Depression. 

Wie wertvoll dieser Informationsaustausch sein kann, belegt auch eine Studie. Darin wurden 55 Teilnehmer des Forums der Deutschen Depressionshilfe ausgewählt, die in den letzten sechs Monaten mindestens drei Beiträge verfasst hatten. Alle Forumsteilnehmer erhielten einen Fragebogen, der Aufschluss über ihr psychisches Leiden geben sollte und darüber, inweit das Depressionsforum für sie hilfreich ist.

52 der 55 Patienten erhielten die Diagnose Lebenszeitdepression. Die restlichen drei litten an einer depressiven Episode. Alle Patienten gaben an, dass das Forum für sie eine deutliche Hilfe darstellt. 52 Patienten stimmten der Aussage zu, dass ihnen die Akzeptanz, die sie dort erfahren haben, dabei geholfen hat, ihre Sicht auf die Krankheit zu verbessern. 42 sagten, sie hätten über die Gespräche im Netz ihre gefühlte Einsamkeit überwunden, und immerhin 16 bewegte der Kontakt mit anderen dazu, sich aktiv mit ihrer Krankheit auseinander zu setzen. 

Aber auch für die ärztliche Behandlung brachten die Gespräche positive Ergebnisse. 30 Befragte gaben an, durch das Forum darin bestärkt worden zu sein, sich in therapeutische Behandlung zu begeben. Bei 31 Personen ist das Vertrauen in die medizinische Behandlung gestiegen. 16 Befragte schätzen ihre Einstellung gegenüber einer Behandlung mit Medikamenten in Form von Antidepressiva oder Johanniskraut durch die Teilnahme am Forum als positiver ein. 

Das Loslassen der Schuldgefühle

Hegerl wundern diese Ergebnisse nicht. "Was die Patienten in den Foren und sozialen Medien merken ist, dass es nicht ihre Schuld oder Versagen ist, sondern dass sie schlicht an einer Erkrankung leiden, wie andere beispielsweise an einer Herzerkrankung." Die Möglichkeit, den Schuldgefühlen zu entkommen, hilft dann, sich selbst anders wahrzunehmen und Behandlungsmöglichkeiten in einem anderen Licht zu sehen. "Viele treffen sich dann auch schon nach kurzer Zeit im realen Leben", sagt Hegerl, "ein weiterer sehr, sehr positiver Effekt."

Kein Ersatz für Therapie

Ersetzen können die Angebote im Internet eine richtige Therapie dennoch nicht, warnt auch der Experte. Wer merkt, dass er sich länger als zwei Wochen ungewöhnlich schwer fühlt, an Erschöpfungszuständen leidet und dauernd ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit hat, der sollte sich ärztliche Hilfe suchen. "Am schnellsten hilft dann eine Behandlung mit Antidepressiva", erklärt der Experte. "Natürlich löst sich dadurch das grundlegende Problem nicht, aber es geht den Patienten dadurch erst einmal sehr schnell besser." Anschließend könne man dann etwa in einer Verhaltenstherapie auf Ursachensuche gehen.

Ob durch das Internet oder Gespräche mit Fachleuten, Hegerl rät unbedingt dazu, zu einem Experten der eigenen Krankheit zu werden. "Wer die Depression versteht, weiß, dass sie kommt und geht und wo er sich Hilfe holen kann, ist viel besser aufgestellt." Besser umgehen können Betroffene dann auch mit Reaktionen von außen, die oftmals bagatellisierend sind. "Mir fällt es auch nicht immer leicht morgens aufzustehen und ich tue es trotzdem, dann kann der sich doch auch zusammenreißen", sei eine Einstellung, auf die laut Hegerl viele Depressive treffen. "Depression, und wie man am besten damit umgeht ist sogar heutzutage noch ein Streitpunkt in der Medizin", erklärt Hegerl.

Insgesamt aber, so zeigen Statistiken, habe sich im Bereich der Versorgung von Depressiven in den letzten Jahren vieles gebessert. Durch die steigende Bekanntheit der Erkrankung gibt es zwar auch mehr diagnostizierte Fälle, aber dadurch erhielten insgesamt auch mehr Betroffene Hilfe. "In den letzten 30 Jahren ist die Suizidrate in Deutschland von 18.000 auf 10.000 Menschen im Jahr gesunken. Das sind 20 Personen pro Tag weniger als vor 30 Jahren", Hegerl.

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