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Wie Arbeit uns heute krank macht

Depression: Immer mehr Erwerbstätige werden krank
Zwischen den Jahren 2000 und 2013 ist die Anzahl der Fehltage im Beruf aufgrund der Diagnose Depression um 70 Prozent gestiegen. FOTO: wavebreakmedia /shutterstock.com
Düsseldorf. Immer mehr deutsche Erwerbstätige werden depressiv. Allein 2013 kam es zu 4,3 Millionen Fehltagen aufgrund dieser Diagnose – Tendenz stiegend, so eine aktuelle Studie. Wir haben Professor Michael Kastner, den Leiter des Deutschen Instituts für Arbeitspsychologie gefragt, wie sich die Arbeitswelt verändert hat und was am Berufsleben heutezutage für Körper und Psyche so gefährlich ist. Von Susanne Hamann

"Dass die Menschen immer mehr unter Stress leiden, liegt vor allem daran, dass sie in immer kürzerer Zeit immer mehr Dinge erledigen müssen", sagt Professor Michael Kastner, Leiter des . Überforderung ist für ihn das prägende Merkmal der aktuellen Zeit. Kastner spricht in diesem Zusammenhang von Dynaxizität und Eigendynaxizität. "Damit meine ich die Kombination aus einer steigenden Komplexität der Welt, und zwar bei einer immer schneller werdenden Dynamik. Teilweise eben auch Eigendynamik."

Diese Dynaxizität oder auch Eigendynaxizität ist auf allen Ebenen wieder zu finden: Etwa in den rund 360.000 Bankprodukten, die Kunden nicht mehr überblicken könnten. Aber auch in den neuen Technologien, die Mitarbeiter vor unbekannte Aufgaben stellten und die den menschlichen Arbeitnehmer zugleich immer öfter ersetzten. Oder auch in der Klimaerwärmung, dergegenüber sich der Einzelne machtlos sehe. "Das führt dazu, dass sich die meisten einem Strudel von Ereignissen ausgeliefert fühlen. Sie Vertrauen keinem Lenker mehr, haben ein Gefühl von Kontrollverlust,  Versagensängste und Ängste vor dem Alter werden größer. All das verursacht immensen Stress", erklärt der Experte.

Führungskräfte können gesund oder krank machen

Aspekte wie Orientierung, Wertschätzung und Sinnhaftigkeit aber sind gerade das, was in der Forschung zur Burnout-Prophylaxe als Gesundmacher bezeichnet wird. Rahmenbedingungen also, die, wenn sie vorhanden sind, automatisch dafür sorgen, dass das Wohlbefinden der Arbeitnehmer steigt und sie länger gesund bleiben. Das gilt für das öffentliche Leben wie auch für Unternehmen. In Firmen hängt das Vorhandensein dieser Aspekte allerdings deutlich von der Unternehmenskultur und von den Führungskräften ab, gibt der Bundesvorsitzende des Deutschen Bundesverbandes für Burnout-Prophylaxe Norbert Hüge zu bedenken.

So ergab die sogenannte Resch-Studie, dass Mitarbeiter, deren Vorgesetzter soziale Unterstützung wie etwa anerkennende Worte gibt, weniger an Kopfschmerzen und Schlafstörungen leiden und insgesamt leistungsfähiger sind. Eine Langzeitstudie von Bertelsmann wiederum konnte belegen, dass 20 Prozent mehr Bemühungen des Chefs das Burnout-Risiko seiner Mitarbeiter um zehn Prozent senken. "Manager sind allerdings meist Naturwissenschaftler und Ingenieure, und somit in den meisten Fällen absolute Logik-Denker, aber mann muss auch psychologisch denken", sagt Kastner dazu, "sonst macht das die Menschen krank."

Krankheitstage allerdings sind nicht nur unangenehm für beide Parteien, sie bedeuten auch deutliche Mehrkosten für das Unternehmen. Im Jahr 2013 betrug die durchschnittliche Zahl an Fehltagen durch Krankheit 14 Tage. Jemand, der an Burnout leidet, fällt dagegen durchschnittlich 30,5 Tage aus. 1,2 Milliarden Euro kosteten diese Ausfälle Schätzungen zufolge die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2012. Die Kosten, welche Mitarbeiter verursachten, die sich trotz Krankheit zur Arbeit schleppen, lagen laut dem Beratungsunternehmens Booz & Company im selben Jahr sogar bei 225 Milliarden Euro. Der Grund: Wer aus Angst oder falscher Loyalität krank zur Arbeit kommt, ist weniger leistungsfähig und macht Fehler.

Was Unternehmen anders machen müssten

Deshalb rät Kastner Mitarbeitern und Unternehmen zu einem anderen Umgang mit dem Thema Gesundheit. "Firmen sollten ihre Mitarbeiter zu einem gesünderen Arbeiten erziehen, und die Arbeitnehmer, sollten sich selbst immer wieder überprüfen", so der Arbeitsmediziner. Der Ansatz, auf beiden Seiten etwas verändern zu müssen, ist ein Ergebnis vieler Studien zum Thema Ausbrennen. Ist doch gerade das erste Anzeichen dafür, dass sich ein Mitarbeiter auf einen Burnout zu bewegt, das Überengagement. "Plötzlich macht der Arbeitnehmer täglich lange Überstunden, arbeitet vielleicht auch am Wochenende und vernachlässigt immer mehr soziale Kontakte", beschreibt Kastner. Die Führungskraft sei natürlich auf Anhieb begeistert von diesem Verhalten, bis der Mitarbeiter plötzlich in einer Burnout-Spirale lande und ausfalle. Eine Empfehlung Kastners ist deshalb, spezielle Burnout-Scouts zu schulen, die dann trainiert sind, eben solche Anzeichen zu erkennen.

So lange die aber noch nicht zum Firmenalltag gehören, müssten Chefs und Mitarbeiter stärker selbst aktiv werden. Auf der Seite der Arbeitnehmer könnten das schon Kleinigkeiten sein wie das Motto "Treppe vor Aufzug", gesündere Ernährung in der Kantine und weniger Raucherpausen. Auf der Seite des Arbeitgebers müsste dabei vor allem die Unternehmenskultur im Vordergrund stehen. Sie müsste so angelegt sein, dass sie die Mitarbeiter bei ihrer Gesundheit unterstützt. So könnten etwa Raucherpausen tatsächlich von der Arbeitszeit abgezogen werden und später nachgearbeitet werden müssen, um die gesundheitsschädliche Gewohnheit nicht noch zu fördern. Zudem müssten Ziele und Innovationen groß geschrieben werden, um die geistige Leistung und den positiven Ausblick der Mitarbeiter langfristig zu stützen. Denn auch positive Zukunftsperspektiven sind Gesundmacher.

Fehler in der Kommunikation müssen behoben werden

Nicht umsonst bezeichnet Kastner das 21. Jahrhundert auch als das Zeitalter der Depression. Wie eine aktuelle DAK-Studie zeigt, sind im Jahr 2013 die Fehltage wegen der Diagnose Burnout gesunken, aufgrund der Diagnose Depression jedoch gestiegen. Eine Ursache dafür sieht der Arbeitsmediziner in der schädlichen Kommunikation, die in Unternehmen üblich ist. Floskeln wie "da hast du mal wieder" sind kränkende Verallgemeinerungen, die vor allem zu einem führen: Frustrationsspiralen. "Chefs sollten hart und klar in der Sache sein, aber in der Kommunikation Transparenz und Wertschätzung  zeigen und ihren Mitarbeitern Handlungsspielräume geben", so Kastner. 

Auch der Burnout-Experte Norbert Hüge kennt diese Muster: "Ich erlebe immer wieder, dass Chefs ihre Mitarbeiter frustrieren, weil sie ihnen Aufgaben geben, aber weder erklären, welche Priorität sie haben noch bis wann es fertig sein muss, welche Ziele verfolgt werden oder auch Ratschläge geben." Das führe dazu, dass Mitarbeiter unmovitiert ins Leere arbeiteten. Nicht selten stehe dann am Ende zusätzlich  Kritik, wenn der Job nicht oder nicht richtig erledigt wurde. Hüge empfiehlt Führungskräften deshalb Ziele und Aufgaben klar zu definieren und Mitarbeiter in regelmäßigen Feedback-Gesprächen zu begleitet.

Am Ende, so steht für den Arbeitsmediziner Kastner fest, geht es vor allem darum fünf Aspekte in Unternehmen zu fördern: "Ich nenne das HeADDI, also fünf zusammenhängende Aspekte. Das sind Health (Gesundheit), Achievment (Leistung), Diversity (Vielseitigkeit), Demography (Demographie) und Innovation (Innovation). Sind sie gegeben, wird es auch möglich, dass ein Mitarbeiter bis zu seinem 70. Lebensjahr durcharbeitet, und das gesund und zufrieden."

 

 
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