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Fotos aus dem Mutterleib
So dramatisch wirkt sich Rauchen auf Ungeborene aus

Rauchen in der Schwangerschaft: So wehrt sich ein Baby
Es scheint, als wehre sich das obere Ungeborene gegen das Rauchen seiner Mutter, während das Ungeborene einer Nichtraucherin unten ruhig schläft. FOTO: Dr. Nadja Reissland, Durham University
Düsseldorf. Blausäure, Arsen und Teer, das sind nur einige der giftigen Stoffe, die Ungeborene über die Nabelschnur erreichen, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht. Einer britischen Forscherin gelang es jetzt auf 4-D-Scans zu zeigen, welche schockierenden Auswirkungen das auf Föten im Mutterleib hat. Von Tanja Walter

Sie schlagen die Hände vor ihr kleines Gesicht, als wollten sie die Gefahr so abwehren. Es sind 4-D-Ultraschallbilder, der Psychologin Nadja Reissland von der Universität Durham in England, die anschaulich zeigen, wie Ungeborene auf die schädlichen Auswirkungen des Rauchens reagieren.

Um mehr über die vorgeburtliche Mimik und Gestik zu erfahren, untersuchte die britische Forscherin 20 Ungeborene und fertigte in verschiedenen Entwicklungsstadien Ultraschall-Filme von ihnen. Diese analysierte sie später und konnte so zeigen, wie sensibel die noch nicht Geborenen bereits zwischen der 24. Und 36. Woche auf äußere Reize wie das Rauchen ihrer Mütter reagierten.

Dabei zeigte sich, wie sich das Rauchen auf die Gesichtsbewegungen der Feten auswirkte. Die Babys rauchender Mütter waren viel unruhiger und hatten eine deutlich höhere Rate an Mundbewegungen und berührten ihr Gesicht deutlich öfter als die Ungeborenen der rauchfreien Kontrollgruppe. Einen Grund dafür sieht die Wissenschaftlergruppe um Reissland darin, dass das fetale Nervensystem durch das Nikotin beeinflusst werde.

Heftige Bewegungen bei den Feten rauchender Mütter, wie oben zu sehen, sind Zeichen einer Entwicklungsverzögerung. FOTO: Dr. Nadja Reissland, Durham University

Das bewirkt der Rauch beim Baby

Der Tabakrauch gelangt zunächst in die Lunge der Mutter und dann über das Blut und die Plazenta auch in den Kreislauf des Kindes. Dort löst die stimulierende Droge einen besonderen Bewegungsimpuls auf die Gesichtsmuskulatur aus. Bei den Ungeborenen nicht rauchender Mütter ist das genau umgekehrt. Im Verlauf der Schwangerschaft nimmt die Rate von Bewegungen ab. Noch wenige Wochen vor der Geburt verhalten sich hingegen die Ungeborenen rauchender Mütter noch so wie Feten normalerweise in einem früheren Entwicklungsstadium. Daraus schlussfolgern die Wissenschaftler, dass das Passivrauchen die normale Entwicklung verzögert.

Hintergrund: Passivrauchen und die Folgen FOTO: ddp

Mit ihren bahnbrechenden Bildern aus dem Mutterleib macht das Forscherteam auf neue Art und Weise deutlich, wie sehr das Rauchen in der Schwangerschaft den Ungeborenen schadet. Dennoch kann, so schätzen Experten, ungefähr jede zehnte Frau nicht davon ablassen. Mit verheerenden Folgen für das Baby: Früh-, Fehl- oder Totgeburten können Folge dessen sein.

Geringes Geburtsgewicht und schlappes Immunsystem

Unzählige anderer Folgeschäden sind bislang wissenschaftlich bestätigt und untersucht. In Anbetracht der möglichen Schäden, die Kinder durch die Sucht der Mutter erleiden können, scheint ein geringeres Geburtsgewicht auf den ersten Blick noch vergleichsweise harmlos. Meist aber ist schon das ein Irrtum. Denn in Zusammenhang mit einem geringen Gewicht, das bei passivrauchenden Neugeborenen rund 350 Gramm weniger beträgt, ist auch oft das Immunsystem solcher Kinder nicht so abwehrstark.

Über die Nabelschnur wird das Kind eigentlich mit den Nährstoffen versorgt, die es zum Wachstum und für die Entwicklung benötigt. Bei einer rauchenden Mutter hingegen bahnen sich über den gemeinsamen Blutkreislauf neben dem Lebensnotwendigen aber auch giftige und krebserregende Substanzen wie Arsen, Benzol, Blausäure, Blei, Teer, Nikotin ihren Weg in den Organismus des Ungeborenen.

Rauchen verursacht beim Ungeborenen einen akuten Sauerstoffmangel, denn durch das aufgenommene Kohlenmonoxid sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut drastisch ab. Einen weiteren Knick bekommt die Sauerstoffversorgung dadurch, dass sich in Folge des Rauchens nicht nur die Durchblutung bei der Mutter schlechter wird, sondern sich auch die Kapillargefäße sowie die Blutgefäße in der Plazenta zusammenziehen. Der Effekt auf das Baby ist ähnlich dem, als würde man einem Taucher unter Wasser die Luftversorgung zudrücken.

Diese Missbildungen kann Rauchen verursachen

Leicht lässt sich so nachvollziehen, warum Rauchen ein bedrohliches Risiko für das ungeborene Kind darstellt. Die Substanzen, die eine Schwangere mit dem Zug an einer Zigarette aufnimmt, können nicht nur zu neurologischen Schäden führen, sondern auch Missbildungen an Händen und Füßen, Gaumen und nicht zuletzt sogar am Herzen verursachen.

Eine amerikanische Studie kam nach der Untersuchung von über 14.000 Kindern zu dem Ergebnis, dass das Risiko eines Fehlers am lebenswichtigen Organ um bis zu 19 Prozent höher liegt, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht. Schon bei einer Menge bei einer bis zehn Zigaretten erhöht sich die Gefahr erkennbar und steigt bei einem Konsum von bis zu 20 Zigaretten deutlich an. Rund ein bis zwei Prozent der Herzfehler bei Babys führen britische Wissenschaftler auf diese Sucht zurück.

Amerikanische Mediziner haben herausgefunden, dass Kinder rauchender Mütter selbst noch im Alter von acht Jahren an den Folgen leiden, auch wenn sie ansonsten scheinbar ohne größere Schäden davon gekommen sind. Sie haben bereits im Kindesalter schlechtere Blutfettwerte. Dieser Mangel an gutem HDL-Cholesterin sorgt – so vermuten die Wissenschaftler – im Erwachsenenalter dafür, schneller Herz-Kreislauferkrankungen wie Bluthochdruck oder Schlaganfälle, zu bekommen.

Außerdem weisen die Kinder rauchender Schwangerer als Jugendliche oft einen höheren Körperfettanteil auf. Die Neigung, fettiger zu essen sehen Forscher in Zusammenhang mit der Größe einer bestimmten Hirnregion. Je kleiner diese Hirnregion ist, desto mehr langen die Teenager bei fettigen Dingen zu. Den Grund dafür sehen die Wissenschaftler darin, dass in diesem Hirnteil Belohnungsreize wie Essen verarbeitet werden.

Verhaltensauffälligkeiten und ADHS durch den blauen Dunst

Die mütterliche Sucht nach dem Glimmstängel soll zudem die Gefahr um das Vierfache ansteigen lassen, dass ihr Kind später Verhaltensauffälligkeiten wie das Zappelphilip-Syndrom – also ADHS– zeigt. Auch waren Störungen im sozialen Verhalten der Kinder rund dreimal häufiger als bei den Kindern einer Mannheimer Vergleichsgruppe. Und das unabhängig davon, wie viel die Mütter in der Schwangerschaft geraucht hatten. Zu ähnlichem Ergebnis kommt auch eine britische Studie. 

Bekannt ist außerdem, dass sich das Rauchen sogar Generationenübergreifend auswirkt. Im Tierversuch wurde nachgewiesen, dass Nikotin einen bestimmten Schalter in den Genen verändert und auf diese Weise nicht nur bei direkten Nachkommen, sondern auch späteren Generationen das Asthmarisiko erhöht ist, berichtet die Raucherambulanz des Universitätsklinikums Dresden. In solchen speziellen Ambulanzen kann Schwangeren geholfen werden, von der oftmals schon lange bestehenden Sucht loszukommen.

Kinder kommen teils nikotinsüchtig auf die Welt

Entgegen des Gerüchts, man solle in der Schwangerschaft nicht abrupt mit dem Rauchen aufhören, weil das zu Entzugserscheinungen beim Kind führe, gibt es keine Studien, die das belegen. Darum raten Mediziner Frauen auch in der Schwangerschaft dringend dazu, damit aufzuhören. Denn nur so lässt sich das Risiko für schwere Zwischenfälle und Missbildungen reduzieren.

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