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Beziehung
Warum auf wackelndem Stuhl die Beziehung ins Wanken geraten kann

Beziehung: Warum auf wackelndem Stuhl die Beziehung ins Wanken geraten kann
Wer instabil auf einem Stuhl sitzt, gibt eher auch ein schräges Urteil über seine Beziehung ab (Symbolbild). FOTO: Shutterstock/g-stockstudio
Düsseldorf. Hin und wieder die Beziehung zu reflektieren, kann nicht schaden. Tun Sie es aber besser nicht, wenn Sie gerade auf einem wackeligen Stuhl sitzen. Denn das hat mehr Auswirkungen als die meisten denken. Weshalb und warum Sie sich mit ein bisschen Nervenkitzel viel schneller näher kommen, lesen Sie hier. Von Tanja Walter

Im Mai 2008 bebt in der Provinz Sichuan die Erde. Monate später zerbrechen dort ungewöhnlich viele Ehen. Psychologen glauben, dass es einen Zusammenhang zwischen der Naturkatastrophe und der hohen Scheidungszahl geben könnte. Sie sehen die gescheiterte Ehe von mehr als 102.000 Paaren als ein psychologisches Nachbeben. Aber kann das sein?

So kurios es auch scheinen mag, Wissenschaftler haben ernsthafte Erklärungsmodelle für das schnelle Ende hoffnungsvoller Ehen gefunden. Eine davon: Die emotionale und die finanziellen Probleme nach dem Beben könnten dazu geführt haben. Forscher aus den USA und Kanada hingegen gingen einem anderen Erklärungsansatz nach: Sie nahmen die Erderschütterung buchstäblich. Könnte es sein, dass physische Instabilität eine wackelige Beziehung nach sich ziehen könnte?

Was der Körper macht, ist de Geist nicht egal

Ein Team von Wissenschaftlern um Amanda L. Forest vom Department of Psychology der Universität Pittsburgh beschloss dieser nachzugehen. Sie stützten sich dabei auf Erkenntnisse aus der Embodiment-Forschung, die streng wissenschaftlich der Beziehung zwischen Körper, Geist und Psyche nachgeht und ihre Wirkung aufeinander untersucht. Ein Beispiel für die Erkenntnisse aus diesem Forschungsbereich: Menschen, die eine Tasse mit einem warmen Getränk halten, nehmen andere eher als warmherziger und sympathischer wahr als solche, die ein kaltes Getränk in Händen halten.

Lesen Sie hier weitere Erkenntnisse aus der Embodiment-Forschung: Wie Ihre Körperhaltung Ihr Denken beeinflusst.

In drei verschiedenen Versuchsaufbauten ging nun die Forschertruppe um Amanda L. Forrest der Frage nach, inwieweit sich ein wackeliger Untergrund auf die Wahrnehmung von Beziehung auswirkte. Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Experiment war, dass sich die Probanden mindestens zwei Jahre in festen Händen befanden. Dann durften sie Platz nehmen: Einige auf einem wackeligen Stuhl, an dem zwei Beine minimal kürzer waren, andere auf einem federnden Sitzkissen und die dritte Gruppe sollte sich auf einem Fuß ausbalancieren. Ihnen standen Vergleichsgruppen gegenüber, die an einem stabilen Platz saßen. Alle sollten dann Fragen rund um die Zufriedenheit in der aktuellen Beziehung beantworten.

Warum der wackelnde Stuhl die Beziehung ins Wanken bringt

Das Ergebnis der ungewöhnlichen Versuchsordnung: Die körperliche Instabilität übertrug sich tatsächlich auf die Wahrnehmung der Beziehung. Die schwankenden Probanden interpretierten auch die Beziehung als weniger stabil als die Versuchsteilnehmer mit festem Boden unter den Füßen.

Der Körperzustand ist nach Einsicht der Wissenschaftler demnach eine Art Metapher für den psychischen Zustand. Wer gehalten wird, ist also nicht nur körperlich in einem sicheren Zustand, sondern wird sich oft auch psychisch aufgehoben fühlen, schreiben die Autoren der Studie. Aufgrund solcher Zusammenhänge raten sie davon ab, bei unruhigen Workouts über ihre romantische Beziehung nachzudenken. Denn die Unruhe der Bewegung könnte dafür sorgen, dass die Beziehung in diesem Moment als instabil und unsicher wahrgenommen wird. Das kann eine Kettenreaktion in Gang setzen: Wer seine Beziehung als wackelig wahrnimmt, der investiert weniger hinein, empfindet weniger Zuneigung und Verpflichtung dem anderen gegenüber, so das Ergebnis eines Teams von Psychologen aus den USA und Großbritannien aus dem Jahr 2012.

Wie kann das sein? Die Sozialpsychologin Amy Cuddy fand in der Neurowissenschaft die Antwort auf diese Frage. Demnach beeinflusst die Körperhaltung die Stimmung, weil sie chemische Prozesse wie die Ausschüttung von Testosteron oder auch Stresshormonen wie Cortisol in unserem Körper in Gang setzt. Und das innerhalb weniger Minuten.

Wie Adrenalin die Kontaktaufnahme erleichtert

Welche Auswirkungen Erregung auf das Interesse an einem anderen Menschen haben kann, testeten die beiden Sozialpsychologen Donald Dutton und Arthur Aron auf zwei Brücken. Eine der Brücken war stabil und breit gebaut. Die andere, eine Hängebrücke, hingegen war nur 1,50 breit. Sie schwankte 70 Meter über einer felsigen Schlucht. In der Mitte positionierten die Wissenschaftler eine attraktive Frau. Sie gab vor, eine Umfrage für eine psychologische Studie zur Wirkung der Natur auf verschiedene Personen zu machen und füllte kurz mit den passierenden Männern einen Fragebogen aus. Danach gab sie ihnen ihre persönliche Telefonnummer mit, für den Fall, dass sich noch Rückfragen ergeben würden. Ebenso verfuhr sie auch auf der stabilen Brücke.

Nach dem Experiment riefen viele der Männer, die ihr in der aufregenden Situation auf der Hängerücke begegnet waren, an, hingegen kaum jemand von der robusten Fußgängerbrücke. Die Erklärung der Wissenschaftler dafür: Die schauklige Brücke versetzte auch die Männer innerlich in Wallung. In Auswirkung der physischen Gefahr schüttete ihr Körper Adrenalin aus. Dieser eng mit den Liebeshormonen Dopamin und Noradrenalin verwandte Botenstoff versetzte den Probanden einen gewissen Kick. Durch ihn fühlten sie sich eher zu der wartenden Schönheit auf der Brücke hingezogen.

Solche Ergebnisse sind mehr als bloß kuriose Nachrichten aus dem Labor. Sie bieten Erklärungsansätze dafür, warum sich beispielsweise Unfallopfer manchmal Hals über Kopf in ihre Retter verlieben. Die Wissenschaft hat zwei gängige Erklärungen dazu. Die erste legt zugrunde, dass eine aufregende Situation oder auch starke körperliche Anstrengung die Reaktion auf einen sexuell anziehenden Menschen erhöht. Man spricht dabei von der Response-Facilitation. Die zweite Erklärung: Körperliche Erregung wie beispielsweise nach Sport oder in einer aufregenden Situation, wie auf der Hängebrücke, wird von uns falsch interpretiert und irrigerweise als Verliebtheit gedeutet. Die Psychologie spricht dann von einer Fehlattribution.

Räumliche Nähe verstärkt Anziehungskraft

Für mehr Anziehungskraft sorgt jedoch daneben offenbar auch die räumliche Nähe zueinander. Eine Untersuchung in einem amerikanischen Studentenwohnheim ergab, dass die Bewohner sich eher miteinander befreundeten, wenn ihre Zimmer näher beieinander lagen. Bei diesem Experiment hatte man die Räume nach dem Zufallsprinzip unter den Bewohnern aufgeteilt. Das mag erklären, warum Freundschaften oder Beziehungen auf die Entfernung oft nicht gut funktionieren und auseinander gehen.

Denn je häufiger wir einen Menschen sehen, desto sympathischer finden wir ihn. Die Psychologie führt dieses Phänomen auf den sogenannten Mere-Exposure-Effekt zurück. Der legt zugrunde, dass unser Hirn das leichter verarbeiten kann, was uns vertraut ist. Bekanntes wird als belohnend empfunden.

Ebenfalls mehr als eine Äußerlichkeit: Es kann vorteilhaft sein, wenn Paare morgens in dieselbe Richtung fahren, um zur Arbeit zu kommen. Zwei Untersuchungen in den USA und in Hongkong kamen zu dem Schluss, dass sich das auf die Zufriedenheit der Paare auswirkt. Sogar für das Experiment zufällig zusammengewürfelte Paare übten eine größere Anziehungskraft aufeinander aus, wenn die experimentale Aufgabe sie in die gleiche Richtung führte. Ähnlich wie bei den wackelnden Stühlen stellen die Wissenschaftler auch hier eine gewisse metaphorische Assoziation fest.

 
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