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Depression
Wenn Adam in der Krise steckt

So verhalten sich depressive Männer
Viele Männer leiden stillschweigend (Symbolbild). FOTO: wavebreakmedia /shutterstock.com
Düsseldorf. Auch das angeblich starke Geschlecht kennt Krisen: Viele Männer werden depressiv, scheuen aber Arztbesuche. Mit vielen negativen Konsequenzen. Von Ute Rasch

In diesen Novembertagen lässt sich Michael Fischer wieder einen Schnurrbart wachsen - wie jedes Jahr unzählige Männer weltweit. Und am 1. Dezember wird er ihn wieder abrasieren. Denn der Oberlippenbart ist für ihn kein maskulin-modisches Accessoire, sondern ein Zeichen der Solidarität - und ein Symbol für die Gesundheit von Männern. Um die ist es schlecht bestellt. Männer trinken mehr Alkohol als Frauen, sind häufiger in Unfälle verwickelt, treiben mehr Risikosportarten, ignorieren körperliche und seelische Beschwerden, gehen selten zum Arzt. Sie erkranken deutlich öfter an chronischen Krankheiten wie Diabetes, und sie leiden immer häufiger an Depressionen - mit fatalen Folgen: Suizid wird von Männern drei Mal häufiger begangen als von Frauen. Steckt Adam in der Krise?

"Es ist höchste Zeit, sich mehr um die Männer zu kümmern." Zu dieser Erkenntnis kommt Anne Maria Möller-Leimkühler, Professorin an der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie hat soeben ein viel beachtetes Buch geschrieben, in dem sie einen tiefen Blick in die Männerseele gewährt. Darin schildert sie, wie das angeblich starke Geschlecht mit psychischen Belastungen umgeht - oder nicht umgeht. "Depressionen gelten als Volkskrankheit, doch unter Männern sind sie ein Tabu."

Der Mann ist viel verletzlicher als lange angenommen

Die Autorin erforscht seit Jahren, warum der Mann verletzlicher ist, als lange angenommen wurde - und häufiger krank. "Dabei halten sich 90 Prozent der Männer für gesund." Eine riskante Fehleinschätzung. Zumal Depressionen bei Männern deutlich seltener erkannt werden und unbehandelt bleiben. Ein prominentes Beispiel ist der ehemalige Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati, der heute nicht mehr leben würde, wenn ihn Kollegen vor sechs Jahren nicht rechtzeitig in seinem Hotelzimmer gefunden hätten - mit aufgeschnittenen Pulsadern. Er sagt rückblickend in seinem Buch: "Ich hatte seit Monaten mit meinem Schicksal gehadert und meine Umgebung zunehmend als Bedrohung gesehen. Aber ich hatte keine Ahnung, was Depressionen überhaupt sind. Und dass es Hilfe gibt." Wie viele Männer lebte er mit einem "Supermann-Anspruch" in ständiger Überforderung. Unter dem Motto: Wenn ein Kerl Schwächen gesteht, gilt er als "Weichei".

Statt Hilfe zu suchen, ziehen sich Männer lieber in sich zurück. Möller-Leimkühler: "Oft sind sie die Letzten, die spüren, dass sie depressiv sind." Eher würden sie verdrängen, ihre Probleme runterspielen, dabei nach außen funktionieren wie immer. Unter dem Motto: "Ich hab' alles im Griff." Gleichzeitig würden Männer versuchen, ihre Konflikte mit Aktivismus abzureagieren, mit mehr Arbeit, öfter Fitnessstudio - bis zur Erschöpfung. Nicht ahnend, dass es möglicherweise der Dauerstress war, mit dem sie schon lange leben, der die Depressionen überhaupt ausgelöst hat.

Unterschätzt aber wird wohl auch, dass das seelische Leiden weitere Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes auslösen kann. "Die Macht der Depression als eigenständiger Risikofaktor wird immer noch unterschätzt", so Anne Maria Möller-Leimkühler. Ein gefährlicher Kreislauf. Ihre Botschaft an die Männerwelt: "Eine Depression ist kein Versagen und keine persönliche Schwäche." Allerdings ein volkswirtschaftliches Problem: Depressionen sind mittlerweile die zweithäufigste Ursache (nach Rückenproblemen), weswegen Arbeitnehmer krankgeschrieben werden.

"Ein Mann zu sein, ist gefährlich", so bringt Professor Matthias Franz vom Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Düsseldorf, seine Erfahrung auf den Punkt. Denn noch immer sterben Männer fünf Jahre früher als Frauen, was sich biologisch nur zum Teil begründen ließe. "Aber das interessiert kaum jemanden." Stattdessen seien herkömmliche Vorsorge- und Therapieangebote bisher auf die Psyche von Frauen zugeschnitten, "vielleicht muss man depressiven Männern eine spezielle Art der Behandlung bieten". Franz organisiert seit 2010 alle zwei Jahre einen Kongress zum Thema Männergesundheit und beobachtet "in der öffentlichen Wahrnehmung allmählich eine beginnende Sensibilisierung". Allerdings stoße die Wissenschaft immer noch schnell an Grenzen, wenn für Forschungsprojekte zu Männerthemen Drittmittel beantragt würden.

Depressionen können weitere Erkrankungen auslösen

Solche finanzielle Unterstützung gewährt die "Movember-Stiftung", die 2004 in Australien von Männern für Männer gegründet wurde und heute in 21 Ländern aktiv ist. Die Organisation hat ein Team engagiert, das ausschließlich damit beschäftigt ist, Forscher aufzuspüren und global zu vernetzen. "Kooperationen unter Wissenschaftlern sind eine Voraussetzung, um Mittel von der Stiftung zu bekommen", meint ihr Sprecher Michael Fischer, der Mann mit dem Schnurrbart. Die Stiftung ruft jedes Jahr im November Männer dazu auf, sich einen Oberlippenbart ("als männliches Symbol für männliche Gesundheit") wachsen zu lassen - und Spenden zu sammeln. Von dem Geld werden nicht nur Studien über Depressionen finanziert, sondern auch über Männerleiden wie Prostata- und Hodenkrebs. Fischer: "Bei beiden Themen herrscht eine enorme Lücke sowohl in der Forschung als auch in der Aufklärung."

Aber die Stiftung hat auch ein anderes Defizit erkannt: "Wir wollen Männer miteinander ins Gespräch bringen, sie anregen, über ihre Probleme zu reden." Denn ihnen falle es meist immer noch schwer, was für Frauen völlig selbstverständlich sei: sich mitzuteilen, Verbündete zu suchen, Hilfe anzunehmen. In der Psychotherapie sind die Unterschiede seit langem bekannt: Frauen reden, Männer schweigen, Frauen essen, Männer trinken, Frauen warten ab, sind vorsichtig, Männer handeln, werden aggressiv. Anne Maria Möller-Leimkühler: "Männer wollen nicht über emotionale Probleme reden, sie wollen Probleme lösen." Aber je stärker negative Gefühle unterdrückt würden, umso mehr bauen sie sich im Inneren auf, verhindern rationales Denken und brauchen schließlich ein Ventil wie Aggressionen, Sucht, Hyperaktivität, Suizid.

Wichtig ist es, zu den eigenen Schwächen zu stehen

"Depression ist wie Sterben bei lebendigem Leib", hat der Ex-Schiedsrichter Babak Rafati geschrieben. Darin schildert er seine Angst: "Mir blieben noch sieben Stunden bis zum Anpfiff. 50.000 Menschen im Stadion, Millionen vor dem Fernseher. Wer in einer so existenziellen Krise ist, kann nicht mehr rational denken. Ich sah keinen anderen Ausweg, als mir das Leben zu nehmen." Nach seiner Krise kündigte Rafati beim DFB, heute arbeitet er als Coach für Stressprävention in Unternehmen und setzt sich in Vorträgen für eine verbesserte Diagnostik und spezielle Therapien für Männer ein. Sein Fazit: "Selbstbewusstsein bedeutet heute für mich, auch zu meinen Schwächen zu stehen statt nur zu den Stärken."

Und sich helfen zu lassen, sei nun mal ein Zeichen von Selbstbewusstsein und Stärke. Eine Erkenntnis, die viele Männer erst mal verdauen müssen. Dass Frauen doppelt so häufig an Depressionen erkranken - so berichtet jedenfalls die Statistik -, ist möglicherweise bloß ein Mythos. "Das liegt vielleicht einfach daran, dass die Symptome von Männern anders sind. Und dass die Fragebögen, die von Hausärzten verwendet werden, diese männlichen Anzeichen nicht erfassen", so Anne Maria Möller-Leimkühler, die von der "unsichtbaren männlichen Depression" spricht. So seien bisher Aggressionen beispielsweise gar nicht als Indikator für eine seelische Erkrankung gesehen worden.

Dabei geht es auch um Aggression gegen sich selbst: Im Jahr 2015 haben sich in Deutschland fast 7500 Männer das Leben genommen. Laut Statistik gehört Suizid zu den zehn häufigsten Todesursachen, direkt nach Darmkrebs. In ihrem Fazit sind sich alle Experten einig: "Würden sich so viele Frauen wie Männer umbringen, würde es einen gewaltigen Aufschrei in der Gesellschaft geben."

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Quelle: RP
 
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