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Serie "Mein gesundes Kind" Folge 10
Musik ist gesund für Geist und Seele
Serie "Mein gesundes Kind" Folge 10: Musik ist gesund für Geist und Seele
Musizieren ist für Kinder gesund. FOTO: Dörner
Hannover. Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie in Hannover, erklärt die Chancen und Grenzen kindlichen Musizierens. Manche These über die positiven Auswirkungen des Musikmachens seien nicht haltbar. Nachgewiesen sei aber, dass es die geistig-emotionale Entwicklung von Kindern fördert.

Macht der Klavierunterricht Kinder klüger? Verbessert das Orchester ihr Sozialverhalten? Nur wenige dieser vollmundigen und von Bildungspolitikern und Musikpädagogen gern behaupteten Einflüsse (sogenannte Transfereffekte) aktiver musikalischer Betätigung auf geistige Fertigkeiten hielten in den letzten Jahren einer kritischen wissenschaftlichen Überprüfung stand – und auch der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily blieb den Beweis für seine steile These "Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit" schuldig.

Immerhin brachte ihm dieses medienwirksame Statement im Jahr 2002 die vom Fachverband Deutsche Klavierindustrie verliehene Auszeichnung "Klavierspieler des Jahres" ein.

Der wissenschaftliche Bericht "Macht Mozart schlau?" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aus dem Jahr 2006 hält dagegen ernüchternd fest: Es gibt keine Belege für ursächliche Wirkungen von Instrumentalunterricht auf einzelne kognitive Leistungsbereiche. Damit ist die Überlegenheitsargumentation, die den Nutzen von Musikunterricht begründen soll, eigentlich beendet.

Aber bedeutet dies, dass eine aktive musikalische Betätigung folgenlos für die kindliche Entwicklung bleibt oder gar unnütz ist? Die Antwort ist eindeutig "nein" – man muss nur an anderen Stellen nachschauen. Das hat die entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Forschung in den letzten Jahren getan und ist zu überzeugenden Einsichten gelangt, warum eine Förderung kindlicher Musikaktivitäten positive Effekte hat.

Viele Sinne gleichzeitig angesprochen

Musikalische Aktivität zeichnet sich dadurch aus, dass sie viele Sinne gleichzeitig anspricht: Beim Chorsingen werden das Hören aufeinander, ein korrektes Notenlesen, eine gute Klangvorstellung und ein zeitlich genauer Einsatz gefordert. Präzise Bewegung im Toleranzbereich von Millisekunden garantiert erst, dass "Für Elise" nicht holprig klingt. Am Musikmachen sind 14 Hirnareale beteiligt, was ein hervorragendes Netzwerktraining bedeutet, denn ein eigentliches Musikzentrum gibt es nicht im Gehirn. Das Musizieren bedeutet vielmehr eine außerordentlich umfassende Verbindung zwischen vielen Teilgebieten des Gehirns.

Diese vielfältigen Anforderungen hinterlassen nach einiger Zeit natürlich ihre Spuren, und so wundert es nicht, dass die Neurowissenschaft bei aktiv Musizierenden in den Hör- und Bewegungsarealen eine höhere Nervenzellendichte festgestellt hat, was einer höheren Leistungsfähigkeit entspricht. Diese Effekte sind schon nach wenigen Wochen Klavierspiel zu beobachten.

Interessant ist auch die Verbindung zwischen sprachlichen und musikalischen Fertigkeiten: Die Hirnareale für Sprach- und Musikverarbeitung überlappen sich weitgehend, und so gibt es Hinweise darauf, dass Sprachentwicklungsstörungen mit einer schlechteren Unterscheidung ähnlicher Melodien (etwa "Hänschen klein" und "Der Kuckuck und der Esel") verbunden sind. Kinder mit solchen Sprachstörungen könnten vermutlich von musikalischer Hörerziehung profitieren, denn wer "ta" hörend nicht von "da" unterscheiden kann, für den ist auch die korrekte Aussprache dieser Laute schwierig. So wundert es auch nicht, dass musikalisch geschulte Kinder im Fremdsprachenunterricht bei der korrekten Aussprache von ihrem trainierten Gehör profitieren.

Beeinflussen denn Chorsingen und Orchesterspiel möglicherweise auch das Sozialverhalten positiv? Diese Vermutung, wird durch die aktuelle Forschung nicht unterstützt. Vielmehr beeinflusst die Teilnahme an einer Theater-AG Hyperaktivität und aggressives Verhalten besser als der Musikunterricht. Nach jüngeren Studien scheinen noch nicht einmal Mannschaftssportlern gegenüber Nichtsportlern über höhere soziale Kompetenz zu verfügen. Ohne Ehrgeiz und Leistungsvergleich funktioniert eben weder eine Fußballmannschaft noch ein Orchester.

Die Bedingungen einer erfolgreichen musikalischen Förderung des Kindes sind hinreichend bekannt: ein eigenes Instrument, ein Raum und genügend Zeit zum ungestörten Üben, ein guter Lehrer sowie elterliche Unterstützung. Genau bei den Eltern können nun aber auch die Schattenseiten der musikalischen Förderung wirksam werden, denn wie entgehen Kinder der elterlichen Überdetermination? Beispiele von überbestimmten jungen Musikern gibt es genügend, und Yehudi Menuhin ist nur ein besonders bekanntes: Bis zum 18. Lebensjahr lebte er behütet von Lehrern und Eltern ein Leben unter einer "Glasglocke". Diese elterliche Tyrannei führte bei dem Violinvirtuosen später zu erheblichen psychischen Spannungen.

Geistige Förderung

Ist Musizieren für Kinder denn gesund? Im Sinne einer umfassenden Förderung der geistig-emotionalen Entwicklung von Kindern ist diese Frage eindeutig zu bejahen. Dass Erlernen eines Instruments oder das regelmäßige Chorsingen eröffnet Kindern die Möglichkeit, sich ohne Sprache in einem anderen Kommunikationssystem differenziert emotional auszudrücken. Dies ist für den Musizierenden eine fundamentale und beglückende Erfahrung. In unserer Gesellschaft gibt es für musikalisches Können eine hohe soziale Anerkennung, und das auf der Geige vorgetragene Geburtstagsständchen hat schon so manche Träne der Rührung ausgelöst.

Allerdings gehört zur kindlichen Entwicklung auch eine körperliche Seite. Dem Klavierüben sollte als Ausgleich immer auch sportliche Bewegung gegenüberstehen. Bereits der berühmte Klavierpädagoge Friedrich Wieck wusste um die Bedeutung der Balance zwischen Üben und körperlicher Bewegung und wachte sorgsam über die Einhaltung der täglichen, mehrstündigen Spaziergänge seiner Tochter Clara Wieck.

Als Hilfe für Eltern bei ihrer Entscheidung für eine bestimmte Art der musikalischen Förderung hilft ein Bild: Wenn das Kind als "Pflanze" betrachtet wird, können die elterlichen "Gärtner" zwar die Bedingungen für eine gute Entwicklung bereitstellen (Licht, Wasser, Erde, Klima), doch sowohl ein Zuviel wie ein Zuwenig kann sich negativ auf das Wachstum auswirken.

Weiterführende Literatur: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, 2006): "Macht Mozart schlau?" 

Quelle: RP/anch
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