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Psychologie
Warum Sie ruhig mal wieder zum Kuscheltier greifen sollten

Psychologie: Warum Sie ruhig mal wieder zum Kuscheltier greifen sollten
Ein Mann hält traurig einen Kuschelbären. (Symboldbild) FOTO: Shutterstock/iophoto
Düsseldorf. Wenn es draußen ungemütlich wird und drinnen das Kaminfeuer prasselt, dann ist es Zeit zum Kuscheln - zum Beispiel mit einem Kuscheltier. Warum das nicht nur für Kinder eine gute Idee ist, sondern auch der Erwachsenenseele gut tut, lesen Sie hier. Von Tanja Walter

Hasen, Schafe, Affen und Monster – vergessen liegen die Kuscheltiere unserer Kindheitstage irgendwann auf Speichern, in Kisten auf dem Kleiderschrank oder manchmal sogar noch bei den Eltern. Bären mit hängenden Köpfen, Hunde mit am seidenen Faden hängenden Knopfaugen oder andersartige Trösterchen. Manchmal bis zur Unkenntlichkeit zerliebt. Selbst bei Erwachsenen haben Stofftiere noch einen Platz im Leben. Als Erinnerungen oder Talisman. Nicht ohne Grund, sagen Psychologen. Denn Kuscheltiere sind weit mehr als nur nett anzuschauen.

Sie fordern Klein wie Groß geradewegs dazu heraus, sie anzufassen und an sich zu drücken. Aber warum eigentlich? Es sind unsere Sinne, die uns unbewusst dazu bringen. "Denn Kuscheltiere entsprechen in ihrem Aussehen dem Kindchenschema", sagt Markus Kiefer, Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Uniklinikums Ulm. Große Kulleraugen, ein rundes Gesicht, ein proportional gesehen großer Kopf – all das sind Merkmale, die uns emotional ansprechen. Dieses Instinktverhalten spielt bei der Gefühlsbindung von Eltern an ihre Kinder eine große Rolle und funktioniert auch beim Plüschtier.

Kuschelmomente lassen uns zurückerinnern

Ebenso beeinflusst uns angenehme Haptik – also die Fühleigenschaften – von Schmusetieren unbewusst. Der Tastsinn ist der erste Sinn, der sich bereits in der sechsten Woche im Mutterleib ausprägt", sagt Psychologe und Psychotherapeut Klaus Gehling. Tritt etwas über die Haut mit uns in Kontakt, fühlen wir uns geborgen und mit unserer frühsten Zeit verbunden. "Was uns emotional früh prägt, das behalten wir."

Das kann bis ins späte Alter von Nutzen sein. Beim Einsatz von mit Plüschfell überzogenen Tierrobotern in der Altenpflege gelingt es manchmal, durch diese Mechanismen auf wortlose Art mit Dementen in Verbindung zu treten und emotional Türen zu öffnen.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, welche Erfahrungen man mit dem Einsatz kuscheliger Tierroboter in der Pflege gemacht hat, lesen Sie hier weiter.

Was uns ein Kuscheltier geben kann

Wie eng Kuscheltiere und Emotionen verbunden sind, sieht man am leichtesten bei Kindern: Nicht nur die Peanuts-Figur Linus schleppt seine Kuscheldecke ständig mit sich umher. Auch beim echten Nachwuchs ist ein Ausflug ohne den Kuschelbär oft nicht denkbar. Das Übernachten beim Freund ohne Schmusetiger – unmöglich. Der Grund: Stofftiere simulieren Nähe, Wärme und Geborgenheit – Grundbedürfnisse in unserem Leben.

Irgendwann ist es im Leben eines Menschen jedoch Zeit, auf eigenen Beinen zu stehen. Kuscheltiere sind Begleiter auf diesem Weg. "Sie helfen Kindern, sich von den Eltern abzunabeln", sagt Psychologe und Psychotherapeut Klaus Gehling. Es tritt an ihre Stelle und helfe tröstend über schwierige Situationen hinweg. "Übergangsobjekt" nennt die Psychologie das. Irgendwann auf dem Weg zum Erwachsenwerden verliert sich die Notwendigkeit, Eltern oder ersatzweise den Plüschfreund zum Beruhigen in greifbarer Nähe zu haben.

Wenn Schmusen zum Mr. Bean-Effekt wird

Nicht immer ist das allerdings so. Markus Kiefer und sein Team beobachteten, dass Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig viele Kuscheltiere um sich herum haben. Sie untersuchten das Phänomen wissenschaftlich und kamen zu dem Schluss: "Sie helfen den Betroffenen dabei, ihre Gefühle zu regulieren." Vor allem bei Patientinnen mit ausgeprägten Bindungsängsten oder Depressionen haben eine besonders starke Bindung zu Kuscheltieren.

So auch in Fällen, in denen das Kuscheltier in einer Paarbeziehung einen festen Platz hat und wie selbstverständlich abends im Bett in der Ritze liegt. Nicht möglich? Doch, sagt Klaus Gehling und beschreibt den Fall eines verzweifelten Ehemannes, der unter der wachsenden Zahl von Stofftieren im Bett irgendwann neben seiner Frau kaum mehr einen Platz fand. Sie lebte ihre Beziehung statt mit ihrem Mann mit den Stofftieren. Ein Hilferuf.

Gehling nennt es auch den "Mr. Bean-Effekt". Als witzig-infantiler Filmcharakter spielt in den Mr. Bean-Filmen oftmals ein Strick-Teddy eine Hauptrolle. Sein Teddy ersetzt dann eine menschliche Beziehung und verhindert den Kontakt zu realen Personen.

Kuscheln gegen die Einsamkeit

Das aber heißt wiederum gar nicht, dass nicht auch Erwachsene hin und wieder zu Plüsch-Begleitern greifen dürfen. Wem es gut tut, in einer belastenden oder ausweglos scheinenden Situation in ein Stofftier zu weinen oder sich kuschelig mit ihm im Arm vor den Kamin zu setzen, der müsse kein schlechtes Gewissen haben, sagt Gehling. Es könne zum Beispiel dabei helfen Einsamkeitsmomente zu überwinden.

Denn wohltuende Berührung setzt Endorphine frei. Sie bringen das Wohlgefühl zurück. Immunologische Studien konnten zudem zeigen, dass Kuscheln der Gesundheit auch in anderer Form nutzt: Entzündungen gehen zurück und das Immunsystem stabilisiert sich.

Hier lesen Sie mehr über die Macht der Berührung.

So wie auch das Kramen in Erinnerungskisten, in denen der Begleiter aus Kindertagen lagert. Es spiegelt die eigene Geschichte wieder und ist eng verknüpft mit vergangenen Erlebnissen, sagt Kiefer. Schon der bloße Geruch kann tiefe Erinnerungen wecken und uns gut tun. Auch das ist kein Zufall, denn Gerüche sprechen die älteste Region im menschlichen Hirn an.

Sich an bestimmt Düfte zu erinnern, könne durch Krisen hindurch helfen. Nicht ohne Grund endet bei Kindern wohlgemeinter Ausflug des Kuscheltieres in die Waschmaschine oft mit Tränen. Der besondere Geruch ist ihnen so wichtig, weil wir laut Gehling nicht verändern wollen, was uns lieb und teuer ist. Dahinter steht eine Verlustangst: Die Sorge, dass es anders wird als vorher.

 
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