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Angst vor Sex und Nähe
Woran Sie einen Beziehungsphobiker erkennen

Haben Sie Angst vor Beziehungen?
Haben Sie Angst vor Beziehungen?
Trier. Was noch vor wenigen Wochen leidenschaftlich begonnen hat, scheint nun wie kalter Kaffee. Kein Kuss mehr, kein Sex mehr. Nur hin und wieder wallen kleine Gefühlswogen hoch. Sie fühlen sich ratlos? Dann haben Sie es vielleicht mit einem Liebesphobiker zu tun. Psychologen erklären, was das ist. Von Tanja Walter

Am Anfang war alles nur eine lockere Bettgeschichte. Es lief gut, beide haben Spaß zusammen und sehen sich öfter. Seine Signale sind deutlich: Er erhofft sich mehr, aber sie ist sich unsicher. Schließlich redet sie sich ein, dass sie nichts zu verlieren hat. Doch jetzt, wo die Sache ernster wird, zieht sie sich immer mehr zurück.

"Ich bekomme Schweißausbrüche, Beklemmungen, Herzrasen", schreibt sie in einem Forum. Der Traum von der Partnerschaft scheint ausgeträumt. Beim bloßen Gedanken an Sex, setzt eine Art Fluchtinstinkt ein und handfeste körperliche Symptome hindern sie daran, mit ihm zu schlafen.

Mehr Menschen als man denken mag, haben das selbst schon mal erlebt. Entweder, weil sie selbst Bindungsängste haben, oder mit einem "Liebesphobiker" zusammen sind. Rund 20 bis 30 Prozent der Deutschen sind es, schätzt die Trierer Psychologin Stefanie Stahl. Sie hat sich auf das Problem spezialisiert und kennt die Hölle, die diese Paare durchleben aus vielen Schilderungen. "Oft fühlt sich die Beziehung unverbindlich an. Sie hält dann dem Tauziehen aus Liebe und Distanz nicht Stand und zerbricht", sagt Stahl.

Selbsttest: Leiden Sie unter einer Angststörung?

Beziehungsphobie entsteht in der Kindheit

"Entstehen kann diese Angststörung dadurch, dass man in einer früheren Beziehung sehr verletzt wurde", sagt die Psychologin. Die Betroffenen halten sich oft selbst nicht für liebenswert und misstrauen anderen. Sie können nicht glauben, dass man sie lieben kann. Diese Tatsache weist die Spur zum Grundproblem: mangelndes Selbstwertgefühl. Den anderen dann lieber auf Distanz zu halten oder Hals über Kopf zu verlassen, sind bewährte Schutzstrategien, um das Problem zu lösen.

In vielen Fällen liegt die Ursache für dieses Verhalten nach Auffassung der Psychoanalytiker in den ersten Lebensjahren. Menschen, die als Erwachsene keine Bindung eingehen können, wurden oftmals in der Kindheit entweder vernachlässigt oder überbehütet. "Die Eltern sind zum Beispiel sehr vereinnahmend und überbehütend gewesen", sagt Stahl. Diese Kinder schreiten zur Befreiungsaktion im Erwachsenenalter, weil sie solche Erstickungsgefühle innerhalb einer Beziehung nicht mehr aushalten können. Ständig leben sie mit der Angst, sich selbst zu verlieren oder abhängig zu sein.

Ein ganzes Leben prägen auch Eltern, die in ihrer Beziehung zum Nachwuchs sehr distanziert und kühl sind. Ähnliche Auswirkungen kann es haben, wenn sich Elternpaare trennen oder eine unglückliche Partnerschaft führen. "Kinder, die das erfahren haben, sehnen sich im Erwachsenenalter oft nach Nähe", so die Psychologin und Buchautorin. Aufgrund ihrer Erfahrung bestimmt sie aber die Furcht davor enttäuscht oder selbst verlassen zu werden.

Brauchen Sie eine Psychotherapie?

Die seltsamen Strategien der Liebesphobiker

Um das nicht zu erleben, suchen die Betroffenen die Flucht nach vorn. Die Psychologie kennt dieses Verhalten bei vielen anderen Angsterkrankungen als Vermeidungsstrategie. Derjenige, der unter sozialen Ängsten leidet, meidet Situationen, in denen er im Mittelpunkt steht oder Interesse auf sich zieht. Wer Angst vor Menschenansammlungen hat, versucht diesen kategorisch aus dem Weg zu gehen. Ein Besuch im Supermarkt oder im Theater wird unter fadenscheinigen Gründen umgangen.

Bindungsängstliche kennen diese Not. So sehr sie auch die Nähe herbeisehnen, ist sie da, wollen sie die Distanz. Um die herzustellen, beschreiten die Betroffenen mitunter seltsame Wege. Sie fangen unerwartet und grundlos Streit mit dem Partner an. Zeichen können auch aufwändige Hobbys oder exzessive Sportarten sein, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Statt liebevoller Umarmung, Sex oder gemeinsamer Zeit mit dem Partner flüchtet der" Liebesphobiker" in zeitintensive Projekte oder in ihren Job. Die Arbeitstage werden immer länger. Das schafft für ihn den Abstand, den er braucht, um sicher zu sein, nicht verletzt werden zu können. "Auf anfänglich totale Leidenschaft folgt eine gestörte Sexualität und schließlich der plötzliche Gefühlstod", beschreibt Stahl.

Märchenprinzessin wird zum Mängelexemplar

Acht Fakten zu Panikstörung FOTO: dpa, Martin Gerten

Das befremdliche Verhalten ist folgenreich: Es ist nicht nur für den Partner schwer zu verstehen und zu akzeptieren, sondern führt zu einer Entfremdung. Der Bindungsängstliche verliert den Kontakt zu seinen eigenen Gefühlen und verspürt auch keine liebenden Emotionen mehr gegenüber seinem Partner. Es fühlt es sich so an, als liebten sie den Partner nicht genug. Das entzaubernde Ergebnis bringt die Psychologin so auf den Punkt: "Die Märchenprinzessin wird zum Mängelexemplar."

Unbewusst wählen manch Bindungsängstliche von vornherein immer nur Fernbeziehungen oder verlieben sich in Personen, die verheiratet oder leiert sind. Auf diese Art und Weise entgehen sie den selbstinszenierten ständigen Wechselduschen in einer Beziehung und dem Pingpong zwischen Liebesrausch und Liebesentzug. Denn diese Form der Beiziehung bringt das für sie nötige Hin und Her zwischen Nähe und Abweisung direkt mit sich. Funktionieren solche Strategien nicht, können sich bei den Betroffenen körperliche Symptome einstellen, die von Ohrensausen über Herzrasen, Magenprobleme, Schwindel, Luftnot bis hin zu handfesten Panikattacken reichen. Unbehandelt kann sich daraus eine Depression ergeben.

Was die Therapie bringt

Mit psychologischer Hilfe in einer Einzel- oder Paartherapie könnten die gebeutelten Paare eine neue Grundlage legen. Doch die bittere Wirklichkeit zeigt: "Meist schaffen es die Betroffenen gar nicht, sich die Bindungsangst einzugestehen", sagt Stefanie Stahl. Viele merken zwar, dass sieben oder acht Beziehungen nach immer demselben Muster ablaufen, doch sie neigen dann eher zu Fragen wie: Steht der andere nicht auf mich? Am Ende laufen sie vor der unheimlich gewordenen Beziehung weg, statt eine Therapie zu beginnen, in der sie lernen Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen, Gefühle in geeigneter Form zu äußern und sich selbst anzunehmen.

Partnern, die in solch schwierigen Beziehungen leben, rät sie, ihr Gegenüber direkt mit der Vermutung "Liebesphobie" zu konfrontieren und auf eine Therapie zu drängen. Das kann der einzige Weg sein, die Zweisamkeit zu retten.

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