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Motiv des Germanwings-Piloten
War es ein "Sensations-Suizid"?

Fotos: Angela Merkel am Ort des Unglücks
Fotos: Angela Merkel am Ort des Unglücks FOTO: dpa, kne kno
In diesen Tagen wird häufig moniert, dass über die echten und angeblichen Krankheiten des Piloten Andreas L. unzulässig spekuliert werde. Unzulässig ist daran gar nichts. Wie solche Diagnosen zustande kommen. Von Wolfram Goertz

Es zählt zur bewährten ärztlichen Logistik der Diagnose-Findung, dass sie in verschiedene Richtungen denkt, vieles für wahrscheinlich, manches für denkbar, anderes für nicht ausgeschlossen hält. Ein Patient mit Brustschmerz kann ja auch eine Aortendissektion haben, eine seltene lebensgefährliche Aufspaltung der Gefäßwand der Hauptschlagader im Brustkorb.

Dass Andreas L. 149 Menschen mit sich in den Tod flog, ist wohl die späte Folge einer psychiatrischen Erkrankung wie der Depression; es kann zugleich die Folge einer Persönlichkeitsstörung sein. Und es fällt einem ein Terminus ein, den der Ulmer Psychiatrie-Professor Volker Faust prägte, als er über die Selbsttötungsgefahr beim "bösartigen Narzissmus" reflektierte. Faust sprach vom sogenannten "Sensations-Suizid", der bei Menschen mit abnorm fehlreguliertem Selbstgefühl, eben den Narzissten, die letzte Konsequenz dieser Störung sein könne: der Wunsch nach maximaler Aufmerksamkeit als einer fatalen Lebenskonstante.

Zwar sind narzisstische Persönlichkeitsstörungen nicht zwingend mit sogenannten affektiven Störungen wie einer Depression assoziiert; andererseits muss man in diesen Tagen stets an die von einer früheren Bekannten zitierte Aussage L.'s denken, die angeblich lautete: "Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten." Falls dieser Satz gefallen ist, zeigt er Zeichen eines pervertierten Narzissmus.

Die Tatsache, dass L. ein größeres Medikamenten-Depot besaß, eröffnet bei der Spekulation über seine letzten, einsamen und offenbar ruhig geatmeten Minuten im Cockpit den Raum für eine weitere Spekulation. Es gibt ein Medikament, das sehr schnell wirkt und eine fast gespenstische Ruhe selbst bei größter Erregung bewirkt: Es zählt zu den Benzodiazepinen und heißt Tavor. Hat man es bei L. daheim gefunden? Dies könnte ein weiteres Detail des Todesfluges erklären.

Quelle: RP
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