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Sonntagsneurose
Wenn Menschen sich schlecht fühlen, weil sie frei haben

Sonntagsneurose: Sich schlecht fühlen, weil frei ist
Sonntagsneurose: Manche ziehen auch am Wochenende den Schreibtisch den Kindern vor. (Symbolbild) FOTO: Shutterstuck/nullplus
Düsseldorf. Wochenende und Freizeit – nicht bei allen Menschen hebt das die Laune. Sonntagsneurose heißt das Phänomen, bei dem das Wochenende nicht nur zum Stimmungskiller, sondern gar zum Schmerzauslöser wird. Von Tanja Walter

Lange schlafen, gemütlich frühstücken, Zeit für eigene Aktivitäten – zusammen mit dem Partner oder der Familie. Was will man mehr? Wochenenden sind vielen heilig. Für andere hingegen bedeuten sie eine Qual. Sie fühlen sich lustlos, niedergeschlagen oder bekommen Schmerzen. Schuld ist die Sonntagsneurose.

Wer darunter leidet, würde selbst am Sonntag lieber am Schreibtisch sitzen, als die Seele baumeln zu lassen und seine Akkus wieder aufzuladen. Diese Menschen sind froh, wenn sie sich in die Arbeit stürzen können. Bekannt ist das Phänomen "Sonntagsneurose" schon lange. 1919 schildert der ungarische Psychoanalytiker Sándor Ferenczi bei seinen Patienten periodisch widerkehrende "Störungen an Sonntagen", zu denen somatische Beschwerden wie Schmerzen und Magen-Darm-Probleme zählten und "den jungen Leuten den einzigen freien Tag der Woche oft gründlich verdarben".

Kluge Menschen sind am häufigsten betroffen

Erst seit einigen Jahren weiß man aber, dass darunter vor allem Menschen mit hohem Bildungsniveau leiden. Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg hat das Phänomen anhand von Daten aus dem Sozioökonomischen Panel unter die Lupe genommen. Dabei stellte er ein Abfallen des Wohlbefindens am Wochenende fest.

Seine Erklärung für das Tief in der Freizeit: Menschen aus höheren Bildungsmilieus definieren sich besonders stark über ihre Arbeit. "Wir neigen dazu, den Wert der Arbeit zu überschätzen und darum selbst das Wochenende noch dafür opfern zu wollen."

Während bei Männern vor allem Sonntage zu den Tiefpunkten des Lebens zählen, beginnt die innere Misere bei Frauen meist samstags schon. Denn dann prasseln auf sie die privaten Wochenendpflichten ein. "Einkaufen steht auf dem Plan, Erledigungen, die man unter der Woche nicht schafft und dann nerven die Kinder auch noch." Ein weiteres, geschlechtsunabhängiges Problem: Das Berufsleben ist unsicherer. Viele denken darum bereits am Sonntag an das hohe Pensum der nächsten Arbeitswoche. "Sie würden darum lieber das nächste Paper schreiben, als zu Hause zu sitzen und Rommé spielen zu müssen." Ebenfalls Grund für die Miesepetrigkeit: Gebildete Menschen ziehen oft viel Bestätigung aus der Arbeit. An Wochenenden fehlt ihnen diese Option.

Doch auch das Verschwimmen von Beruf und Freizeit könnte ein Grund für die Sonntagsmisere sein, sagt Tim Hagemann, Arbeitspsychologe am Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin. "Heute ist der Arbeitsplatz in vielen Berufen nicht mehr entscheidend dafür, eine Arbeit auszuführen", sagt er. Für kritisch hält er die Liebe zur Sonntagsarbeit jedoch nur dann, wenn man sie als Last empfinde. "Arbeit an sich ist sehr gesundheitsfördernd, wenn man sie selbstbestimmt tun kann und sich wertgeschätzt fühlt."

Wichtig allerdings seiner Meinung nach: Sich nicht derart massiv in die Arbeit zu graben, dass man darüber sein soziales Umfeld vergesse. Sonst drohe irgendwann die Sinnfrage und mit ihr das Gefühl, immer gearbeitet zu haben, aber nichts dafür zurückzubekommen.

Schuldgefühle in der Freizeit

Dass Ruhe und Entspannung nicht in jedem Fall zu Wohlgefühlen führen müssen, zeigten die britischen Psychosomatiker Barbara Wood und Simon Wessley. Statt einem Gefühlshoch löste Freizeit bei manchen ihrer Probanden im Gegenteil sogar Schuldgefühle aus. Diese hinderten sie daran, die freien Tage wirklich genießen zu können.

In manchen Fällen kann das so extrem sein, dass es zu körperlichen Symptomen kommt. Ein niederländisches Forscherteam um den Psychologen Ad Vingerhoets prägte den Begriff der "Leisure sickness", also "Freizeitkrankheit", die sich im Urlaub und am Wochenende mit Symptomen wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Magen-Darm-Problemen zeigt. Auslöser dafür ist die Unfähigkeit, mit der freien Zeit umzugehen. Fast 37 Prozent macht der Wechsel von starker Arbeitslast zur Freizeit zu schaffen. Andere scheitern am eigenen Perfektionismus oder ihrem hohen Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf die Arbeit (rund 28 Prozent). Daneben führt jedoch auch eine falsch verstandene Firmenkultur mitunter in dieselbe falsche Richtung: "Das Gefühl, auch am Wochenende arbeiten zu müssen, weil es so erwartet werde", sagt Hagemann.

Empfinden für Schmerz kommt erst am Wochenende

Das kann Menschen derart unter Stress setzen, dass sie krank werden. Auch mangelnde Wertschätzung von Freizeitaktivitäten und die anstehenden typischen Wochenendhausarbeiten könnten dazu führen, sagt Vingerhoets in einer Studie aus dem Jahr 2002. Durch die geringere Arbeitsbelastung werde zudem die Empfindlichkeit für die Signale des eigenen Körpers erhöht. Das könnte zum Beispiel dazu führen, dass Schmerzen unter dem Stress und der Last der Arbeit nicht wahrgenommen werden, in der Ruhe des Wochenendes hingegen deutlich zu spüren sind.

Einen Grund dafür, mit blindem Aktionismus gegen die Niedergeschlagenheit am Wochenende ankämpfen zu wollen, sieht Maennig jedoch nicht. "Meinen Sie, man wäre glücklicher, wenn es nicht so wäre?" Maennig betrachtet das widerkehrende Sonntagstief, das er seit der Erstellung der Studie auch an sich selbst manchmal wahrnimmt, als einen Rhythmus. Die Natur sei durch ein Auf und Ab gekennzeichnet, das nach der schlechten Stimmung auch wieder Platz mache für gute Laune. Damit erfüllt seiner Meinung nach auch die Sonntagsneurose ihren Sinn. Wenngleich er einräumt, dass der Wert der Arbeit hierzulande oft zu hoch gehängt werde.

Hilfe gegen das Wochenendtief

Wer das Wochenendtief dennoch nicht hinnehmen mag, kann die Laune durch Spaziergänge aufpolieren. Denn Bewegung kurbelt die Ausschüttung von Glückshormonen wie Serotonin an und baut Stresshormone wie Adrenalin ab. Auch bewusste Pausen für Entspannungsverfahren wie Yoga, autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung können helfen. Dauerarbeit hingegen mündet irgendwann im körperlichen oder psychischen Zusammenbruch.

 
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