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Reportage
Unterwegs mit einer Pflegerin

Reportage: Unterwegs mit einer Pflegerin
Pflegerin Beate Groß betreut die Kunden in deren eigenen vier Wänden. FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Beate Groß betreut Alte und Kranke. Viele empfinden ihre Besuche als lebenswichtig. Oft sind sie der einzige Kontakt zur Außenwelt. Von Marcel Romahn

6.20 Uhr: Beate Groß schließt die Wohnungstür auf. Es riecht muffig in der kleinen, dunklen Hochhauswohnung im Süden von Düsseldorf. Die 59-Jährige kennt sich aus und weiß, dass sie die Bewohnerin ganz hinten rechts im Schlafzimmer findet. Mit einem lauten "Guten Morgen, wie geht es Ihnen?" begrüßt sie die 84-jährige Doris Schiefer, die dort im Bett liegt. "Es geht so", antwortet diese. Zum Aufwachen gibt es Smalltalk, über das kalte Wetter, über die beiden Wellensittiche der Seniorin, die im Hintergrund zwitschern, und den Rücken, der ihr wieder zu schaffen macht. Dann geht es los mit dem Programm: waschen, ankleiden, Kompressionsstrümpfe anziehen.

Beate Groß stellt den Rollator an die Bettkante, während Frau Schiefer, die an einer Arthrose der Wirbelsäule leidet, die Bettdecke, auf der Medikamente, Taschenlampe, Wasserflasche und Zeitschriften verteilt sind, von sich wegschiebt. Der Weg ins Badezimmer dauert einige Minuten - durch den Flur, vorbei an gerahmten Bildern, die eine lebensfrohe Frau Mitte 50 aus vergangenen Tagen zeigen, als ihr Mann noch lebte, als beide regelmäßig an Karnevalssitzungen teilnahmen. Im Badezimmer setzt sich die Seniorin auf die Toilette. Einmal in der Woche wird sie geduscht. Heute ist jedoch nur die Grundpflege angesetzt, mit Waschlappen und Lotion. Beim Ankleiden fragt Beate Groß: "Eine oder zwei Einlagen?" Ihre Kundin ist inkontinent. "Eine reicht", sagte sie.

Nach etwa 20 Minuten ist die Pflege beendet. Beate Groß begleitet die Dame zum Küchentisch. Dort wird sie warten, auf ihren Sohn, der Spätschicht hatte, im Zimmer nebenan schläft, und nachher mit ihr frühstückt. "Ich muss wieder los", sagt Beate Groß und streichelt der Seniorin über die Schulter. "Morgen kommt die Kollegin zu Ihnen." Dann verlässt die Pflegerin die Wohnung und steigt in ihren kleinen Seat. Das war Kunde Nummer eins. Bis 12 Uhr stehen zehn weitere Besuche auf dem Plan.

Starke Psyche ist Voraussetzung

Arbeitstage wie diese hat Beate Groß seit mehr als 24 Jahren, seit sie damals bei der Diakonie als Pflegekraft angefangen hatte. Zuvor war die Düsseldorferin Krankenschwester. "In die Branche bin ich nach dem Abitur quasi reingerutscht", sagt sie. "Und ich bereue es nicht. Ich mache meinen Job sehr gerne." Allerdings gehöre die 59-Jährige nicht zu den Menschen, die sagen, dass sie Spaß an ihrer Arbeit haben. "Spaß ist das falsche Wort in diesem Job", sagt Groß. "Man sieht sehr viel Elend und erlebt schlimme Schicksale hautnah mit. Aber ich kann sagen, dass mein Beruf sinnvoll ist und ich anderen Menschen helfen kann." Einfach sei ihre Arbeit nie gewesen: "Man braucht eine starke Psyche, hohe Empathie und Belastbarkeit. Und man muss lernen, nichts von diesen Erfahrungen in den Feierabend mitzunehmen." Weil sie als Pflegerin jeden Tag Teil des Privatlebens vieler Menschen ist, sei aber vor allem eines wichtig: Diskretion. Deshalb verrät sie auch die richtigen Namen ihrer Kunden nicht.

Nach wenigen Minuten Autofahrt hält Beate Groß vor einem Einfamilienhaus in einer ruhigen Wohnsiedlung. Auf einem Smartphone, das mit spezieller Software ausgestattet und mit dem Zentralcomputer der Diakonie verbunden ist, überprüft sie kurz die Akte ihres nächsten Kunden. "Eigentlich mag ich technischen Schnickschnack ja nicht, aber das hier ist eine sehr praktische Sache", sagt die Pflegerin und scrollt sich durch die Krankengeschichte eines 91-Jährigen Mannes, der nach einem Schlaganfall nicht mehr laufen kann. "Er liegt seit Jahren im Bett", sagt Beate Groß. "Auch wenn er geistig immer noch relativ klar ist, hat ihn das verändert - einer der härteren Fälle heute." Die Pflegerin schultert ihre Umhängetasche, darin sind Desinfektionsspray, Plastikhandschuhe, Blutdruckgerät und Verbandszeug verstaut. Dann nimmt sie einen Schluck aus der Wasserflasche und steigt aus.

Bereits im Flur des Hauses riecht es nach Fäkalien. Beate Groß geht ins Wohnzimmer. Das war es zumindest früher mal. Heute ist das leergeräumte Zimmer das einzige, was Otto Waldner noch zu Gesicht bekommt. In der Mitte des Raumes liegt der 91-Jährige im Bett. Er ist wach, hat Kopfhörer auf und schaut Nachrichten, die über einen Flachbildfernseher flimmern. Die Pflegerin nimmt ihm die Kopfhörer ab. "Guten Morgen", sagt sie freundlich. "Ich hab mir in die Hose gemacht", antwortet der Mann mit leiser, zittriger Stimme. Beate Groß schaut unter die Bettdecke: "Oh ja, aber das kriegen wir alles hin."

Pflege ist zeitlich getaktet

Die Pflegerin geht in die Küche, stellt die Kaffeemaschine an. Während sie ihren Kunden pflegt, muss sie das Frühstück vorbereiten. Zurück im Wohnzimmer, muss sie den Senior umlagern und den Genitalbereich sorgfältig auswischen. Wie viel Zeit Beate Groß für diese Aufgaben hat, ist im Sozialgesetzbuch geregelt. Dort sind Orientierungswerte für einzelne Tätigkeiten genau definiert - von der Körperpflege bis hin zur Ernährung. So ist die Ganzkörperwäsche mit bis zu 25 Minuten veranschlagt, der Windelwechsel nach Stuhlgang mit bis zu zehn Minuten, die mundgerechte Zubereitung der Mahlzeiten mit zwei bis drei Minuten. "Das sind jedoch nur grobe Richtwerte, damit wir die Schichten planen können", sagt Groß. "In der Praxis muss man viele Faktoren berücksichtigen, Probleme vor Ort oder im Straßenverkehr. Wir wissen zwar, dass wir keine Zeit verlieren sollten, aber was zählt ist, dass der Kunde gut versorgt ist, wenn wir das Haus verlassen."

Seine Arme kann Otto Waldner noch bewegen. "Wir müssen zusammenarbeiten", sagt Beate Groß. Und so klammert sich der 91-Jährige an die Aufstehhilfe und dreht sich auf die Seite, während die Pflegerin damit beginnt, ihn sorgfältig mit feuchten Tüchern abzuwischen, die Bettwäsche und seine Windeln zu wechseln. Otto Waldner ist abgemagert, seine Gelenke knacken bei jeder Bewegung, seine Beine und Füße sind gekrümmt - kein Vergleich zu dem elegant gekleideten Herren, der auf den Fotos an den Wänden zu sehen ist. "Früher war er ein stattlicher Mann", sagt Beate Groß, während sie den Urinbeutel in der Toilette ausleert. "Er hat das Leben geliebt, und seinen Garten ganz besonders." Heute kümmert sich niemand mehr um den Garten. Er ist verwildert und grau. Otto Waldner ist alleine. Seine Frau ist tot. Mit seinem Sohn hatte er sich vor vielen Jahren zerstritten. "Das alles hat ihn sehr verbittert", erklärt Groß. "Er ist oft grantig zum Personal."

Nach der Grundpflege muss Beate Groß den Senior sorgfältig eincremen, besonders an den Beinen, wo die meisten rauen Stellen sind. Währenddessen rasiert sich Waldner im Liegen mit einem Trockenrasierer. Dann noch die Kissen aufschlagen, Finger- und Fußnägel schneiden, die Trinkbecher und Pillenfächer nachfüllen. Zum Schluss kümmert sich die Pflegerin um das Frühstück: ein Ei, kleingeschnittene, belegte Brotscheiben, dazu eine Gurke und Kaffee.

Beate Groß dokumentiert Arbeit in einer Mappe

Dass sich der Geruch des Essens inzwischen im Flur mit dem von Kot und Urin vermischt hat, stört sie nicht. Sie ekelt sich vor nichts mehr. "Wenn sich jemand übergibt, ist das für mich noch etwas schwierig", sagt sie. "Alles andere macht mir nichts aus." Zum Schluss serviert Groß dem Senior das Frühstück und verabschiedet sich freundlich. Otto Waldner grinst. "Danke", sagt er und führt ein kleines Stück Brot zum Mund. Noch zweimal wird ein Pfleger an diesem Tag nach dem Mann sehen. Beate Groß dokumentiert ihre Arbeit in der Mappe auf dem Küchentisch und verlässt das Haus durch den dunklen Flur - vorbei an einer kleinen Holztafel mit der Aufschrift: "Arbeite und strebe, aber lebe!"

Ihre nächste Kundin besucht Beate Groß seit mehr als sechs Jahren. Marie Krämer wohnt mit ihrem Mann in einer Altbauwohnung in der Innenstadt. Doch bis auf die schöne Fensteraussicht auf den Fernsehturm hat sie nicht mehr viel davon. Die 77-Jährige hat das Haus seit drei Jahren nicht verlassen. Die Pflegerin ruft die Akte auf dem Smartphone auf: "Sie hat zwei künstliche Kniegelenke, die schwer entzündet sind. Eigentlich müsste sie dringend operiert werden." Da die Dame jedoch schwere Herzprobleme hat, ist eine Operation ausgeschlossen. Deshalb muss die Pflegerin ihre Kundin heute waschen und ihr Kompressionswickel samt Schiene an beiden Beinen anlegen.

Selbst der Weg ins Badezimmer ist eine Herausforderung

Im vierten Stock öffnet ihr Ehemann und führt die Pflegerin ins Wohnzimmer, wo Marie Krämer am Tisch frühstückt. Neben dem belegten Brot stapeln sich die Pillendosen, denn die Seniorin hat ständig Schmerzen. Selbst der kurze Weg mit dem Rollator ins Badezimmer ist eine Herausforderung. Beate Groß stützt ihre Kundin, erzählt von ihrem Kurzurlaub mit Freundinnen im Wellness-Hotel. "Das haben sie sich auch verdient", sagt Krämer und lächelt. Die Teilwaschung - so wird es in der Akte genannt - dauert zehn Minuten. Danach kommt der anstrengende Teil.

"Bitte, halt, stopp", ruft die Seniorin mit schmerzverzerrtem Gesicht, während ihr Beate Groß die Beine eincremt und verbindet. Ihre Beine sind stark angeschwollen, die Haut teilweise bläulich. Erst nachdem die stützenden Schienen an beiden Beinen angelegt und fixiert sind, beruhigt sich die Seniorin. Ihr Mann sitzt am Tisch und schaut zu. Er litt an Darmkrebs. Vor knapp 60 Jahren zog er mit seiner Frau in die Wohnung, die Eltern wohnten im Stockwerk darüber. Sein Blick wirkt traurig und resigniert, als er sagt: "Wir hätten so vieles anders machen müssen. Wir hätten rechtzeitig ausziehen sollen, oder runter ins Erdgeschoss. Jetzt ist alles zu spät. Und so haben wir nicht mehr lange."

Schicksale erträglicher machen

Bis zum Abend ist Marie Krämer versorgt. Beate Groß verabschiedet sich mit einer Umarmung. "So etwas darf man nicht zu nah an sich heran lassen", sagt die Pflegerin, während sie das Desinfektionsmittel in den Händen verreibt. "Daran würde man kaputt gehen. Und in diesem Job muss man immer konzentriert bleiben. Denn der nächste Kunde verdient dieselbe Aufmerksamkeit."

Bis zum Feierabend um 13 Uhr wird sie noch einer 88-Jährigen mit künstlichen Knie- und Hüftgelenken die Stützstrümpfe anziehen, einer Kundin mit Demenz, die eine Nierentransplantation hatte, Medikamente verabreichen und einer Schlaganfallpatientin die Windeln wechseln.

"Ich kann niemanden heilen", sagt Beate Groß zum Schluss. "Das schaffen auch die Ärzte nicht. Aber ich kann ihnen ihr Schicksal etwas erträglicher machen. Ich tue was ich kann."

Quelle: RP
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