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Kinderpsychologie
Sind Eltern schuld, wenn ihr Kind zu dick ist?

Dicke Kindern: Sind Eltern schuld, wenn ihr Kind übergewichtig ist?
FOTO: shurtterstock/ Jill Chen
Düsseldorf . Deutschland wird immer dicker, das zeigen viele Studien. Besorgniserregens ist, dass auch immer mehr Schulkinder zu viele Kilos auf die Waage bringen. Aber woher kommt der Trend in jungen Jahren? Ist es wirklich das Versagen der Eltern? Kinderpsychiater und Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff im Gespräch mit unserer Redaktion.  Von Susanne Hamann

Sportunterricht gehört in der Schule selbstverständlich zum Lehrplan. Die Kinder sollen so eine Abwechslung vom trockenen Tafelunterricht bekommen, ihre Koordination und schlicht ihre Fitness verbessern. Nicht mehr so selbstverständlich ist aber, dass ein Kind auch ohne Probleme daran teilnehmen kann. Immer häufiger sind überflüssige Kilos im Weg, das zeigt auch die Kiggs-Studie des Robert-Koch-Institus zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Demnach leiden rund 15 Prozent der Kinder unter Übergewicht. Sechs Prozent sind sogar adipös - Tendenz steigend. Aufgrund dieser Entwicklung wird die Ursachenforschung immer wichtiger.

Die Gene beispielsweise sind ein Faktor, der immer gerne angeführt wird. Tatsächlich kann das Erbgut bis zu 60 Prozent dafür verantwortlich sein, dass ein Mensch schon in der Kindheit beginnt in die Breite zu gehen. Das konnten Wissenschaftler durch Forschungen mit eineiigen Zwillingen, die getrennt aufwuchsen, bestimmen. 60 Prozent. Das ist zwar viel, es bedeutet aber auch, dass mindestens 40 Prozent von anderen Faktoren bestimmt werden. Stellt sich die Frage: Könnten Eltern diese Entwicklung ihres Kindes wirklich verhindern?

"Kinder haben noch kein Maß"

Dr. Michael Winterhoff ist Mediziner und Kinderpsychiater. Sein Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden", landete 2008 auf der Jahres-Bestsellerliste. Sein neues Buch heißt "Mythos Überforderung". FOTO: Peter Wirtz

"Ja, das können sie ganz sicher, denn die entscheidende Rolle im Leben eines Kindes spielen immer die Erwachsenen", sagt Kinderpsychiater und Autor Dr. Michael Winterhoff. "Kinder haben noch kein Maß und wissen auch nicht was gut für sie ist, man muss ihnen das zeigen und erklären". Was Winterhoff damit meint sind Situationen, die wohl jedes Elternpaar kennt: Lässt man das Kind an der Eisdiele so viel auswählen wie es will, wird es vermutlich über seinen Hunger bestellen, Bauchschmerzen bekommen – und beim nächsten Mal trotzdem wieder zu viele Kugeln wollen. Auch beim Planschen im kalten Wasser sind blaue Lippen und Dauerzittern für die Kleinen oftmals kein Grund aufzuhören. Vielmehr bewahrt sie in solchen Momenten nur ein klares Wort vor einer Verkühlung. 

"Was man daran erkennt ist, dass Kinder in diesen Momenten eine Begleitung brauchen", so der Kinderpsychiater. Eltern müssen ihnen sagen, wann es genug ist, und wann sie etwas anders machen müssen. Erfolgt das nicht entstehen für Kinder zwei Probleme: Sie müssen Entscheidungen treffen, auf die sie noch keine richtige Antwort haben, und Ordnung und Struktur gehen ihnen verloren.

Hektisches Essen statt familiärer Esskultur

Warum das der Grundstein für Übergewicht in jungen Jahren sein kann, lässt sich leicht an der wohl klassischsten Familiensituationen verdeutlichen: dem gemeinsamen Abendessen. Eine amerikanische Studie an über 8000 Vorschulkindern zeigte, dass eine einmal täglich als Familie eingenommene Mahlzeit die Häufigkeit der Adipositas im Kindesalter um fast 40 Prozent senkt. "Doch das gemeinsame Abendessen, das in Ruhe und an einem großen Tisch eingenommen wird, gibt es heute quasi nicht mehr", sagt Winterhoff.

"Auch in den Prozess vom Kochen, über das Eindecken bis hin zum Abspülen werden die Kinder nicht mehr eingebunden." Kurz: Die familiäre Esskultur ist in vielen deutschen Wohnzimmern dem Alltagsstress gewichen. Das bedeutet vor dem Fernseher essen, statt am Tisch. Lieber aus der Schachtel kochen, als selbst lange Gemüse schnibbeln.

Wie eine gesunde Ernährung funktioniert, wissen viele Kindern und somit auch Teenagern nicht. "Außerdem tendieren Kinder, die nicht lernen in Ruhe zu essen und auf ihren Magen zu hören dazu, zu viel in sich hineinzustopfen", so der Experte. Zum Problem wird das vor allem auf dem Heimweg oder am Schulkiosk, wenn die Kinder unbeobachtet sind.

Adipositas: Ursachen, Definition und die wichtigsten Fakten

Was in der Beziehung zwischen Eltern und Kind schief läuft

Wenn Eltern allerdings so viel Einfluss auf die Gesundheit ihres Kindes haben, fragt sich, wieso greifen viele nicht früher ein? "Was in diesem Verhalten in erster Linie sichtbar wird, ist, dass die Erwachsenen heutzutage selbst nicht mehr in sich ruhen." Winterhoff spielt damit auf eine gesellschaftliche Entwicklung an, auf die auch Burnout-Experten und Arbeitsmediziner schon lange verweisen: Computer und Smartphones haben in Berufs- und Privatleben zu einer so großen Schnellebigkeit und Informationsflut geführt, dass sich viele Menschen in einem Zustand der Überforderung befinden. Der Kinderpsychiater spricht in diesem Zusammenhang von "diffuser Angst, die daher rührt, dass zu viele Entscheidungen getroffen werden müssen."

Sicherheit und Unterstützung suchen Menschen in solchen Situationen in Beziehungen zu anderen. Wünschenswerterweise in Freundschaften oder einer Liebesbeziehung, immer mehr lassen sich aber auch von ihrem Kind sagen, was richtig und was falsch ist. "Überwältigt von den Anforderungen ihres eigenen Lebens, gehen Erwachsene eine Art Symbiose mit ihren Kindern ein, um durch sie Halt zu finden."

Anstatt "du" und "ich", gibt es für das Elternteil dann nur noch ein "wir", was für das Kind gleichbedeutend mit dem Ende des "Neins" ist. "Wenn Kinder aber keine Grenzen gesetzt bekommen, lernen sie, dass sie immer alles haben können und sind an vielen Stellen unselbständig." Maßlosigkeit - durch Erziehungsmangel anerzogen - ist auch hier das Stichwort. Gekoppelt mit dem Überangebot an Essen und der Tatsache, dass etwa gemeinsames Radfahren am Wochenende immer mehr dem Computerspielen und Seriengucken zum Opfer fallen, ist die teuflische Formel für starkes Übergewicht komplett.

Der in sich ruhende Erwachsene

So komplex die Problematik klingen mag, der Ausweg ist laut Winterhoff ganz einfach: "Der Erwachsene muss wieder mehr zu sich selbst finden. Nur, wer den Überblick über sein Leben hat und in der Lage ist konkrete Anweisungen zu geben, kann auch mit einem Kind angemessen umgehen." Ähnlich wie auch für viele Arbeitnehmer, lautet die Empfehlung an Eltern: Mehr Gelassenheit, trotz Alltagstrubel. Erfüllen kann diese magische Formel aber nur, wer aktiv etwas dafür tut. 

"Ich rate als erste Erfahrung immer zu einem großen Spaziergang", sagt Winterhoff. Dafür müsse man vier bis fünf Stunden laufen, alleine sein und eine Kleinigkeit zu essen dabei haben. "Am Anfang wird einen das recht stark unter Druck setzen, aber wer zwei bis drei Stunden durch Wald und Natur gelaufen ist, der merkt plötzlich, dass die Dinge in ihm zur Ruhe kommen."

Anstatt kreisender Gedanken sollen dann Entspannung, Klarheit und erste Glücksgefühle aufkommen. "Wenn der Erwachsene so zu sich selbst kommt, spürt er auch wieder eine gesunde Distanz zu seinem Kind, und hat wieder den Überblick über die Situation." Ist diese Erfahrung einmal gemacht, reiche es im Nachgang auch alle zwei Wochen etwas für sich selbst zu tun. "Das wichtige ist, dass Erwachsene lernen nicht immer so extrem hoch zu touren", so der Kinderpsychiater. 

Von einem Termin zum anderen hetzen, nebenbei schnell etwas essen, die Gesundheit vernachlässigen, vielleicht auch das Privatleben - "all das sind keine guten Ausgangspunkte um ein Kind auf gesunde Weise zu erziehen." 

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