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Pygmalion-Effekt
Was falsche Erwartungshaltung mit Kindern macht

Pygmalion-Effekt: Was falsche Erwartungshaltung mit Kindern macht
Wie gut Kinder in der Schule sind, hängt zu einem Teil von der Erwartungshaltung des Lehrers an sie ab. FOTO: Shutterstock/Anna Nahabed
Düsseldorf. Mädchen sind Mathe-Nieten und Jungen Kunst-Versager. Solche Einschätzungen kennen wir alle. Oft führen sie dazu, dass es genau so kommt. Pygmalion-Effekt nennt man dieses Phänomen. Die Folgen für Schule und Beruf sind schwerwiegend. Von Tanja Walter

Kennen Sie auch jemanden, dem alles nur so zufliegt? Oder ein Kind, das eigentlich gar nicht auf den Kopf gefallen ist, dem der Start in der Schule aber trotzdem Probleme bereitet hat? Sicher gibt es viele Ursachen dafür, warum das so sein kann. Einer der erstaunlichsten Gründe: Nicht nur die Intelligenz beeinflusst das Ergebnis, sondern auch das, was der Lehrer von einem denkt.

Hohe Erwartungshaltung steigerte IQ sozial schwacher Kinder

Stellen Sie sich einen beliebigen Erstklässler vor. Dem Klassenlehrer erzählen die Eltern, das Kind habe ein besonderes Potential, das sich jetzt mit Schulstart entfalten könne. Der Lehrer unterrichtet und fördert das Kind deshalb besonders und siehe da – ein Jahr später macht es einen IQ-Test und schneidet dabei deutlich besser ab, als noch ein Jahr zuvor. So geschehen bei einem Experiment in den USA, an dem 650 Schüler teilnahmen. 130 von ihnen verfügten angeblich über besondere Voraussetzungen.

Per Zufallsprinzip den IQ erhöht

Das Verwunderliche: Die Kinder waren an einer Grundschule mit vielen sozial schwachen Kindern nach dem Zufallsprinzip ausgesucht worden. Trotzdem erzielten die 130 herausragende Testergebnisse. Sie erzielten im Schnitt im IQ-Test zwölf Punkte mehr, während die anderen Kinder nur acht Punkte mehr schafften, so das Studienergebnis der beiden Sozialpsychologen Robert Rosenthal und Leonore Jacobson.

Das Experiment stammt aus dem Jahr 1965, einer Zeit, in der John F. Kennedy die Abschaffung der Diskriminierung bestimmter sozialer Gruppen in den USA zu seinem zentralen Wahlkampfthema gemacht hatte. Ein Sechstel der Grundschulkinder, die am Experiment teilnahmen, war mexikanischer Herkunft mit unterschiedlich guten Englischkenntnissen.

Die Erwartungshaltung der Lehrer hatte Einfluss auf die Intelligenzentwicklung der Kinder genommen.

Leistung ist durch Erwartung an die Person beeinflussbar

Inzwischen ist der Pygmalion- oder auch Rosenthal-Effekt, in verschiedenen Studien genauer untersucht worden. Fest steht, dass er tatsächlich existiert, wenn auch weniger ausgeprägt, als damals angenommen, sagt Begabungsforscherin Tanja Gabriele Baudson von der Technischen Universität Dortmund. "Zusammenfassende Analysen gehen davon aus, dass Schüler und Schülerinnen aus stigmatisierten Gruppen vermutlich besonders empfänglich für Lehrererwartungen sind", sagt sie. Inzwischen hat sich gezeigt, dass vor allem die Leistung und deutlich weniger die Intelligenz beeinflusst wird. Wenn der Lehrer das Kind noch kaum kennt, ist der Effekt am größten. Außerdem zu Beginn eines Schuljahres, wenn der Lehrer sich noch kein Urteil gebildet hat. Je jünger das Kind und je unerfahrener der Lehrer, desto deutlicher zeigt sich der Effekt. Am stärksten ist er zu Beginn eines Schuljahres, nach einem Schulwechsel.

Was läuft durch den Pygmalion-Effekt eigentlich anders?

Videoanalysen deckten auf, dass Wahrnehmung und Verhalten des Lehrers beeinflusst sind. Lehrkräfte mit positiven Erwartungen nehmen beim Schüler eher gute und weniger negative Verhaltensweisen wahr. "Sie verhalten sich dann diesen Kindern gegenüber positiver, sie lächeln sie häufiger an, haben mehr Augenkontakt und nehmen sie öfter im Unterricht dran", sagt Baudson. Kinder, von denen mehr erwartet wird, werden mehr gelobt, sie bekommen klarere Rückmeldungen auf ihr Tun. Lehrkräfte verhalten sich ihnen gegenüber insgesamt wohlwollender. Durch dieses Verhalten schaffen sie Lernbedingungen, die es diesen Kindern erlaubten, ihre Fähigkeiten optimal zu entfalten. Dadurch erzielen diese Schüler später die besseren Ergebnisse.

Auch im Job zeigt Effekt seine Wirkung

Überschätzungen wirken eher positiv, Unterschätzungen demoralisierend. Besonders groß sind die Effekte, wenn die Betroffenen aus benachteiligten oder stigmatisierten Gruppen kommen. Das ist auch im Job nicht anders, sagt die Wissenschaft. Wen der Chef für besonders pfiffig und qualifiziert hält, der bringt am Ende tatsächlich die besseren Leistungen und macht den Aufstieg im Unternehmen schneller als andere Kollegen.

Auch bei der Personalauswahl schleicht sich die beeinflussende Effekt ein: Vorinformationen über neue Mitarbeiter feuern laut Personalpsychologe Uwe Peter Kanning vor allem bei negativen Informationen an. Weiß beispielsweise der Vorgesetzte von angeblichen Schwächen bei der Konfliktfähigkeit eines neuen Mitarbeiters, bewertet er ihn in Rollenspielen gegenüber seinen Kollegen schlechter.

Hier macht sich das Phänomen bezahlt

Nutzen lässt sich der Effekt hingegen immer da, wo es Führungskräften gelingt, Visionen überzeugend zu vermitteln. Können sie Anforderungen gut kommunizieren und den Mitarbeitern deutlich machen, welch hohe Erwartungen man in sie setzt, kann das als Motivator für höhere Leistung bereits reichen. Doch Vorsicht: Das Prinzip funktioniert auch umgekehrt. Als Golem-Effekt bezeichnet man sinkende Leistung unter ein durchschnittliches Niveau, die durch geringe Erwartungen und fehlende Aufmerksamkeit in die Mitarbeiter hervorgerufen werden kann.

Für den Bereich Schule weiß man, dass auch sozioökonomische Faktoren die Lehrereinschätzung beeinflussen. Wie gut spricht ein Kind, wie gepflegt ist es, wie verhält es sich gegenüber anderen Schülern? All das gilt als Potenzial, das zu einer insgesamt positiven Einschätzung führen kann. "Diese Erwartungseffekte funktionieren vor allem deshalb so gut, weil die Einschätzung der Lehrer oft genug korrekt ist", sagt Baudson. Doch kennt sie auch Fälle, in denen sich die Lehrkraft ein falsches Bild vom Kind gemacht hat. In diesem Fall rät sie dazu, das Gespräch in der Schule zu suchen, auch wenn es harte Arbeit sein kann, ein solches Bild zu revidieren.

Einig sind sich Bildungsforscher wie auch Psychologen darin, dass die negativen Wirkungen des Pygmalion-Effekts sich nicht immer verhindern lassen. Wohl aber könne man sie durch kritisches Hinterfragen und Aufgeschlossenheit für weitere Informationen vermindern.

 
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