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Psychologie
Warum Sie öfter auf Ihr Bauchgefühl vertrauen sollten

Warum Sie öfter auf Ihr Bauchgefühl vertrauen sollten
Oftmals sind intuitive Entscheidungen besser als analytische. FOTO: shutterstock/Sergey Nivens
Berlin. In einer wichtigen Lebenslage aus dem Bauch heraus zu entscheiden, halten viele für unüberlegt und riskant. Dabei sind solche intuitiven Entscheidungen laut Forschern oft sogar besser als analytisches Abwägen. Warum Sie öfter auf Ihre innere Stimme hören sollten, lesen Sie hier. Von Tanja Walter

Ihr Chef hat Ihnen eine Beförderung angeboten: Sie können sich mit größerer Verantwortung in einem vollkommen neuen Bereich austoben, und wenn es nach einem halben Jahr gut läuft, gibt es sogar mehr Geld. Eigentlich klingt das gut, doch aus irgendeinem Grund sagt der Bauch "nein". Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Sie nehmen sich ein Blatt Papier und einen Stift, ziehen in der Mitte des Blattes eine Linie und überschreiben die zwei entstandenen Spalten mit Pro und Contra. Nun listen Sie Gründe dafür und dagegen auf, die Sie im nächsten Schritt gewichten und sich mögliche Konsequenzen klar machen. Am Ende treffen Sie Ihre Entscheidung.
     
  2. Oder: Sie horchen kurz in sich hinein, spüren ein unbehagliches Gefühl in der Magengrube und entscheiden sich dagegen. Ohne Grund. Einfach so, weil der Bauch davon abrät.

Die meisten Menschen halten Lösungsmöglichkeit Nummer eins für die bessere. Sie orientiert sich an nachvollziehbaren Kriterien und packt das Problem analytisch bei der Wurzel. "Bauchentscheidungen hingegen werden schnell getroffen, und die Gründe für unsere Entscheidung bleiben unbewusst", sagt Gerd Gigerenzer, Intuitionsforscher und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Darum sind sie oft verpönt.

Bauchgefühl bei schnellen Entscheidungen besser

Zu Unrecht, sagen Wissenschaftler wie Carol Salvi von der Northwestern University. Sie ließ für Probanden in einer aktuellen Studie unter Zeitdruck zwischen 50 und 180 Denkaufgaben unterschiedlicher Kategorien lösen. Mit dabei waren Puzzle- aber auch Wortfindungsaufgaben. Im Anschluss daran mussten die Teilnehmer angeben, ob sie die Aufgaben durch analytisches Denken oder nach Bauchgefühl gelöst hatten.

Das Ergebnis: Diejenigen, die sich auf ihr Bauchgefühl verlassen hatten, lagen häufiger richtig als die systematischen Denker. Bei den Wortfindungstests präsentierten sie zu 94 Prozent das richtige Ergebnis, die Gegenseite nur bei 78 Prozent. Bei Puzzelaufgaben hatte das Bauchgefühl in 78 Prozent der Fälle zum richtigen Ergebnis geführt, bei den angestrengten Denkern dagegen nur in 42 Prozent der Fälle.

Wie kann das sein? Wo kommt die richtige Eingebung her? "Aus der Erfahrung", sagt Gerd Girgerenzer. "Erfahrene Experten entscheiden oft intuitiv. Je mehr Erfahrung man hat, desto besser kann man intuitiv entscheiden." Dem Grund dafür sind auch Kognitionsforscher auf den Spuren. Sie machen unzählige Sinneswahrnehmungen aus, die selbst dann auf uns hereinprasseln, wenn wir nichts tun: die müden Augen am Abend, das in die Wohnung fallende warme Sonnenlicht, das Knarzen der Holzdielen, die kuschelige Jacke auf der Haut, den Duft der Bratkartoffeln, die nebenan vor sich hinbruzzeln – all diese Informationen verarbeitet und speichert das Gehirn, ohne dass man sich bewusst darauf einlassen müsste. Hinzu kommt das über Jahre hinweg angelernte Wissen.

In dem Moment, in dem eine plötzliche Entscheidung ansteht, steht dieser unbewusste Wissenspool offen und liefert auf Knopfdruck eine Art gefühltes Wissen. Das heißt: "Es erscheint im Bewusstsein, ohne dass man die tieferen Gründe dafür kennt" sagt Gigerenzer. Das nutzen Manager international führender Technologieunternehmen laut einer Umfrage, die der Max-Planck-Forscher anonymisiert hat, bei der Hälfte ihrer Entscheidungen.

Sportliche Erfolge ohne Intuition nicht möglich

Wie perfekt das intuitive System funktioniert, zeigt sich exemplarisch im Sport. Denn gerade dort müssen Entscheidungen schnell erfolgen. "Ein Fußballer schießt ein unglaubliches Tor. Nach dem Spiel fragt ihn sein Trainer "Wie hast du das gemacht?" Er wird es wahrscheinlich nicht erklären können, denn er hat sich in dem Moment des Schusses intuitiv dafür entschieden", sagt Gerd Gigerenzer. Die einzig mögliche Entscheidung in einer Situation, in der ein Ball mit über 100 Stundenkilometern übers Feld schießt.

Wie gut das funktioniert, zeigt auch ein Experiment des amerikanischen Psychologen Bruce D. Burns. Er wertete 120 Partien von Schachprofis aus, die ihre Züge in nur siebeneinhalb Sekunden tun mussten. Es zeigte sich: Sie spielten ebenso gut wie in Spielen, in denen man ihnen unbegrenzt Zeit ließ.

Wem Intuition hilft und wem nicht

Doch sollte man die Intuition nicht aus Bequemlichkeit statt des analytischen Entscheidens einsetzen. Denn beides hat seine Berechtigung. Wenn Situationen einen nicht vorhersehbaren, unklaren Ausgang nehmen, ist die Intuition Gold wert. Ebenso komme man bei innovativer, kreativer und forschender Arbeit kaum ohne die Eingebung von innen aus. "Einem Buchhalter oder Richter kann man hingegen nicht raten immer nur intuitiv zu arbeiten", sagt der Experte des Max-Planck-Instituts.

Wer zwischen Alternativen wählen muss – wie zum Beispiel bei der Entscheidung zwischen zwei möglichen Lebenspartnern –  und seine innere Stimme nicht hören kann, dem kann laut Gigerenzer vielleicht ein Trick helfen: "Werfen Sie eine Münze. Während sie sich in der Luft dreht, werden Sie wahrscheinlich spüren, welche Seite nicht nach oben kommen soll. Dann brauchen Sie sich das Ergebnis auch nicht mehr ansehen."

Einen Fehler sollte man jedoch nie machen, warnt der Berliner Experte: über Intuitives nachdenken. "Wenn Männer eine Krawatte binden, tun sie es irgendwann automatisch, also intuitiv. Denken sie nun darüber nach wie sie es machen, funktioniert es nicht mehr so gut."

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