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Partnerschaft
Wieso Machtspiele wichtig für die Beziehung sind

Liebe: Wieso Machtspiele wichtig für die Beziehung sind
Schon in den ersten 60 Sekunden des ersten Dates entscheidet sich oft, wer in der Beziehung welche Rolle einnehmen wird. FOTO: Shutterstock/Antonio Guillem
Düsseldorf . Macht, das klingt nach Wirtschaftsbossen und harter Auseinandersetzung und scheint mit Liebe nichts zu tun zu haben. Aber sein Sie mal ehrlich: Steht Ihre Beziehungswaage immer im Gleichgewicht? Hier lesen Sie, welche Vorteile so ein kleines bisschen Ungleichgewicht hat. Von Tanja Walter

Liebe und Macht – das passt in vielen Köpfen nicht zueinander: Satte 70 Prozent der Deutschen sind dieser Auffassung, so das Ergebnis einer Umfrage unter weiblichen und männlichen Akademikern. Durchgeführt hat sie der Psychologe und Paartherapeut Wolfgang Krüger. In seinem Praxisalltag nämlich sieht er oft das Gegenteil: Zu ihm kommen Männer oder Frauen, die zwar große Liebe empfinden, aber nicht verstehen, warum sie trotzdem in der Beziehung unglücklich sind. Er berät Paare, die im ständigen Gerangel ihre Liebe verloren haben. Und immer zeigt sich: Es geht um Macht. Der Haken an der Sache: "Die meisten Machtprozesse sind nicht sichtbar", sagt Krüger. Doch wenn man weiß, wo man suchen muss, lassen sie sich leicht aufspüren.

Schon nach 60 Sekunden ist alles klar

Versetzen wir uns in den Moment der ersten Begegnung zurück. Schon beim ersten Treffen ist oft abzulesen, wer in Zukunft den Ton angeben wird. Wer redet mehr? Wer hört zu? Wer gibt nach? Wer bestimmt? "In diesem Anfang ist die Struktur der gesamten Beziehung enthalten", sagt Krüger. Schon die ersten 60 Sekunden seien dabei entscheidend: "Wir taxieren den anderen, erkennen unbewusst seine seelische Stärke oder Schwäche und erahnen sein Beziehungsmuster." In den darauffolgenden Stunden folgt ein Ringen um die Macht im Beziehungsstaate, gewissermaßen die Koalitionsverhandlungen der Macht. Bei ihnen geht es darum, seine Interessen durchzusetzen.

Zugegeben: Es ist deutlich weniger romantisch, die neu eroberte Liebe am Tag danach kritisch unters Brennglas zu nehmen, als gleich am Morgen danach wieder auf der rosa Wolke aufzuwachen und sich emotionsbeduselt am Bauchkribbeln zu erfreuen. Es würde aber vor allem den Frauen nutzen, Gefühl und Verstand zusammenzubringen, meint der Berliner Paarexperte. Sein Tipp: "Rufen Sie Ihre beste Freundin an und erzählen Sie ihr von dem neuen Mann, den Sie kennengelernt haben. Sie hilft Ihnen dabei, die Beziehung von außen zu betrachten und so bewusst an den Koalitionsverhandlungen teilzunehmen."

Zu Beginn sind die Männer mächtiger – dann kommt die Kehrtwende

Typischerweise sind zu Beginn einer Beziehung die Männer meist mächtiger. Der Grund: Um zu gefallen, zeigen sich viele Frauen beim Kennenlernen eher naiv und mädchenhaft. Dieser Trick funktioniert schon seit der Steinzeit: Er als Jäger kann die schamhaft Zögernde erobern. Frauen hingegen richten zunächst ihr volles Interesse auf das Einfädeln der Beziehung und geben nach. "Man könnte sagen: Sie geben die Bewerbung ab und während die Männer den eigentlichen Vertrag aushandeln", sagt der Paarexperte.

Das Machtgepose zeige sich zu Beginn auch in der Sexualität: Er dränge oft recht schnell zur ersten Liebesnacht. Sie lasse sich darauf ein, um ihn nicht wieder zu verlieren, obwohl ihr Bedürfnis danach gar nicht so hoch sei. Weitere unbewusste Zeichen der männlichen Machtdominanz: Er bestimmt das Urlaubsziel, oder hält sich im Haushalt zurück. Nach den ersten Monaten und Jahren ändert sich dann zum Unverständnis der Männer das Machtgefüge oft. Die Frauen stellen fest, dass ihre Wünsche zu wenig Beachtung finden. Er vergisst ihren Geburtstag oder Hochzeitstag oder kommt ständig zu spät. Zeit also, den Spieß umzudrehen.

Darum sind Männer oft die Beziehungsschlaffis

Das fällt den Frauen meist gar nicht schwer. Sie haben die größere soziale Kompetenz, sagt Buchautor Krüger. Sie sind besser geübt in heimlichen Machtstrukturen. So wie Frauen in der Nachkriegszeit über Rabatthefte heimlich Bares ansparten, ohne dass ihr Mann davon eine Ahnung gehabt hätte, nutzen moderne Frauen ihre Kompetenz heute in anderen Bereichen. "Sie schaffen sich ihre eigene soziale Netzwerke und sind darin viel besser als Männer", sagt Wolfgang Krüger. Schon in der Kindheit und Jugend üben sich seiner Beobachtung nach Frauen geschickter in der Pflege von Sozialbeziehungen. Dadurch werden sie konfliktfähiger. Ihr späterer Vorteil: In der Beziehung bleiben sie unabhängiger als Männer, die in ihrer Partnerin ihre beste Freundin und Gespielin zugleich sehen.

Das starke Geschlecht gerate darum schneller in emotionale Abhängigkeit. Vielen Männern fehlen enge Freundschaften und Rückzugsmöglichkeiten. Das Verrückte: Im Kräftemessen auf beruflichem Feld sind sie hingegen oft deutlich erfolgreicher als Frauen. Dort behaupten sie sich besser im Machtgerangel und erklimmen darum leichter die Karriereleiter. Der Grund, den der Berliner Psychologe dafür sieht: "Im Beruf geht es sachlicher zu. Die Beziehungen zueinander sind dort distanzierter. Damit kommen Männer gut zurecht. Im Privatleben hingegen ist das Miteinander enger und emotionaler." Das wird vielen zum Verhängnis. In einer Umfrage gaben Befragte beiden Geschlechts zu über 90 Prozent an, Frauen hätten in der Partnerschaft das Oberwasser.

Das macht die Partnerschaft spannend

Dabei macht eigentlich erst der ständige Wechsel von Über- und Unterlegenheit die Partnerschaft spannend. Denn trotz aller Sehnsucht nach "Friede, Freude Eierkuchen" – auch das kann unendlich langweilig sein. "Konflikte halten die Beziehung lebendig", sagt Wolfgang Krüger. Nichts ist weniger prickelnd als Sex nach immer gleichem Strickmuster und niemand mag dauerhaft immer nur dahin in Urlaub fahren, wohin der andere will.

In der Realität jedoch stolpern viele Paare über sich hochschaukelnde Konflikte und unausgewogene Machtverhältnisse. Wer auf Dauer den Kürzeren zieht und benachteiligt wird, der wird sich irgendwann rächen. Aus Männern werden Dauerschweiger, die lieber abtauchen als zu sprechen. Solch destruktive Macht zerstört die Lebendigkeit einer Beziehung, warnt der Paartherapeut. "Wie in einer mittelalterlichen Burg, hinter der sich deren Bewohner ängstlich verschanzen, verhindert sie jeden Dialog. Es geht nur noch darum, den Feind abzuwehren und sich Freiräume zu suchen. Bleibt es dabei, ist die Kapitulation der Liebe vorprogrammiert. In solchen Situationen rät Krüger, nach Möglichkeiten zu suchen, sich auf Augenhöhe zu begegnen und fair zu bleiben.

Wenn Sie wissen möchten, was gegen Stress in der Beziehung hilft, lesen Sie hier weiter.

Aber auch gleich verteilte Kräfteverhältnisse können wie ein Kolbenfresser im Motor sein: Jeder verschanzt sich hinter seinen eigenen Argumenten, es kommt kein Dialog zu Stande. "Der Motor blockiert, nichts bewegt sich mehr", sagt Krüger. In der Beziehung mangelt es an frischen Anregungen, man probiert nichts Neues mehr aus. Die Folge: die Liebe kränkelt. In solch einer Situation kann es hilfreich sein, sich Gedanken darüber zu machen, wie man sich sein Leben vor der Beziehung einmal vorgestellt hat. Das kann einen neuen Impuls bringen, der – wenn er weitergesponnen wird – den Beziehungsmotor wieder in Gang bringen kann.

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