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Expertin über den Todesfall in Köln
"Viele Senioren schämen sich, um Hilfe zu bitten"

"Viele Senioren schämen sich, um Hilfe zu bitten"
Viele Senioren rutschen in einem schleichenden Prozess in die Einsamkeit. FOTO: Photographee.eu/ Shutterstock.com
Düsseldorf . Mehr als ein Jahr hat es gedauert, bis eine 84-jährige Seniorin in Köln tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Wie kann es zu einer solchen Situation kommen? Und warum vereinsamen immer mehr Senioren im Alter? Margit Risthaus, Leiterin des Netzwerk Benrath der Diakonie Düsseldorf, gibt Antworten.  Von Susanne Hamann

Frau Risthaus, in Köln lag eine Seniorin mehr als ein Jahr lang tot in ihrer Wohnung, bevor sie gefunden wurde. Wie kommt es zu einer so starken Vereinsamung?

Risthaus Wenn so etwas passiert, ist das ein echtes Desaster, bei dem Menschen durch alle Maschen rutschen, die es gibt. Die Gründe dafür sind zahlreich: die Senioren verlieren mit der Zeit immer mehr ihre sozialen Kompetenzen, das heißt, sie verlernen es regelrecht, mit anderen in Kontakt zu treten, weil sich der Anschluss nicht mehr von allein durch die Arbeit oder das Umfeld ergibt. Dann wird der Weg aus dem Haus körperlich immer beschwerlicher, erst recht, wenn dabei Treppen zu überwinden sind. Manchmal kommen noch psychische Probleme wie Depressionen hinzu. 

Ist Vereinsamung Ihrer Erfahrung nach ein wachsendes Problem?

Risthaus Auf jeden Fall. Wir sehen in unserer Einrichtung auf zwei halben Stellen 500 Senioren in der Woche, und bei den meisten spielt Vereinsamung eine Rolle. Ich kenne viele Senioren, die nicht mal einen Hausarzt regelmäßig aufsuchen, viele haben nicht einmal einen. 

Margit Risthaus ist Sozialarbeiterin und leitet das Netzwerk Benrath der Diakonie Düsseldorf. Es bietet Senioren Unterstützung, die Probleme mit dem Älterwerden haben. Dazu gehören sportliche Aktivitäten, Betreuung von Demenzkranken, Hilfe für Familienangehörige und Alltagshilfe für Senioren, die alleine zu Hause leben.

Was erleben Sie im Kontakt mit den Senioren?

Risthaus Viele sagen, dass sie einen Anlass brauchen, um die Wohnung überhaupt zu verlassen. Das bedeutet, dass ihnen mit der Zeit das Gefühl für den normalen Tag- und Nachtrhythmus verloren geht. Immer mehr lassen sich auch die Lebensmittel nach Hause liefern, dann müssen sie nicht einmal mehr dafür vor die Tür. Man kennt das Problem auch von jungen Leuten, die internetabhängig sind. Sie verlieren völlig den Drang danach, das Haus zu verlassen. Und je seltener man das Haus verlässt, desto mehr wachsen die Ängste davor - und somit die Ausreden. Plötzlich ist es morgens zu früh, dann zu glatt oder zu kalt und abends schon zu spät. So ziehen sich die Senioren immer mehr zurück.

Aber das muss Familienmitgliedern doch auffallen.

Risthaus Die Familienstrukturen sind heute ganz anders als früher. Die Kinder sind schneller aus dem Haus und ziehen häufig aus beruflichen Gründen von ihrer Familie weg. Es kann auch sein, dass die Familie zerstritten ist und wenig Kontakt gepflegt wird.

In dem Fall in Köln ist der Tod der Seniorin auch Nachbarn ein Jahr lang nicht aufgefallen, und das, obwohl ein Rollator unbewegt im Hausflur stand und sich die Post im Briefkasten stapelte.

Risthaus Man meint immer, dass eine sorgende Nachbarschaft selbstverständlich ist, aber dem ist ganz und gar nicht so. Es braucht sehr mutige Nachbarn, um sich über die gesellschaftlichen Regeln hinwegzusetzen. Und die besagen, dass man in die Privatssphäre einer anderen Person nicht eindringt. 

Aber an der Haustür zu klingeln, bedeutet ja nicht gleich, in die Privatssphäre des Nachbarn einzudringen. 

Risthaus Für viele ist das eben schon so. Sie haben das Gefühl, den anderen zu belästigen, manchmal haben sie auch Angst davor, was sie dort vorfinden. Das gilt übrigens für beide Seiten. Ich kann mich an einen Fall erinnern, bei dem ein Senior, den ich betreut habe, plötzlich nicht mehr aufgetaucht ist. Ich habe daraufhin die Polizei angerufen, damit sie nach dem Rechten sieht. Statt sich zu bedanken, hat sich der Senior anschließend furchtbar aufgeregt, wie ich das machen konnte. Er hat sich vor den Nachbarn dafür geschämt, dass die Polizei bei ihm vor der Tür stand. Als das Gleiche im nächsten Jahr passiert ist, habe ich die Hausverwaltung gebeten vorbeizugehen. Die hat sich gar nicht für den Fall interessiert, also musste ich wieder die Polizei schicken. Im dritten Jahr lag er dann tatsächlich tot in seiner Wohnung. Er hat sich umgebracht, weil er nicht in die Pflege wollte.

Woher kam seine massive Abwehr? 

Risthaus Die jetzige Generation von Senioren sind Kriegskinder. Das sind Menschen, die zum Beispiel in der Kindheit erlebt haben, dass man von den Nachbarn angezeigt werden kann. Wenn man davon ausgeht, dass im Alter die Kindheit wieder hochkommt, dann bedeutet das auch, dass viele Ängste mit neuem Gesicht zurückkehren. Ich erlebe es deshalb oft, dass Senioren plötzlich wieder über Angst in der Dunkelheit klagen, und, viele schämen sich, um Hilfe zu bitten. Eine Brille geht gerade noch, nach einem Hörgerät zu fragen, ist schon schwieriger. Aber von psychischen Problemen zu sprechen, geht gar nicht mehr. 

So schottet man sich natürlich extrem stark ab.

Risthaus Ja. Und es passiert ganz leicht, dass Nachbarn nichts bemerken. Oftmals sind sie jünger und arbeiten noch. Das bedeutet, sie gehen morgens aus dem Haus, wenn der Senior noch nicht aktiv ist, und kommen abends zurück, wenn er schon schläft. So kann es sein, dass sie jahrelang nebeneinander leben, ohne sich jemals zu sehen. Was allerdings nicht passieren darf ist, dass sich die Post im Briefkasten über Wochen anstaut und der Rollator im Gang ignoriert wird. Einem guten Hausmeister muss so etwas auffallen. Aber das ist wie mit Ärzten, manche haben eine hohe Aufmerksamkeit und andere nicht. Man kann da nicht immer von Schuld sprechen, manchmal ist es auch eine Verkettung von unglücklichen Umständen. Übrigens gilt das auch für jüngere Menschen. 

Wie meinen Sie das?

Risthaus Nicht nur Senioren vereinsamen immer mehr, sondern auch jüngere Menschen. Deswegen bilden sich auch immer mehr Nachbarschaftsprojekte heraus, um diese Entwicklung zu verhindern. Vor allem die Gruppe der Singlefrauen wird immer größer, und so kann es inzwischen bei Jung und Alt passieren, dass jemand unbemerkt stirbt. 

Ihr Arbeitsgebiet ist Düsseldorf und Benrath. Ist es in Düsseldorf leicht, als Senior Kontaktangebote zu finden?

Risthaus Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es in Düsseldorf noch relativ leicht ist, alt zu werden, weil es viele gute Angebote gibt. Aber das Problem ist oft, dass diese zwar pflegerisch und medizinisch gut aufgestellt sind, nicht aber in sozialer Hinsicht. Deswegen kann ich immer nur sagen: lieber einmal zu viel klingeln, als einmal zu wenig. Ein schreiendes Baby würde man auch nicht auf Dauer ignorieren. Senioren schreien natürlich nicht, aber wenn sie sich zu lange gar nicht bemerkbar machen, ist auch das ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmen kann. 

Wenn Sie sich Sorgen um einen Senior in Ihrem Umfeld machen, finden Sie Unterstützung beim Netzwerk der Diakonie oder bei der städtischen Seniorenhilfe in Düsseldorf. 

(ham)
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