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Arbeitspsychologie
Warum arbeiten in der Freizeit entspannter macht

Warum Arbeiten in der Freizeit entspannter macht - Arbeitspsychologie
Eigentlich ist Familienzeit, doch dieser Mann ist mit dem Kopf noch im Job. (Symbolfoto) FOTO: Shutterstock/ YAKOBCHUK VIACHESLAV
Düsseldorf. Termindruck, ständige Erreichbarkeit und massig Arbeit: Immer mehr Menschen können selbst in der Freizeit immer schlechter abschalten. Ein Forscherteam hat ein Rezept dagegen, das sich erst einmal seltsam anhört: In der Freizeit arbeiten. Von Tanja Walter

Ob abends, am Wochenende oder gar im Urlaub – viele schaffen es nicht, in den Freizeitmodus zu schalten. Sie bekommen die Arbeit nicht aus dem Kopf - mit gesundheitlichen Konsequenzen. Das offenbart die Stressstudie 2016 der Techniker Krankenkasse.

64 Prozent der 1200 Befragten gaben an, unter Verspannungen und Rückenschmerzen zu leiden. 49 Prozent fühlten sich dauerhaft erschöpft, 43 Prozent klagten über Schlafstörungen. Kopfschmerz, Migräne, Nervosität, depressive Verstimmung und sogar Angststörungen gaben die Befragten als weitere Folgen an.

Weil Unerledigtes aus dem Job immer wieder durch die Gedanken kreist, Abgabetermine bedrohlich nahe rücken oder wir auf Termine gut vorbereitet sein wollen, schafft der Kopf den Sprung in die Erholungsphase nicht. Ob beim Spiel mit den Kindern oder beim Nachmittagsspaziergang - die Arbeit holt viele immer wieder ein.

Erst die Arbeit, dann das Abschalten

Was Forscher der Universität Rostock als Weg aus dieser Misere vorschlagen, wirkt auf den ersten Blick befremdlich: Bringen Sie unerledigte Arbeit in der Freizeit zu Ende. Das, sagt Psychologe und Hauptautor der Studie Oliver Weigelt, sei für manchen eine gute Strategie, um anschließend uneingeschränkt abschalten zu können.

Für die Studie ließen die Wissenschaftler seines Teams 83 Berufstätige aus unterschiedlichen Branchen und Positionen über drei Monate hinweg jeden Freitag und Montag ein elektronisches Tagebuch führen. Vor den Wochenenden erfragten sie ihre im Job nicht erledigten Aufgaben. Montags gaben die Probanden an, ob sie im Verlauf des Wochenendes in ihrer Freizeit gearbeitet hatten und wie sie sich erholen konnten. Diejenigen, die gearbeitet hatten, berichteten außerdem über ihre Gründe für die Arbeit und inwieweit sie unerledigte Aufgaben abschließen konnten und wie danach der Erholungseffekt für sie war.

Warum Arbeiten in der Freizeit entspannen kann

"Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass wir Unerledigtes sehr ungern liegenlassen", sagt Weigelt. So sehr sogar, dass wir Nachteile in Kauf nehmen, um sie abschließen zu können. Denn je mehr Aufgaben sich bis Freitag unerledigt aufgetürmt haben, umso schlechter können Arbeitnehmer am Wochenende abschalten und Erholung tanken. Genau das zeigte sich auch in der Rostocker Untersuchung: Ein Teil der Berufstätigen setzte sich am Wochenende an den Schreibtisch, um Aufgaben abzuschließen. Danach gelang ihnen auch die Erholung.

Das Problem daran: Wer arbeitet, hat keine Freizeit. Das gefällt Arbeitsexperten ganz und gar nicht. "Damit wir uns richtig erholen können, sollten wir bestenfalls nicht einmal an die Arbeit denken", sagt Frank Brenscheidt, Arbeitszeitexperte der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Das Wochenende hat einen besonderen Erholungswert. "Unterbrechungen dieser Erholung mindern den Erholungseffekt", so der Experte.

Was passiert, wenn die Erholung zu kurz kommt

Eine dauerhafte Kürzung der Erholungszeiten berge zudem eine Menge Risiken für die körperliche und psychische Gesundheit. Sie wirkt sich beispielsweise ungünstig auf den Schlaf und die Schlafdauer aus und die Reizbarkeit nimmt zu. Es kann vermehrt zu psychosomatische Erkrankungen kommen, die Distanzierung von der Arbeit gelingt immer weniger. Das könne am Ende der Spirale in einem Burnout enden, sagt Brenscheidt. Wer seine Ruhezeiten häufiger unterbreche, sorge dafür, dass es ihm immer schwerer falle, in die Erholung hineinzufinden. Dadurch nehme die Leistungsfähigkeit ab und das Unfallrisiko zu.

"Wir brauchen regelmäßige Auszeiten, um zu regenerieren und unsere Arbeitskraft zu erhalten. Auch wer nur kurz die Mails checkt oder mit der Firma telefoniert, empfindet in dem Moment vielleicht keinen Stress, kommt aber auch nicht zur Ruhe", sagt Andreas Vogt von der Techniker Krankenkasse.

Diese Risiken sehen auch die Rostocker Forscher. "Natürlich brauchen Berufstätige Erholungsphasen und Arbeitgeber tun gut daran, das zu fördern", sagt Studienautor Weigelt. Aus diesem Grund hält er strukturelle Maßnahmen für sinnvoll, um Freizeitarbeit zu limitieren. Das könne beispielsweise dadurch geschehen, die Nutzung von Smartphones oder Mailaccounts zu dienstlichen Zwecken technisch nur dann einzuräumen, wenn es vom Arbeitnehmer als angemessen empfunden werde.

Freizeitarbeit als Ausnahme und nur zeitlich limitiert

Arbeit zu Ende zu bringen, so der Forscher einschränkend, sei nur dann empfehlenswert, wenn die anfallende Arbeit in einer überschaubaren Zeit abgeschlossen werden könne. Darum rät er: "Geben Sie sich ein festes Zeitfenster und hören Sie dann auf, egal wie weit sie gekommen sind." Außerdem dürfe es auch nicht zur Gewohnheit werden. Die Versuchsteilnehmer investierten innerhalb von drei Monaten an je zwei Wochenenden rund zweieinhalb Stunden in den Job.

Arbeitszeitexperte Brenscheidt verweist darauf, dass häufige Mehrarbeit - ob an Wochenenden oder unter der Woche - ein Hinweis auf ein Ungleichgewicht von Arbeitsmenge und Arbeitskräften sei. Meist seien in solchen Fällen die Ziele zu hoch gesteckt oder die Masse an Arbeit passe nicht zur vorgesehenen Arbeitszeit. Nicht selten werde das dann zum Problem des Mitarbeiters gemacht.

 
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