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Weltkongress der Telefonseelsorger
"Seit es Smartphones gibt, rufen mehr Männer an"

Telefonseelsorge: Unterschiede zwischen den Nationen
Stefan Schumacher ist Präsident der „International Federation of Telephone Emergency Services” (IFOTES). FOTO: Stefan Schumacher
Düsseldorf/Aachen. In Aachen findet seit Dienstag der "Telefonseelsorge Weltkongress" statt: Ehrenamtliche Helfer aus über 25 Ländern tauschen sich dort über ihre Arbeit am Hörer aus. Muss man mit einem Norweger in Notlagen anders reden als mit einem Griechen? Wir haben beim Chef des Internationalen Verbandes für Telefonseelsorge nachgefragt.  Von Susanne Hamann

Herr Schumacher, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Telefonseelsorge innerhalb Europas. Rufen die Menschen in Finnland oder Spanien aus anderen Gründen an als beispielsweise ein Kölner?

Stefan Schumacher Nein, da gibt es tatsächlich keine wirklich signifikanten Unterschiede. Die allermeisten Menschen – und das gilt weltweit – rufen aus einem Gefühl der Einsamkeit an. Auf Platz zwei stehen dann Beziehungsprobleme jeder Art. 

Das heißt, es gibt keine nationalen Unterschiede?

Schumacher Am ehesten sieht man sie noch in der Suizidprävention. Wir stellen fest, dass in Ungarn, Slowenien und Norwegen deutlich mehr Menschen Suizidgedanken haben. Entsprechend muss auch die Telefonseelsorge stärker darauf ausgelegt sein. Aber objektive Statistiken gibt es hier nicht. Wir führen ja keine Studien. Das geht schon alleine deswegen nicht, weil alle Anrufe anonym ablaufen. Die Ehrenamtler schreiben einfach nur ihre Eindrücke auf. Aber man kann schon aus den Namen für Telefonseelsorge in den verschiedenen Ländern Unterschiede erkennen. In Deutschland ist es die Telefonseelsorge, weil es ein christliches Angebot ist. In anderen Ländern schwingt im Namen aber die Suizidprävention deutlich mehr mit. In Spanien beispielsweise heißt es "Telefon der Hoffnung", in der Schweiz nennt man das Sorgentelefon "Dargebotene Hand".

Und muss man mit einem Anrufer aus Deutschland anders reden als etwa mit einem aus Spanien? 

Schumacher Es gibt durchaus Unterschiede in der Sprachkultur. Südländer sprechen eine viel direktere und intensivere Sprache. Man kommt auch schneller mit ihnen in Kontakt. Das gilt für Spanier wie für Italiener gleichermaßen. In Deutschland ist die Aufwärmphase eines Gesprächs länger, die Gespräche sind langsamer. Die Worte werden mit mehr Bedacht gewählt. Skandinavier wiederum nutzen insgesamt weniger Worte. Sie drücken sich kürzer aus, dadurch sind die Gespräche auch schneller. 

Sprache ist aber doch auch Denken – und trotzdem sagen Sie, dass es keine nennenswerten Unterschiede bei den Problemen gibt.

Schumacher Ja, weil es auf emotionaler Ebene immer auf die gleichen vier Kernprobleme zurückkommt, egal ob es sich um Japaner, Finnen oder Deutsche handelt. Die Menschen rufen an, weil sie Angst, Schmerz, Wut oder fehlendes Vergnügen verspüren. Das wird in allen Kulturen ähnlich gespürt und erlebt, und ist überall Grundlage für die konkreten Probleme, die sich im Leben zeigen. 

Das wirkt ja wie eine einfache Formel. Gibt es für diese Problememotionen denn auch konkrete Lösungsstrategien?

Schumacher Natürlich. Geht es in der Wurzel um Angst, muss man neue Umgangsstrategien erlernen. Bei Schmerz stellt sich die Frage, wie man ihn so begleitet, dass er erträglich wird. Wut darf man nicht deckeln, sondern muss einen Weg finden, sie auf konstruktive Weise zu kanalisieren. Und bei fehlendem Vergnügen geht es meist darum, dass echter Genuss verloren gegangen ist, weil Süchte und Abhängigkeiten an seine Stelle getreten sind. Dann muss man einen Weg aus dem Suchtteufelskreis finden. Man sieht: Insgesamt geht es in der Telefonseelsorge nicht so sehr um den konkreten Inhalt des Anrufes, sondern darum, den emotionalen Zustand der Person zu erkennen und zu verbessern. 

Rufen denn mehr Frauen oder mehr Männer an?

Schumacher Früher waren es deutlich mehr Frauen, aber seit es Smartphones gibt und man von überall aus telefonieren kann, hat es sich auf 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer angeglichen. Das typische Alter liegt übrigens bei ungefähr 50. Aus den Gesprächen entnehmen wir, dass das ein Alter ist, in dem es schnell zu Überforderung kommt, weil die Eltern anfangen, pflegebedürftig zu werden, und die Kinder oft noch nicht aus dem Haus und pubertär sind. Das ergibt eine Schere, die für viele eine sehr große Belastung darstellt. 

Ist Ihnen denn ein Fall besonders im Gedächtnis geblieben?

Schumacher Den Fall, den ich jetzt schildere, werde ich natürlich so anonymisieren, dass er keine Wiedererkennbarkeit zulässt: Einmal rief eine Mutter an, deren Kinder gerade in der Schule waren. Sie sagte, wenn die Kinder zurück kommen, wolle sie nicht mehr am Leben sein. Sie wollte sich in der Wohnung erhängen. Eine sehr grausame Situation, in der man sich schon erst mal fragen muss, was mache ich jetzt? 

Wieso wollte sie sich umbringen?

Schumacher Sie hatte das überwältigende Gefühl, nichtsnutzig, lästig und überflüssig zu sein. Und die einzige Lösung lag für sie darin, die Kinder von dieser Bürde zu befreien. Wir haben eine Weile geredet. Irgendwann habe ich sie dann gefragt, ob sie selbst Eltern gehabt hat, zu denen sie nach der Schule nach Hause kam, und wie es gewesen wäre, wenn sie als Kind ihre Mutter erhängt in der Wohnung gefunden hätte. Da wurde ihr klar, dass sie sich gefragt hätte, ob sie Schuld am Tod der Mutter gewesen wäre. Und dieses Schuldgefühl wollte sie ihren eigenen Kindern nicht aufbürden. Solche Gespräche sind wirklich intensiv. Und die nimmt man auch mit nach Hause. Vor allem, weil wir durch die Anonymität in der Regel nicht erfahren, wie die Situation ausgeht. 

Wie lässt man als Telefonseelsorger überhaupt die Probleme aus den Gesprächen hinter sich?

Schumacher Es ist Teil der Ausbildung zu lernen, wie man eine gesunde Distanz bewahrt. Wichtig ist für uns aber auch nicht, dass eine endgültige Lösung gefunden wird, sondern, dass sich die akute emotionale Situation verbessert. Das zu merken, hilft auch dem Telefonseelsorger. 

Und was ist im umgedrehten Fall, wenn der Anrufer einfach nicht aus der Leitung gehen will?

Schumacher Eigentlich ist nach 30 bis 50 Minuten Gespräch ein Punkt erreicht, an dem eine Besserung eintritt. Danach dreht sich das Telefonat im Kreis und bringt nichts mehr. Dann beenden die Telefonseelsorger das Gespräch. Aber es gibt tatsächlich auch viele missbräuchliche Anrufe. 

Wie meinen Sie das, missbräuchliche Anrufe?

Schumacher Das kann unterschiedliches sein: Leute, die sich nur unterhalten wollen, ohne ein angemessenes Anliegen zu haben, bis hin zu aggressiven Anrufern, die uns nur beschimpfen wollen. Und es gibt Anrufer, die auf Telefonsex aus sind. Da muss man sehr genau aufpassen und das Gespräch dann auch rigoros beenden. Auch das ist Teil der eineinhalbjährigen Ausbildung.

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