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Psychologie
Was Hochsensibilität für Betroffene bedeutet

Was Hochsensibilität für Betroffene bedeutet
FOTO: Shutterstock.com/ Nikki Zalewski
Dortmund. Wir sehen, hören, riechen, fühlen: Ununterbrochen sammeln die Sinne Informationen. Manche Menschen nehmen besonders intensiv wahr. Das ist manchmal ganz praktisch - und manchmal einfach nur noch zu viel.

Wenn er mit seinen Schulfreunden in die Disco ging, fand Michael Jack aus Dortmund das immer ausgesprochen anstrengend. "Ohne Ohrstöpsel habe ich es fünf Minuten ausgehalten, mit Ohrstöpseln auch nicht länger als 30 Minuten", erinnert er sich. Die laute Musik, das Stimmengewirr, die grellen Lichter waren ihm einfach zu viel. "Ich hatte immer das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt". Erst Jahre später bekommt das Gefühl einen Namen. Jack, mittlerweile Jura-Student, versuchte im Internet herauszufinden, warum ihn anstrengte, was seine Kommilitonen scheinbar mühelos auszuhalten schienen: Veranstaltungen mit vielen Menschen zum Beispiel oder Gespräche bei lauter Hintergrundmusik.

"Hochsensibilität" - das war der Begriff, auf den er bei seinen Recherchen stieß. Geprägt hat ihn die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron. 1997 veröffentlichte sie ihre erste Studie zu diesem Thema. Ihre Theorie: Bis zu 20 Prozent der Menschen nehmen Sinneseindrücke stärker und intensiver wahr als der Durchschnitt.

Konkret kann sich das auf ganz unterschiedliche Art und Weise äußern, sagt Diplom-Psychologin Hedi Friedrich aus Frankfurt. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und bietet unter anderem Gesprächskreise für Hochsensible an. Manchen wird es generell schnell zu laut, anderen fällt es schwer, im Großraumbüro die Geräusche der telefonierenden Kollegen auszublenden. Manche haben eine besonders empfindliche Nase, halten kratzige Kleidung auf der Haut nicht aus oder sind schmerzempfindlicher. Oft sind auch die Sinne für Signale geschärft, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind: "Viele Hochsensible haben ein sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, analysieren sich und andere sehr genau und werden für ihr Einfühlungsvermögen und ihr Mitgefühl geschätzt."

Hochsensibilität ist eine Wahrnehmungsbegabung, keine Krankheit, wie Friedrich betont. Die Konsequenzen der geschärften Sinne machten vielen Betroffenen allerdings zu schaffen: Ohne Erholungspausen ermüdet der dauernde Input Körper und Seele. Und wer Veranstaltungen mit vielen Menschen meidet, wird leicht zum Außenseiter.

"Man setzt sich ja selbst dauernd unter Druck und versucht, sich anzupassen. Dadurch gerät man in Situationen, die einem nicht gut tun", sagt Michael Jack. "Existenziell befreiend" sei es gewesen, zu erfahren, dass es einen Grund für das Gefühl des Unbehagens gibt "und dass ich Strategien dagegen entwickeln konnte". Das sind zum einen ausreichend Erholungspausen, um die Sinnesreize zu verarbeiten. Außerdem gerate er nicht mehr so schnell in eine "negative Feedback-Schleife": "Früher habe ich viel mehr darüber nachgedacht, warum mich ein bestimmter Reiz stört. Dadurch schaukelte sich die Irritation noch mehr hoch", erzählt er.

Der promovierte Jurist initiierte den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität und ist auch dessen Präsident. Neben Öffentlichkeitsarbeit geht es darum, Forschung zur Hochsensibilität anzustoßen und Wissenschaftler miteinander zu vernetzen. Denn zum Phänomen Hochsensibilität gibt es zwar mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern und einige Anlaufstellen für alle, die Beratung suchen - aber auch viele Stimmen, die von einer Trend-Diagnose ohne wissenschaftliche Basis sprechen. Dass Menschen Sinnesreize unterschiedlich verarbeiten und dass ein Übermaß an Eindrücken ermüdet, sei eine Binsenweisheit - und nicht mehr, lautet ihr Argument.

Anderen Menschen begreiflich zu machen, was Hochsensibilität bedeutet, sei nicht einfach, sagt Psychologin Friedrich: "Soll das heißen, dass ich unsensibel bin?", laute dann oft die Reaktion. Der Hochsensible werde schnell als dünnhäutig und empfindlich abgestempelt. Seine besonderen Stärken und Fähigkeiten dagegen würden leicht übersehen, weil viele Hochsensible eher zurückhaltend seien.

"Bislang fehlen wissenschaftlich geprüfte diagnostische Instrumente", sagt Sandra Konrad, Psychologin an der Universität der Bundeswehr Hamburg. Im Rahmen ihrer Dissertation erstellt sie derzeit mehrere Studien zum Thema Hochsensibilität. So beruhten die deutschen Versionen der Fragebögen, die dafür derzeit genutzt werden, ausschließlich auf der Selbsteinschätzung von Betroffenen und seien nicht wissenschaftlich geprüft. "Hier versuche ich, Abhilfe zu schaffen."

Forschungsbedarf gibt es reichlich, wie sie sagt. Denn auch über Ursachen und Mechanismen von Hochsensibilität weiß man bisher nur wenig: "Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass es sich um eine genetisch bedingte Besonderheit der reizverarbeitenden Systeme handelt", sagt Konrad. Möglicherweise würden bei Hochsensiblen bestimmte Bereiche des Gehirns stärker erregt und Sinnesreize häufiger als "bedeutsam" eingestuft.

Michael Jack sieht die Diskussion pragmatisch: "Man kann sich für Hochsensibilität "nichts kaufen", deshalb hätte eine belastbare Diagnose auch keine unmittelbaren Konsequenzen", meint er. "Der Terminus kann aber helfen, dass Betroffene ihr Leben mehr ihrer Veranlagung entsprechend gestalten - und auch von den positiven Seiten der Hochsensibilität profitieren."

(dpa)
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