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Alltagspssychologie
Warum wir mit Ticketautomaten und Handys reden

Warum wir mit Ticketautomaten und Handys reden
Wutausbrüche vor Parkautomaten zeigen wie sehr wir dazu neigen, sie zu vermenschlichen. FOTO: Shutterstock/Stefano Cavoretto
Würzburg/Basel. Seinen Computer zu bitten, schneller hochzufahren, das Auto mit liebevollen Namen zu versehen oder dem Kaffeeautomaten mit schlimmen Schimpfwörtern zuzusetzen – von außen betrachtet sind das komische Szenen. Und doch tun wir es alle, was dahinter steckt, lesen Sie hier. Von Tanja Walter

Diese Situation kennen wir alle: Jemand, der einen Fahrschein ziehen möchte, wirft den nötigen Geldbetrag ein. Das Geld rattert zwar hörbar in die Automatenkasse, doch ein Fahrschein kommt nicht. Typisch ist jetzt der empörte Ausruf: "Der hat mein Geld gefressen!", gefolgt von Hämmern auf den Automaten und Beschimpfungen wie: "Doofes Ding! Das darf ja wohl nicht wahr sein!". Dr. Alexandre Tuch, Psychologe der Universität Basel, sagt: "Reflexartig behandeln wir das Gerät so, wie einen Menschen."

Wie wir leblose Geräte vermenschlichen

Es ist ein seltsames, doch keinesfalls seltenes Phänomen, das sich hinter dem Fachbegriff "Media Equation" verbirgt: Menschen neigen dazu, technisches Gerät zu vermenschlichen und so zu tun, als seien diese leblosen Gegenstände beseelt. Ihnen werden Emotionen zugesprochen, ein Mitdenken oder sogar boshaftes Verhalten unterstellt. Wie die Geschichte ausgeht, wissen wir alle: Leblose Gegenstände reagieren nicht auf das, was man ihnen sagt. Trotzdem bilden wir es uns ein.

"Es fällt uns oft nicht auf, weil wir es nicht hinterfragen. Aber wir tun es alle. Egal, wie alt wir sind oder ob wir männlich oder weiblich sind", sagt Medienpsychologin Dr. Astrid Carolus von der Universität Würzburg. Wir beschimpfen Ticketautomaten, obwohl wir wissen, dass der Automat nicht aus Böswilligkeit unser Geld verschluckt. "Dabei wenden wir Regeln an, die wir aus der menschlichen Interaktion kennen "die aber für Geräte nicht gelten", so Astrid Carolus. Verstärkt wird das durch den realen Eindruck, das Gerät interagiere mit uns. Beispiel: "Schaltet man eine Fotokamera an, leuchtet das Display auf. Es zeigt an, ob der Speicher noch Platz hat und der Akku voll ist", sagt Carolus. Auf unser Hirn wirkt das wie Kommunikation. Das sorgt dafür, dass in unserem Kopf ein Steinzeitprogramm startet, das menschliche Verhaltensmuster von vor 1,8 Millionen Jahren in Gang setzt.

Im Hirn startet ein Steinzeitprogramm

"Wenn in grauer Vorzeit etwas vor den Menschen trat, dann waren es andere Menschen oder Tiere. Diese hatten eine Absicht und kommunizierten oder signalisierten sie. Darauf reagierte das Hirn und steuerte eine passende menschliche Interaktion", erklärt die Würzburger Forscherin. In Zusammenhang mit Geräten erscheint es heute seltsam, doch wir sind es gewohnt, in dieser Weise zu kommunizieren und behandeln deshalb Geräte wie Menschen", sagt Tuch. "Da die Geräte wenn wir sie bedienen auf uns real wirken, können sie Emotionen auslösen", erläutert Carolus. Das ist nur darum möglich, weil unser Verhalten aus sozialen Grundbedürfnissen heraus erfolgt.

Drei Stanford-Professoren –Clifford Nass, Jonathan Steuer und Ellen Tauber – fanden heraus, wie weit das reichen kann: Sie ließen Probanden an einem Computer Aufgaben lösen. Danach sollten sie bewerten, wie gut der Computer sie dabei unterstützt hat. Das taten sie entweder an genau diesem Gerät oder an einem anderen. "Es zeigte sich, dass die Bewertungen, die an dem zuvor benutzten Gerät abgegeben wurden besser waren als in den Fällen, in denen sie an einem anderen Computer abgegeben wurden", sagt der Baseler Psychologe. Den Grund dafür nennt Tuch ebenfalls: "Die Probanden hatten ein schlechtes Gewissen, den Computer an dem sie gearbeitet haben, schlecht zu machen. Sie wollten die Gefühle des Computers nicht verletzen."

Bewegende Momente mit Smartphone und Computer

Der Umgang mit Geräten ist wie man sieht nicht in erster Linie auf Erwägungen des Verstandes zurückzuführen sind, sondern viel tiefer und emotionaler verwurzelt. Zeigt uns ein Computer nach einem Test Nachrichten an wie "Gut gemacht! Sie haben 23 Punkte erreicht", ist eine solche Sprachnachricht nachweislich dazu in der Lage das Selbstwertgefühl aufzupolieren. Zudem lässt es den Wunsch aufkeimen, mit diesem Gerät weiter zusammenarbeiten zu wollen. Das fanden 1996 die beiden amerikanischen Forscher Bryon Reeves und Clifford Nass heraus.

Warum wir unser Auto liebkosen und den Hammer nicht

Wer sich nun emotional per Kosenamen mit seinem Auto verbindet, der macht aus psychologischer Sicht jedoch noch etwas anderes: "Er personalisiert es", sagt Alexandre Tuch. "Ähnliches tun wir auch mit dem Smartphone, das wir gestalten und so zu unserem machen." Plüschige Sitzkissen im Auto oder mit Heavy-Metall-Aufklebern verzierte Karosserien wollen aber noch mehr: "Sie sind eine Form der Reputation. Wir stellen uns darin selbst nach außen dar", sagt Astrid Carolus und fährt fort: "Wenn jemand mit einem VW Beatle vorfährt, hat das eine andere Aussage als wenn jemand in einem tiefergelegten Manta daher kommt."

Um allerdings einen solchen Stellenwert einzunehmen, muss ein technisches Gerät eine gewisse Rangigkeit im Leben eines Menschen einnehmen. Es mag kaum jemanden geben, der seinen Hammer verziert oder ihn sogar beschimpft. Den Grund hierfür nennt Psychologe Tuch: "Er ist ein Werkzeug, ihm fehlt die Interaktivität."

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