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Kölner Studie
Warum gucken wir bei Regelverstößen weg?

Studie: Warum gucken wir bei Regelverstößen weg?
Ab in die Pampa – Beobachter rügen solches Verhalten selten. FOTO: Shutterstock/justek16
Köln. Was finden Sie schlimmer? Wenn jemand eine Kippe wegschnippt oder einen ganzen Aschenbecher neben Ihnen auf den Bürgersteig auskippt? Wissenschaftler aus Köln haben rüpelhaftes Verhalten und die Reaktion anderer darauf untersucht. Mit erstaunlichem Ergebnis. Von Tanja Walter

Wer hat nicht selbst schon einmal ein Bonbonpapier fallen lassen, ist einem anderen zu dicht aufgefahren oder gerade noch bei Rot über die Ampel gehuscht. Na gut, irgendwie steckt in jedem ein Stückchen Rüpel. Aber in der Regel meldet sich prompt das schlechte Gewissen. Den meisten ist durchaus bewusst, dass es sich dabei um eine Grenzüberschreitung handelt.

Wie aber reagieren wir, wenn andere das tun? Das genau wollten Forscher um Bettina Rockenbach, Verhaltensökonomin der Universität Köln, wissen. Seit vielen Jahren untersucht sie, wie sich Menschen an soziale Normen halten und wie man Überschreitungen des guten Miteinanders wirkungsvoll verhindern kann.

Schauspieler machten den Test

Lügen - zwischen Laster und Krankheit FOTO: Ferl

Um das herauszufinden, engagierten sie Schauspielerinnen, die im Dienste der Wissenschaft deutsche Bahnhöfe – so unter anderem den in Köln-Deutz – einmüllten. Ihr Job war es, Kleinigkeiten auf dem Bahngleis oder Gehsteig zu entsorgen und beispielsweise im Vorbeigehen leere Coffee-to-go-Becher fallen zu lassen.

Die Reaktion der Reisenden, die das beobachteten, verblüfft: "Die größte Zahl machte nichts", sagt Rockenbach. Nur manche schauten den dreisten Müllverursachern knitterig hinterher oder schüttelten den Kopf – als müsse das reichen, um sie zum Zurückgehen und Wegwerfen zu bewegen. Einige zeigten auf den Mülleimer. 

Also setzten die Forscher noch einen drauf: Auf ihr Geheiß entsorgten die Lockvögel nun ganze Papiertüten voller Müll auf dem Bahnhofsboden. Die Annahme: Größere Normverstöße müssten doch eigentlich von den Anwesenden stärker bestraft werden.

"Dieses Prinzip findet angefangen beim biblischen 'Auge um Auge' bis zur modernen Rechtsphilosophie der gerechten Strafe Anwendung. Für einen Kaufhausdiebstahl wird man weniger bestraft als für einen Mord", sagt Rockenbach.

Angst vor einer Gegenreaktion

Das erstaunliche Ergebnis aber nach rund 800-fachem Wiederholen des Wegwerfszenarios: "Nur in 15 Prozent der Fälle tun die Menschen etwas. Obwohl das Wegwerfen eines ganzen Müllbeutels als größerer Regelbruch empfunden wird, reagierten die Menschen nicht wesentlich anders als bei kleineren Umweltsünden.

Wie kann das sein? Warum reagieren die Menschen nicht darauf? "Es ist Angst vor einer Gegenreaktion des Regelbrechers, die die Leute zurückhält", sagt Rockenbach. "Sie erwarten, dass sie bei größeren Regelverstößen auch heftiger ausfallen."

Das zeigt, dass Selbstregulation ihre Grenzen hat. "Wir weisen einander auf falsches Verhalten hin, solange es sich in bestimmten Bahnen bewegt", sagt Rockenbach. "Ist die Grenze überschritten, rufen wir lieber die Polizei oder Ordnungsdienste, die dafür zuständig sind."

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