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Psychische Folgen von Casting-Shows
Dorian-Gray-Syndrom: Vom Zwang dünn, jung und fit zu sein

Dorian-Gray-Syndrom: Vom Zwang dünn, jung und fit zu sein
Beim Dorian-Gray-Syndrom wird ein Schönheitstick zur psychischen Störung. FOTO: Shutterstock/evgenyvarlamov
Gießen. Sie klagen über Tränensäcke und Krähenfüße oder dünnes Haar und schrecken nicht davor, Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von schweren Krankheiten gedacht sind, einzunehmen, um jugendlicher zu wirken. In einer Gesellschaft, die makellose Schönheit und Fitness propagiert, keimt eine neue psychische Störung, die Gießener Wissenschaftler als erste beschrieben: das Dorian-Gray-Syndrom. Von Tanja Walter

Ein paar Pfunde runterzuhungern für die Schönheit oder Sport zu treiben, um den Körper in Form zu halten, daran scheint nichts alarmierend. Anders aber sieht das aus, wenn Menschen beginnen, trotz Normalgewichts Appetitzügler einnehmen, Cremes, die zur Linderung von Akne eingesetzt werden zur Anti-Faltentherapie nutzen oder ausufernd Sport zu betreiben, um sich so den Wunsch nach körperlicher Vollkommenheit zu erfüllen und Pillen zu schlucken, um das Älterwerden zu stoppen.

Eine Romanfigur steht Pate für die Psycho-Störung

Für manche wird die Angst vor diesem natürlichen Prozess so groß, dass sie eine panische Angst davor entwickeln. Sie kommen damit so wenig zurecht, dass sie eine psychische Störung entwickeln. Der Gießener Psychoanalytiker, Burkhard Brosig, hat diesen Jugendlichkeitswahn im Jahr 2000 definiert und ihm einen Namen gegeben: Dorian-Gray-Syndrom.

Benannt ist das Syndrom nach der Romanfigur Dorian Gray, die Oscar Wild erdachte. Dorian Gray ist ein junger Mann, der seine Seele an den Teufel verkauft, um ewig jung bleiben zu können. Doch scheitert er mit seinem Vorhaben.

Daran erkennt man das Syndrom

Darin liegt die Parallele zu der mittlerweile zur "Zeitgeistdiagnose" aufsteigenden psychischen Störung, wie Brosig es beschreibt. Für die Betroffenen steht im Vordergrund jung und schön zu sein. Sie fürchten ins Abseits zu geraten, wenn sie diese Anforderungen nicht erfüllen können. Das treibt sie dazu, sich ständig kritisch mit ihrem Äußeren auseinanderzusetzen. Dabei entdecken sie an sich immer neue Hässlichkeiten, die tatsächlich aber nicht vorhanden sind. Mediziner nennen dieses Phänomen Dysmorphophobie. Charakteristisch dafür ist die übermäßige Beschäftigung der Betroffenen mit ihrem äußeren Erscheinungsbild. Ihr eigenes Spiegelbild wird für sie zur Belastung.

Dorian-Gray-Patienten meiden aus diesem Grund mitunter die Gesellschaft anderer und isolieren sich. Oft sind die Betroffenen von narzistischen Zügen getrieben. Beseelt von dem Gedanken, die ewige Jugend zu konservieren, greifen sie zu Lifestyle-Medikamenten wie Schlankheitspillen oder Potenzmitteln. Doch der Kampf gegen Fettpolster auf den Hüften ist nur vordergründig. Ihr eigentliches Problem ist sich mit dem Altern nicht in angemessener Weise auseinanderzusetzen zu können.

Kritik an Casting-Shows und allgegenwärtigen Schönheitsidealen

Befeuert wird diese zum Teil auch als Zwangserkrankung auffallende Störung durch die Schönheitsideale, die die mediale Welt in Casting-Shows und durch das Werben für Styling-Produkte, Fitnesstrends und Diätmittel vorgibt. Die Körper, die dort gezeigt werden, sind stets schön, jung und dynamisch. Nach einer Untersuchung der Amerikanischen Gesellschaft für Plastische Chirurgie waren im Jahr 2002 allein in den USA mehr als 6,6 Millionen Menschen bereit, die Risiken einer Schönheits-OP auf sich zu nehmen, nur um dem Schönheitsideal der Gruppe zu entsprechen, der sie sich zugehörig fühlten.

Eine Untersuchung der Universität Leipzig aus dem Jahr 2005 kommt zu dem Ergebnis, dass rund drei Prozent der Deutschen zwischen 25 und 40 Jahren vom Dorian-Gray-Syndrom betroffen sind. Andere Wissenschaftler nehmen an, dass allein mindestens fünf Prozent der 15 bis 25-Jährigen unter der Störung leiden. Prof. Burkhard Brosig geht von einer steigenden Tendenz aus. Neben den 40- bis 50-Jährigen hätten immer mehr Jugendliche ein gespaltenes Verhältnis zum Alter.

Zunehmend junge Menschen in der Krise

Philosoph Volker Caysa sieht darin eine Krise des Körperbildes. Dadurch, dass die Menschen künstlichen Vorbildern folgten, wüssten sie nicht mehr, wie sie selbst aussehen. Die Vervollkommnung des Körpers sei heute nicht mehr nur technisch umsetzbar, sondern geradezu geboten, schreibt er in seinem Buch "Körperutopien".

"Ich erinnere mich an einen Patienten, Anfang 20, der aus einer Besessenheit heraus angefangen hat, sich alle sekundären Körperhaare abzurasieren, also unter den Achseln, der Brust am Bauch und so weiter. Das war im Jahr 2000", sagt Burkhard Brosig. Das brachte den Psychologen dazu, sich Gedanken darüber zu machen, was einen jungen Mann dazu bringt an der Schwelle zur Sexualreife diesen Entwicklungsweg nicht zu gehen, sondern stattdessen durch die zwanghafte Komplettrasur in ewiger Jugend verharren zu wollen.

Für den Gießener Psychologen war das einer seiner ersten Dorian-Gray-Patienten. Weil es zu dieser Zeit ungewöhnlich war, das überhaupt zu tun. "Heute gehört das für viele zum Lifestyle-Feeling", bemerkt er. Die gesamte Problematik habe sich weiterentwickelt. Die Menschen sprächen immer mehr auf Attribute an, die der Jugend zugeordnet seien. Wer gut aussieht, der hat Studien zufolge bessere Karrierechancen, dem geht es finanziell besser und der kommt bei Frauen besser an.

Immer mehr psychisch Kranke beim Hautarzt

Für viele würden mediale Kunstfiguren zu Idealen. Der Jugendkult werde übersteigert. Mit dem Älterwerden und "Würdigwerden" hingegen könne man immer weniger anfangen, es gelte als Makel. Deutlich spürbar wird das seit Jahren in den dermatologischen Praxen. Die Thematisierung der dermatologischen Kosmetologie in den Medien sowie die Verfügbarkeit unzähliger Lifestyle-Präparate habe einen rasche und zeitlich abhängige gravierende Zunahme von Patientenvorstellungen zur Folge, schreibt der Berliner Dermatologe und Privatdozent Dr. Wolfgang Harth gemeinsam mit weiteren Kollegen in einer Fachpublikation. Der Behandlungsbedarf sei deutlich angestiegen.

Auch Psychoanalytiker Brosig bemerkt eine Verschiebung in der Medizin: "Früher hatte die Medizin eine kurative Aufgabe, nämlich die, Krankheiten zu heilen. Heute gibt es immer stärker werdenden Tendenzen zu einer Lifestyle-Medizin, in der es darum geht, Menschen schöner und jünger zu machen."

"Wir werden immer narzistischer"

Viele Patienten besuchen nach Auffassung der Experten den Arzt mit der klaren Absicht, mit einer bestimmten Wunschmedikation die Praxis erst wieder zu verlassen. Laserbehandlungen würden aus ästhetischen Gründen gewünscht, Antidepressiva nicht gegen Depressionen genommen, sondern zur allgemeinen Stimmungsaufhellung. Auffällig ist laut Harth und Co-Autoren, dass in dieser Patientengruppe der Anteil psychischer Störungen besonders hoch sei.

Alarmierend ist das Ergebnis zu dem Prof. Burkhard Brosig darum kommt: "Wir werden immer narzistischer und von daher auch psychisch beeinträchtigter." Die Jagd nach der Verwirklichung des Kunstkörpers ist längst in vollem Gange.

Das sind Warnhinweise, die auf die Störung hindeuten

Die Experten sehen darum besonders Ärzte in allgemeinmedizinischen und dermatologischen Berufsfeldern und kosmetische Chirurgen in der Pflicht, bei Patienten mit Veränderungswünschen genau hinzusehen. Besonders dann, wenn sich an Eingriffe weitere Veränderungswünsche anschließen oder Probleme wie Haarausfall subjektiv als massiv darstellen, es aber objektiv gesehen nicht sind.

Auch plötzlich übermäßiger Sport kann ein Warnhinweis sein. Besonders dann, wenn er laut Brosig den Kontakt zu Freunden in den Hintergrund treten lässt und plötzlich nur noch dem Körperkult frönt und sich zeitlich in unangemessener Weise darauf fokussiert. Helfen kann dann ein niedergelassener Psychotherapeut oder eine psychotherapeutische Ambulanz einer psychiatrischen oder psychosomatischen Klinik.

 
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