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Wissenschaftlich bestätigt
Warum Freunde so wichtig sind

Warum Freunde so wichtig sind
Freunde helfen in psychischen Krisen und sind für manche wichtiger als Partnerschaften. (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/loreanto
Düsseldorf. Wenn alles schief geht, dann sind Freunde die rettende Insel. Sie helfen nicht nur bei Umzügen und beim Seelentrösten. Sie tun auch der Gesundheit gut. Manchmal mehr, als es manche Pille könnte. Von Tanja Walter

Schon morgens Geheule bei der Tochter, weil die Haare ziepen beim kämmen. Dann Termin beim Arzt – Blutwerte sind nicht toll. Anschließend ins Büro - ein wichtiges Meeting vergessen. Bis Mittag ist der Pegel bedrohlich nah an der Höchstmarke. Jetzt mit einer Freundin reden zu können, das scheint wie eine Erlösung.

Stress, Seelenknick oder erdrückender Alltag - immer wenn wir an solchen Punkten beginnen, Endlosschleifen zu drehen, die uns herunterziehen, könnte ein einziger die Sache zum Guten wenden: ein Freund. Er ist dann wie ein Geschenk des Himmels. Zufällig zu uns geführt. Oft begleitet er uns über viele biografische Stationen. Schaut von außen auf unser Leben. Darum kennt er uns unglaublich gut, schaut unvoreingenommener und direkter mitten in unsere Seele. Ganz anders als es ein Liebespartner. Denn Freundschaft ist frei von den Alltagszwängen, denen Partnerschaften unterliegen, sagt Soziologin und Freundschaftsforscherin Julia Hahmann von der Universität Vechta.

Das Erstaunliche: Freundschaftliche Verbindungen funktionieren, obwohl sie nicht mehr als unverbindliche Bindungen sind, sagt Philosoph und Kurator Daniel Tyradellis. Niemals hat man die Sicherheit, dass Freundschaft auch am nächsten Tag noch Bestand haben wird. Und doch verlässt man sich darauf.

Freundschaft ist zwangloser als Liebesbeziehungen

Für eine Ausstellung zum Thema Freundschaft sprach Tyradellis mit vielen Menschen über ihre Sicht auf diese besondere Verbindung und das, was sie ihnen bedeutet. Anderthalb Jahre forschte er dazu. Danach ist für ihn klar: Freundschaft ist der tiefste Ausdruck von Verbindung. Tiefer als familiär gegebene Bande, zwangloser als Liebesbeziehungen.

Unter Freundschaft versteht jeder etwas anderes. Für die Forschung ist das ein Problem. Denn sie braucht, was Freundschaft per se erst einmal nicht braucht: eine bewusste Definition und empirisch überprüfbare Daten.

Das ist nicht leicht. Dennoch ist es den Experten gelungen, einige der Wurzeln freizulegen. Diese beschreibt Hahmann so: Freundschaft ist eine Zweierbeziehung, jedoch nicht exklusiv, denn jedem steht es frei, mehrere Freunde zu haben. Sie ergibt sich zwanglos und zufällig und kommt ganz liberal und frei daher. Sie besteht nicht erst nach einem Jahr der Zusammengehörigkeit, läuft nicht automatisch nach drei Jahren aus und verlangt nicht nach mehrmaligen Treffen in der Woche. Ihre Ausgestaltung ist den Beteiligten selbst überlassen. Freundschaft ist nicht vertraglich zugesichert oder durch Rechtswerke geregelt. Als einzige Beziehungsform übrigens.

Freunde sind kritisch, aber dennoch solidarisch. Sie müssen den neuen Schwarm der besten Freundin nicht selbst für den Traummann halten und geben doch Rat, wie man ihn erobern könnte. Das gibt ihr den Raum für Reflexion ohne Vorbehalte, sagt Tyradellis. In der Not springt der Freund als Seelentröster ein – mal am Tresen, mal im Kuschel-Deckenlager im Wohnzimmer. So ersetzt er nach Meinung des Bielefelder Männertherapeuten Björn Süfke im Notfall auch mal einen Therapeuten, sagt er in einem Interview in der Zeitschrift "Psychologie heute". Tatsächlich sind sie oftmals in Krisensituationen die erste Anlaufstelle vor dem Therapeuten.

Liebe in der Krise - Siegeszug für die Freundschaft

Freunde als Rettungsanker und Ratgeber - gerade in Zeiten von Kurzzeitbeziehungen, Kleinfamilien, durch die Welt verstreuten Familienbanden und einer zunehmenden Zahl von Singlehaushalten tritt die altgediente Freundschaft einen neuen Siegeszug an, meint Philosoph Tyradellis. Weil der Begriff der Liebe in der Krise sei, ersetze Freundschaft diese oftmals. Diesen Trend beobachtet auch die Beziehungssoziologin. Man feiert Weihnachten zusammen oder fährt gemeinsam in Urlaub. Freundschaft ist nicht das, was neben Familie oder Partnerschaft übrig bleibt. Manchmal wird sie gelebt bis zur letzten Konsequenz: "Man lebt zusammen, übernimmt die Pflege des Freundes oder steht finanziell für ihn ein", sagt Hahmann.

Warum kann das so funktionieren? Weil diese besondere Zweierbeziehung in emotionalen Dingen ein guter Ersatz für die Familie ist, sagt Tyradellis. Der Unterschied: Familie sucht sich niemand aus. "Nur, weil jemand mein Bruder ist, heißt das nicht automatisch, dass er emotional für mich da ist." Aus diesem Grund können Freundschaften sogar wichtiger als die Bande der Familie sein, stellt Psychologe und Studienautor William J. Chopik von der Michigan State University nach der Datenauswertung von mehr als 270.000 Menschen aus fast 100 Ländern fest.

Freunde machen ruhiger und dämpfen Schmerzen

Solche sozialen Bindungen steigern das Wohlbefinden insgesamt und sorgen für mehr Zufriedenheit, sagt Hahmann. Alltagsprobleme schrumpfen vom Elefanten auf die Größe einer Mücke, steht einem ein Freund zur Seite. In Prüfungssituationen zum Beispiel macht ruhiger und sicherer, belegen Studien. Freunde sind zudem, so zeigt es die Forschung, ein wahrer Selbstwert-Booster. Voraussetzung: man fühlt sich beim Treffen der Freunde wohl und geborgen. Dann aber strahlt eine solche Begegnung mit Freunden positiv in den ganzen Tag.

Wer enge freundschaftliche Bindungen hat, ist zudem weniger schmerzempfindlich. Freunde wirken sogar besser gegen Schmerzen als Morphin. Verantwortlich ist dafür die natürliche Ausschüttung von Endorphinen. Sie gelten als körpereigene Schmerzkiller und sorgen für Wohlgefühle. So minimiert sich sogar das Risiko für Depressionen.

Auch Freundschaft bringt Hormone in Aktion

Händchenhalten bei Liebeskummer oder aufmunterndes Schulterklopfen, wenn es im Job schlecht läuft. Nimmt einen ein Freund zur Begrüßung oder in schweren Stunden in den Arm, schüttet der Körper das Bindungshormon Oxytocin aus. Die Wirkung solcher Berührung ist grandios: Sie stärkt nicht nur die Bindung innerhalb der Freundschaft, auch der Blutdruck sinkt. Stress nimmt ab. "Man wird ruhiger und entspannter", sagt Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors der Universität Leipzig. Das bestätigte auch eine kanadische Studie mit rund 25.000 Menschen. Sie fühlten sich vor allem dann gesünder, wenn sie persönlichen Kontakt zu ihren Freunden hatten, mit ihnen telefonierten oder chatteten.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, wie wichtig Berührungen sind und was sie im Körper auslösen, lesen Sie hier weiter.

Neben solchen psychischen Effekten lassen sich jede Menge positive Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit zeigen: Freunde verringern das Risiko für Herz-Kreislauf- und sogar Krebserkrankungen und lassen uns insgesamt gesünder dastehen als isoliert lebende Menschen. Bei schweren Krankheiten helfen sie uns dabei, schneller wieder auf die Beine zu kommen, fand der Psychologe John Cacioppo von der University of Chicago heraus. Freundschaft hat dabei eine heilende, aber auch eine prophylaktische Wirkung. So gibt eine australische Studie Hinweise darauf, dass Menschen mit starken sozialen Vernetzungen länger leben. Das Pflegen von Freundschaften zählt als eine Art Vorsorgemaßnahme zum Schutz vor dementiellen Erkrankungen. Denn diese fordern uns immer wieder neu und auf andere Weise heraus und halten darum das Hirn fit.

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Lebenslanges Bedürfnis nach vielen Verbindungen

Darum ist Freundschaft eines der wichtigsten Themen im Leben. Es beschäftigte die meisten Menschen bis zu ihrem Lebensende. Wie sehr, schildert die australische Künstlerin Bronnie Ware nach achtjähriger Pflegetätigkeit auf einer Palliativstation. Zwei der fünf häufigsten Aussagen Sterbender beschäftigen sich mit dem Phänomen. In ihrem Buch "Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" schrieb sie diese auf: "Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben" und "Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freunde gegönnt."

Das zeigt: Freundschaften zählen neben Partnerschaften zu den großen Lebensbünden. Wie wichtig sie den meisten sind, wird deutlich, wenn man Menschen nach der Größe ihres Freundeskreises fragt. "Viele behaupten, eine große Zahl an Freunden zu haben. Aber im Verlauf eines Gesprächs darüber schrumpft sie meist immer mehr", sagt Daniel Tyradellis. Durchschnittlich seien es nicht mehr als fünf echte Freundschaften im Leben. "Fast so viele wie Sexbeziehungen - da sind es 6,5."

Was bei Liebesbeziehungen undenkbar ist, ist bei Freundschaften jedoch oft selbstverständlich: Selbst nach langer Abstinenz kann man sie meist problemlos reaktivieren. Vor allem in Krisenzeiten ist das eine unerschütterliche Gewissheit, die viele bereits selbst erfahren durften. Oft läuft ein erster Kontakt zu alten Freunden über die sozialen Netzwerke. Und das, obwohl diese mit umfangreichen virtuellen "Freundesammlungen" eigentlich den Begriff persiflieren. Alle Male zeigt sich in unendlichen Freundelisten jedoch das Bedürfnis nach Verbindung mit anderen Menschen, sagt Hahmann. Wir sind auf soziale Beziehungen angewiesen. Ohne sie könnten wir nicht existieren.

Enge Freunde lassen unendliche Wege kürzer aussehen und helfen, unüberwindbare Hindernisse doch zu bezwingen. Dieses Bild bauten Forscher in einem Experiment nach. Dafür schnallten sie einer Gruppe von Studenten der University of Virginia einen schweren Rucksack auf den Rücken und stellten sie vor einen Berg. Dann sollte sie schätzen, wie steil der Berg ist. Eine Gruppe tat das alleine, eine mit einem Freund an der Seite. Letztere schätzen die Erhebung als weniger steil ein als diejenigen, die alleine da standen. Doch auch die Dauer der Beziehung spielte eine Rolle: Je länger sie den Freund kannten, desto flacher erschien ihnen der Berg.

 
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