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Psychologie
Warum lügen Menschen eigentlich?

Lügen - zwischen Laster und Krankheit
Lügen - zwischen Laster und Krankheit FOTO: Ferl
Düsseldorf . Zwei Mal pro Tag lügt der Mensch laut Statistik. Doch warum? Der eine will seinen Kopf retten, der andere will besser dastehen. Bei manchen ist das Lügen sogar Zwang.   Von Wolfram Goertz

Sie zählt ohne Frage zu den wichtigsten Notunterkünften der menschlichen Psyche. Wir suchen sie auf, wenn wir nicht weiter wissen, und wir ruhen uns bei ihr aus, um uns Vorteile zu erschleichen oder um Vorwürfe zu entkräften. Die Lüge hilft uns, für kurze Zeit das Ruhekissen aufzuschütteln. Aber nicht selten bleibt sie eine Erbse in unserem Gewissen, ein Plagegeist, ein Dorn, der an uns nagt und uns zwickt. Jeder Gelegenheitslügner wird von Reue geplagt oder von der Angst, überführt zu werden. Die Tatsache, dass sie ihren Lebenslauf retuschiert hat, wurde für die SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz zum Problem, das die Wucht einer Erblast erlangte. Als alles aufflog, kam sie in psychologische Behandlung. Die Enttarnung und die Konsequenz, mit der man sie für ihre Lügen bestrafte, aus deren Fängen sie selbst nicht herausgefunden hatte, besaßen etwas Zerstörerisches.

200 Lügen pro Tag – statistisch auch nur eine gute Erfindung

Die Statistik der Lüge ist selbst geeignet, eine solche genannt zu werden. Die Zahl, dass jeder Mensch pro Tag etwa 200 Mal lügt, ist eine Chimäre, pure Fantasie. Freundlich gesagt: Sie ist gut erfunden. Zwar jammerte der Philosoph Friedrich Nietzsche: "Die Menschen lügen unsäglich oft." Die Wissenschaft hingegen glaubt, dass jeder Mensch im Schnitt zwei Mal am Tag durch eine (Not-)Lüge den Kopf aus der Schlinge zieht oder ein bisschen besser dasteht als zuvor.

Dabei ist die Lüge ein weites Feld. Wir sollten sie von der guten Erfindung, der Fiktionalität, der schweifenden Fantasie trennen, vielleicht auch von der Flunkerei, obwohl: Was unwahr ist, muss unwahr genannt werden. Karl May hat die Regionen nie besucht, über die er so flammend geschrieben hat; daraus wird niemand einen Strick drehen, an dem er oder seine Figuren hängen müssten. Aber selbst wenn er ein begnadeter Erfinder war, darf er zugleich Hochstapler und Bluffer genannt werden. Allein literarisch lassen sich bei May diverse Delikte finden, die – etwa seine Plagiate – in den Bereich von Lüge und Betrug reichen. Und wie kam es dazu? Mehr als viele andere Schriftsteller musste May Missachtung und das Gefühl der Minderwertigkeit kompensieren. Seine Kindheit war die eines Kleinkriminellen gewesen – als Junge armer Leute, der auf die schiefe Bahn geraten war und sie dann lebenslang für gangbar hielt.

Thomas Manns Phänomen der "Wahrheitsunlust"

Thomas Mann, dem oft der Vorwurf einer ungewöhnlichen Blendkraft gemacht wurde, hat in seinem literarischen Werk den Lügnern und Verdrehern hinreißend Raum gegeben. Über den Hochstapler Felix Krull muss man gar nicht reden, der ja etwas unendlich Charmantes besaß (eine Eigenschaft, die an gewohnheitsmäßigen Lügnern klebt wie eine zweite Haut). Seinem Hans Castorp, dem merkwürdigen Helden im "Zauberberg", attestierte Mann eine gewisse "Wahrheitsunlust". Kannte er sie von sich selbst? Voilà: Sucht man nur lange genug, findet man bei jedem zweiten Geisteskopf etliche Finten, Zinken, Fallen, Verdrehungen, die nicht nur ihre Kunst betrafen – bei Johann Wolfgang von Goethe, bei Wolfgang Amadeus Mozart, bei Vincent van Gogh, bei René Magritte. Sie waren berufsmäßige Fachleute für Fakes.

Schlimmer wiegen Lügen bei den Menschen, die über unser Wohl und Wehe entscheiden. Der eine fürchtete um seinen guten Ruf (Bill Clinton), der andere um seine politische Glaubwürdigkeit (Richard Nixon). Bei ihnen wurde die Lüge irgendwann durchschaut, und das Volk und die Gerichte sprachen ihre Urteile. Nixon ging nach Watergate als gebrochener Mann davon. Clinton überwand den Schrecken, weil er sich wie Krull in einer schlüpfrigen Situation eines gewissen Grundverständnisses der Öffentlichkeit sicher sein konnte. Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, wählte 1961 die Täuschungskraft der Lüge, um die Staatsräson der DDR und das Unternehmen Mauerbau zu schützen, das zwei Monate später, am 13. August, über Nacht begann. Der Erste, der das Wort "Mauer" wählte, die angeblich niemand errichten wollte, war Ulbricht selbst.

Hätte der Lügendetektor bei Walter Ulbricht angeschlagen?

Hätte Ulbricht unter einem Lügendetektor die Unwahrheit zu erkennen gegeben? Das mag sein, denn die Verfechter des Lügendetektors waren stets der Meinung, dass niemand so abgebrüht sein könne, dass er bei einer vorsätzlich vorgebrachten Lüge nicht doch seine Nervosität zu erkennen gibt – durch veränderte Herz-Kreislaufwerte, durch Schwitzen oder durch Zittern. Ulbricht, das weist das Protokoll seiner Behauptung von damals nach, druckste offenbar herum. Bei dieser Gelegenheit: Auch das Staatspublikum von heute ist sich sicher, dass ihm die Politiker jeden zweiten Tag "Lügenmärchen" auftischen, die bar jeder Glaubwürdigkeit und Verortung in der Realität gute Stimmung machen – zum Wählerfang.

Andererseits sind Lügendetektoren unzuverlässig und ethisch nicht verwertbar, denn sie bedingen die Mitwirkung eines Beschuldigten, den ein Richter in einem ordentlichen Verfahren ja mit externen und unabhängigen Mitteln überführen müsste. Die moderne Neurowissenschaft vertraut eher auf den Gehirnscanner, der in der Kernspintomografie nachweist, dass im Kopf beim Lügen gewisse Areale (etwa der Frontal- und der Scheitellappen) besonders durchblutet sind – gemäß der Gewissheit, dass Lügen ein überaus komplexer Vorgang ist. Und fraglos strengt ein Lügner das Gehirn stärker an, als wenn jemand unbedarft die Wahrheit sagt. Professionelle Schwindler, die sich ihre getürkte Wahrheit lange genug zurechtgelegt haben, können aber auch das MRT überlisten – denn dann wird die Lüge nicht aktuell erfunden, sondern ordnungsgemäß aus den Gedächtnisbereichen des Gehirns abgerufen.

Lügen als Ausdruck einer psychischen Störung

In der (forensischen) Psychiatrie ist der Lügner ein guter Bekannter, doch wird ihr bisweilen der Fall begegnen, dass einer auf Teufel komm raus lügt, obwohl er es gar nicht müsste. Damit sind nicht jene armen Menschen gemeint, die am Münchhausen-Syndrom leiden: Sie erfinden schwere Krankheiten, damit Ärzte sich hingebungsvoll um sie kümmern. Sobald die Mediziner übrigens große Diagnostik machen wollen, nehmen die Schwindler Reißaus. Meistens neigen die Münchhausen-Fälle auch zur Selbstverletzung, wie man sie bei Borderline-Patienten findet.

Ein vielschichtigeres Krankheitsbild ist vielmehr die Pseudologica phantastica, eine psychische Störung von zuweilen fulminanter Tragweite. Wer von ihr betroffen ist, der lügt, weil er nicht anders kann. Pseudologen sind nicht im herkömmlichen Sinn verwahrlost, im Gegenteil: Es handelt sich oft um überaus gebildete, indes krankhaft geltungssüchtige Menschen, die mit erfundenen Geschichten glänzen und vom Staunen ihrer Hörer aufgewertet werden wollen.

Pseudologen sind mithin exzellente Verkäufer, die ihre Umgebung mit artistisch konstruierten Lügen wie in einen Kokon der Unwahrheit einspinnen. Der Berliner Psychiater Hans Stoffels, Experte für Pseudologie, das krankhafte Lügen, weist darauf hin, dass Pseudologen zwingend ein Bündnis mit ihrem Publikum eingehen: "Von ihm wird er ja bewundert oder bemitleidet." Dabei fallen die Lügen oft drastisch, aber überzeugend aus, nach dem Motto: Das denkt sich kein Mensch aus! Bekannt sind Fälle von Pseudologen, die niemals Häftling in einem Konzentrationslager oder nicht am 11. September 2001 überlebender Besucher des World Trade Center waren, obwohl sie es behaupteten.

Die Behandlung von Pseudologen scheitert oft daran, dass sie kaum zu einer Behandlung zu bewegen sind; sie fürchten, einer könne ihnen in die Karten sehen. Der Mönchengladbacher Psychiater Jürgen Vieten hält es für wichtig, dass der Therapeut dem Patienten mit "Wertschätzung" begegnet und ihn davon überzeugt, dass sein Verhalten nichts anderes ist als ein unbewusster, endloser Schrei nach Anerkennung und Liebe. Diese Therapie muss "stabil" und auf "tiefenpsychologischer Basis" (Vieten) stattfinden – und sie braucht viel Zeit.

Seinen letzten Vortrag kurz vor seinem Tod hielt der Bluffer Karl May am 22. März 1912 in Wien zum Thema "Empor ins Reich der Edelmenschen!". Auch hierzu hatte sich May etliche Gedanken und Thesen von anderen Urhebern geklaut. Im Publikum saß immerhin ein überaus aufnahmebereiter Zuhörer: Es war der 22-jährige Adolf Hitler.

 

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