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Erotomanie
Wahnsinnig verliebt – Symptome der Liebeskrankheit

Erotomanie: Symptome des Liebeswahns
Von wahnhaften Vorstellungen getrieben überschütten Erotomanen häufig ihre Opfer mit Geschenken und Liebesbriefen. FOTO: Shutterstock/MarkoBr
Dortmund/Darmstadt. Verrückt vor Liebe zu sein – gerade zu Beginn einer Beziehung schäumt mancher über vor lauter berauschender Ideen: Ein romantisch geschmückter Raum oder Liebesbriefe unter dem Scheibenwischer sind Beweis für die außerordentliche Liebe. Doch bekommt das Werben eine unheimliche Note, wenn der Geliebte diejenige nicht kennt, die beharrlich ihre Zuneigung beweist. Von Tanja Walter

Angebetet und ahnungslos

Liebeswahn oder Erotomanie nennt man das bizarre Leiden, bei dem die Betroffenen sich von jemandem geliebt fühlen, der in der Regel keinen blassen Schimmer davon hat. Dutzende Telefonanrufe, Lawinen von Liebesbriefen, unerwartete Geschenke oder überraschende Besuche können schaurige Gefühle wecken und zur Bedrohung werden.

"Meist sind es ungebundene Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die unter der wahnhaften Störung leiden", sagt Professor Hans-Jörg Assion, Psychiater und Chefarzt der Allgemeinen Psychiatrie der Landesklinik Westfalen-Lippe in Dortmund. "Eine Studie aus dem Jahr 2003 nennt ein Verhältnis von 69 weiblichen Betroffenen zu 31 männlichen", erläutert Dr. Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement Darmstadt. Die Betroffenen sind davon überzeugt, dass eine andere, meist prominente, sozial oder finanziell höher gestellte Persönlichkeit sie liebt.

Aus Liebe nackt gewartet

Im Mai 2015 erlebte der amerikanische Rapper Chris Brown eine solch unerwartete Überraschung. Als er nach einer mehrtägigen Geschäftsreise nach Hause kam, empfing ihn in seinem Schlafzimmer eine nackte Frau. In der Küche fanden sich groß geschriebene Liebesbeweise wie "I love you", und auch sein Auto blieb nicht verschont. Die unbekannte Frau hatte es mit der Aufschrift "Mrs. Brown" besprüht.

Für den Psychiater Professor Hans-Jörg Assion ist es wahrscheinlich, dass die junge Frau getrieben vom Liebeswahn in das Haus des Prominenten einfiel. "Sie bezeichnet sich schon als Mrs. Brown, also seine Frau. Das legt die Vermutung nahe, dass sie der Überzeugung ist, es auch zu sein", sagt der Chefarzt. In Verkennung der Situation drang sie nicht nur in Browns Haus ein, sondern kochte dort auch mehrere Tage lang. Was für sie vermutlich in einer Wahnvorstellung der Alltag eines normalen Ehelebens gewesen sein mag, verschreckte den Rapper. Er warf der Nackten einen Bademantel über und rief die Polizei.

Warum George Clooney nicht weiß, dass er stalkt 

Die Welt ist aus der Wahrnehmung der Betroffenen jedoch oft genau umgedreht. Für sie fühlt es sich an, als stelle ihnen George Clooney oder David Beckham höchstpersönlich versteckt nach. Aus Zusammenhängen gerissen beziehen sie Bewegungen, Mimik und Äußerungen auf sich selbst. Tourneereisen deuten die Liebeskranken im Wahn zum Beispiel um. Für sie ist klar, der Star sucht eigentlich nur ihre Nähe und reist ihnen hinterher. Das Fatale: So lange der heimlich Belagerte nichts von dem Problem weiß, liefert er unwissend womöglich der Liebestollen weitere Nahrung für die Wahnvorstellungen.

Wie ein französischer Psychiater die Krankheit entdeckt

"Dieses Verhalten ist typisch für Menschen, die unter dieser wahnhaften Störung leiden. Sie interpretieren äußere Faktoren als heimliche Hinweise", sagt Professor Assion. Diese fügen sie in ihr verschobenes Bild von der Realität ein. Das beschreibt der französische Psychiater de Clérambault, auf den die ungewöhnliche Wahnerkrankung zurückgeht, bereits 1921.

Eine Französin ist im Liebeswahn zum englischen König Georg V. gefangen. Schließlich nähert sie sich ihrem Angebeteten. Die 53-Jährige reist mehrfach nach England, weil sie englische Touristen und Seeleute als verdeckte Boten des Königs interpretiert. "In England angekommen harrt sie vor dem Buckingham-Palast aus und wartet auf weitere versteckte Mitteilungen, fest des Glaubens, er könne seine Liebe nicht zugeben", sagt Dr. Jens Hoffmann. "Im schlimmsten Fall stellen die Betroffenen ihren Opfern um die ganze Welt nach", erklärt er weiter. Doch nicht immer nehmen die Betroffenen Kontakt zu den Angebeteten auf. "In der Hälfte der Fälle gibt es keine Kontaktaufnahme", sagt Diplom-Psychologe Hoffmann.

Nach der Erstbeschreibung der Erkrankung durch den französischen Psychiater spricht man zunächst vom de-Clérambault-Syndrom. Heute ist das schwer beeinträchtigende Leiden den moderneren Begrifflichkeiten gewichen und als wahnhafte Störung ins Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-IV) ebenso fest aufgenommen wie in die Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10).

Das löst Liebeswahn aus

Häufig tritt der Liebeswahn in Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen auf wie schizophrenen Psychosen oder manisch-depressiven Störungen. Ursache des Liebesleids können neben der Veranlagung auch in der Persönlichkeit begründet sein. "Man vermutet beim Auftreten von Wahnstörungen, dass sie oft in Belastungssituationen auftreten und häufig mit biografischen Ereignissen wie zum Beispiel Krisenerfahrungen verknüpft sind", sagt Hoffmann. "Vielleicht hat der Liebeswahn eine Funktion für den Betroffenen", so der Fachmann weiter.

So mag es auch im Fall einer Krankenschwester gewesen sein. Sie arbeitete oft im OP mit einem Chirurgen zusammen. Zu ihm ersann sie eine Liebesbeziehung, die ausschließlich in ihrem Kopf existierte. Zu ihm entwickelte sie in Gedanken ein Liebesverhältnis. Während es in ihren Vorstellungen Realität war, ahnte er davon nichts. Jede seiner Handbewegungen deutete sie als liebevolles Zeichen des verheirateten Familienvaters. In ihren Augen bestätigte sich darin die heimliche Liebe und Verbundenheit. "Sie ist sich sicher, dass er damit sagen will, dass er sie liebt", schildert Assion. In Wahrheit aber ahnte der verheiratete Familienvater nichts von den Gefühlen seiner Kollegin. Bis diese eines Tages vor seiner Haustür stand und dort klingelte. Als er öffnete, konfrontierte sie ihn mit ihren wahnhaften Vorstellungen. Der Chirurg aber wusste nicht, wie ihm geschah –und machte der Kollegin deutlich, dass er keinesfalls so empfindet.

Doch selbst diese direkte Ansprache begriff die Krankenschwester nicht. Sie war gefangen in ihren krankhaften Vorstellungen. "Sie denkt er sagt nein, weil seine Frau hinter ihm steht und er die Liebe deshalb nicht erwidern kann", sagt Assion.

So versucht man den Wahnhaften zu helfen

"Die mangelnde Krankheitseinsicht macht es schwer, den Liebeswahn zu behandeln", weiß Hoffmann aus Erfahrung. Neben spontanen Heilungsverläufen überwiegt die Zahl der Fälle, in denen die Betroffenen langfristig damit zu kämpfen haben. Er empfiehlt, über Gesundheitsämter Kontakt zu den psychiatrischen Diensten aufzunehmen. Diese kennen oft niederschwellige Angebote bei Hilfsorganisationen und beraten auch Familienangehörige.

Professor Hans-Jörg Assion nennt neben einer psychotherapeutischen Begleitung auch die medikamentöse Therapie. Die hilft vor allem Personen, die eine schizophrene Vorerkrankung mitbringen. Aufgrund der Überregulation des Botenstoffs Dopamin kommt es bei ihnen manchmal zu solchen Entgleisungen. Stellt man das mit sogenannten Neuroleptika besser ein, "ist es manchmal so, dass sie förmlich erwachen und selbst sehen, dass sie sich alles nur eingebildet haben", so Assion. In der medikamentösen Therapie kommen zudem Antipsychotika zum Einsatz. Nicht immer aber ist eine solche Behandlung erforderlich. Wie auch Schizophrenie-Kranke erleben manche Liebestolle eine Spontanheilung.

 

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